Bildungsarmut nach Corona: Die Zahl der Sitzenbleiber explodiert
Nach zwei Jahren Corona, in denen die deutschen Kinder nicht nur bei offenem Fenster im Unterricht frieren mussten, sondern lange Zeit überhaupt nicht zur Schule gehen konnten, zeigt sich nun was das mit ihrer Bildung angerichtet hat. Lockdowns, Isolation und Homeschooling sei dank, ist die Zahl der Sitzenbleiber explodiert.
Bundesweit mussten im vergangenen Jahr insgesamt 155.800 Kinder ihre Klasse wiederholen, so das statistische Bundesamt – das sind ganze 67 Prozent mehr als im Schuljahr 2020/2021. In einzelnen Bundesländern ist der Prozentsatz sogar noch höher, so zum Beispiel in NRW. Der Anstieg der Kinder, die die Schulbank nochmal drücken mussten oder wegen ihrer schlechten Noten freiwillig wiederholten, ist in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland um sagenhafte 126 Prozent gestiegen – von 15.417 auf 34.790 Kinder.
Sitzenbleiben wurde während Corona ausgesetzt
Der dramatische Anstieg lässt sich neben den massiven Lernlücken vor allem dadurch erklären, dass die Versetzungsregeln im ersten Corona-Jahr verändert oder ganz ausgesetzt wurden – „die Versetzung [wurde] vielfach nicht mehr an die schulischen Leistungen geknüpft“, so das Statistische Bundesamt. Viele Kultusministerien befanden 2020/2021, dass man die Leistung der Kinder im Distanz- und Wechselunterricht nur eingeschränkt bewerten könne. Zurecht – und doch war die Maßnahme keine Lösung für das Problem, sie hat es nur verschleppt.
Der Prozentsatz der Sitzenbleiber ist im Vergleich zum – weitgehend corona-freien – Schuljahr 2019/2020 zwar „nur“ um etwa acht Prozent gestiegen, doch man kann wohl davon ausgehen, dass die meisten Lehrer die fremdverschuldeten Bildungslücken ihrer kleinen Schützlinge auch nach der Wiedereinführung der normalen Versetzungsregeln noch milde bewertet haben und bei Versetzungen im Zweifel eine Auge zudrückten.
Studien zeigten schon 2021 massive Lernrückstände
Das ist zumindest naheliegend, wenn man Studien- und Untersuchungsergebnisse der letzten zwei Jahre betrachtet. In Berlin gab die Senatsverwaltung im November 2021 bekannt, dass 25 Prozent – also ein Viertel aller Berliner Schüler – mit Lernrückständen zu kämpfen hätten. Gleichzeitig wurden auch bei den Hamburger Drittklässlern „deutliche Lernrückstände“ festgestellt. Der Anteil lernschwacher Schüler stieg dort im Jahr 2021 im Bereich Lesen um 11,1 Prozent und in Mathematik um 8,7 Prozent. Im März 2022 zeigte dann eine Studie der Technischen Universität Dortmund, dass auch die Lesefähigkeit der Viertklässler dramatisch gesunken ist – die Schüler seien im Laufe der Pandemie um ein halbes Lernjahr zurückgefallen.
Während die Leistung der Schüler immer weiter abfiel, explodierten gleichzeitig die Zahlen der psychischen Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen – über die Pandemie-Jahre kam es zu einem massiven Anstieg von Krankheiten wie Depressionen und Essstörungen. Die Kinder- und Jugendpsychatrien waren Ende 2021 / Anfang 2021 so voll, dass Kinder mit Matratzen auf dem Boden schlafen mussten und die Ärzte gezwungen waren eine Triage bei den Kindern anzuwenden – das bedeutet, wer nicht mindestens Suzidgefährdet war, wurde überhaupt nicht mehr aufgenommen.
Das lange Ende kommt noch
Insgesamt steht also zu befürchten, dass sich das Ausmaß der Bildungslücken durch Unterrichtsausfälle, fehlende Kompetenzentwicklung in jungen Jahren und die immense psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen erst in den nächsten Jahren richtig zeigen wird.
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