Aus aktuellem Anlass: Tagebuch eines Ungeborenen
Ein Beitrag von
Frauke Brosius-Gersdorf, die von der SPD nominierte Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, sorgt mit ihrer Position zum Schwangerschaftsabbruch für Aufregung. In ihrem 2024 veröffentlichten Aufsatz „Menschenwürdegarantie und Lebensrecht für das Ungeborene. Reformbedarf beim Schwangerschaftsabbruch“, argumentierte die 54-Jährige, dass die Annahme, Menschenwürde gelte automatisch für jedes menschliche Leben, ein „biologistisch-naturalistischer Fehlschluss“ sei. Sie kommt zu dem Schluss, dass es „gute Gründe“ gebe, die Menschenwürde erst ab der Geburt anzusetzen.
Wie ist das nun mit der Menschenwürde vor der Geburt? Ist es wirklich ein „biologistisch-naturalistischer Fehlschluss“, menschliches Leben erst mit dem Tag der Geburt beginnen zu lassen? Und vor allem: Ist es Aufgabe einer Juristin, diese Frage zu beurteilen, in der es buchstäblich um Leben oder Tod gehen kann?
Lesen Sie hier das fiktive Tagebuch eines Ungeborenen, in dem Gedanken nachempfunden und ausgesprochen werden – die pränatale Entwicklung aber real und auf dem neuesten Stand der Forschung ist. Es erschien zuerst im amerikanischen Time-Magazin.
13. November
Heute hat mein Leben begonnen. Doch meine Eltern wissen es noch nicht. Ich bin noch kleiner als ein Apfelkern, aber schon unverwechselbar i c h. Ich werde ein Mädchen sein – mit blauen Augen.
27. November
Ein bisschen größer bin ich schon geworden, aber immer noch zu klein, um irgendetwas aus eigener Kraft zu tun – Mutter tut alles für mich – dabei hat sie noch immer keine Ahnung, dass es mich in ihrem Bauch gibt.
2. Dezember
Jetzt beginnt mein Mund ein Mund zu werden. In einem Jahr kann ich damit lachen. Und ein wenig später damit sprechen. Ich weiß sogar schon, welches mein erstes Wort sein wird: Mama.
6. Dezember
Heute hat mein Herz angefangen zu schlagen. Von nun an wird es in gleichmäßigem Takt mein Leben lang klopfen.
12. Dezember
Jeden Tag wachse ich ein bisschen. Meine Arme und Beine bekommen allmählich Form. Aber ich werde noch lange brauchen, bis ich mit diesen Beinen zu Mama und Papa laufen kann.
22. Dezember
An meinen Händen bilden sich winzige Finger. Eines Tages werden sie eine Puppe halten, einen Ball werfen, eine Blume pflücken und andere Hände anfassen.

Das Cover des Bildbands „Ein Kind entsteht“ von Lennart Nilsson, einem berühmten schwedischen Fotografen, der durch seine Pionierarbeit in der medizinischen Fotografie bekannt wurde. Das gezeigte Bild stellt einen menschlichen Fötus im Mutterleib dar – und zwar etwa in der 20. Schwangerschaftswoche.
30. Dezember
Heute hat der Doktor meiner Mutter gesagt, dass es mich gibt. Bist du glücklich darüber, Mama?
3. Januar
Mama und Papa wissen nicht, dass ich ein Mädchen bin. Vielleicht warten sie auf einen Sohn. Oder auf Zwillinge. Ich werde sie bestimmt überraschen.
16. Januar
Ich habe schon ein richtiges Gesicht. Hoffentlich sehe ich einmal so aus wie meine Mutter.
20. Januar
Wenn es nicht so stockdunkel um mich herum wäre, könnte ich schon sehen. Aber bald werden meine Augen die Welt draußen wahrnehmen können – Sonnenschein, Blumen, kleine Kinder. Und vor allem: Mama, wie siehst du aus?
1. Februar
Mama, ich kann dein Herz schlagen hören. Nimmst du auch mein leises Tap-tap wahr? Du wirst eine ganz gesunde, kleine Tochter haben. Manche Mütter wollen ihre Kinder gar nicht haben – ich jedenfalls kann es kaum erwarten, auf deinen Armen getragen zu werden, dein Gesicht anzufassen und dich anzufassen. Ob du auch so gespannt auf mich wartest wie ich auf dich?
4. Februar
Mama, warum hast du das getan? Warum hast du es zugelassen, dass sie mein Leben nahmen? Wir hätten es doch so schön zusammen haben können.
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Louis Hagen
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