Cancel Culture: Hausverbote und Absagen gehören für Comedian Nikolai Binner zum Alltag
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Comedian Nikolai Binner gibt die genauen Locations seiner Auftritte meist erst spät bekannt. Zu oft hat er es erlebt, dass die Betreiber der Auftrittsstätten Shitstorms kassiert haben – und unter ihnen einknickten.
Was Nikolai Binner am Dienstag, den 20. Januar, widerfährt, ist für ihn längst neue Normalität. Das Kesselhaus in Berlin, eine Location, hat ihm abgesagt. „So wie meine Bookerin die Situation einschätzt, ging die Absage nicht vom Chef aus“, sagt Binner. „Aber sein Team ist wohl auf die Barrikaden gegangen.“ Routiniert suchen er und die Bookerin nun nach einer alternativen Location für den Auftritt in einigen Wochen.
Urvater des Hausverbots in Berlin ist der Mad Monkey Room – ein bekannter Comedy-Club, in dem der Comedian schon seit langem nicht mehr auftreten darf.

Crowdwork – also die spontane Interaktion mit dem Publikum – ist Binners größte Leidenschaft.
„Die Absage kam am Tag selbst“
„Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in genau dieser Situation war“, erzählt Binner. „Der Ablauf ist dabei mehr oder weniger der gleiche – mit minimalen Variationen: Nachdem ein Veranstaltungsort öffentlich preisgibt, dass ich dort auftrete, hagelt es empörte Mails. Die Menschen weisen den Veranstalter darauf hin, was ich für einer bin, und fragen, ob man denn wirklich mit einem wie mir zusammenarbeiten wolle.“ Binner eckt mit seinen Witzen über Migration, linkswoken Zeitgeist und gegen den politischen Mainstream an.
Er erinnert sich an einen geplanten Auftritt in Erfurt. „Die Absage kam am Tag des Auftritts. Wenn man meinen Namen googelt, kommt sofort ein Taz-Artikel, der Lügen über mich verbreitet. Das mit den Hausverboten geht schon seit 2020 so und hat sich nach dem Artikel verstärkt.“ In dem Artikel der Taz wird Binner mit den gängigen Diffamierungs-Mechanismen und Unwahrheiten als Neu-Rechter verunglimpft.
Dass Comedy – also genuine Herrschaftskritik – zunehmend von Ausgrenzung und Cancel Culture betroffen ist, ist dabei ein Widerspruch in sich. Satire lebt von Grenzüberschreitungen, wird sie gezähmt, hört sie auf, Satire zu sein, denn sie ist der Definition nach unbequem.
„Ausländer sind noch nicht so gebrainwashed wie die meisten Deutschen“
„Fast alle Comedians, die mich nicht canceln und stattdessen bei ihren Shows auftreten lassen, sind Schwarze und Comedians mit Migrationshintergrund“, berichtet Binner. Nur noch selten darf er bei den Shows von Kollegen auf die Bühne – eigentlich ein übliches Prozedere in der Branche. Zu denen, die sich nicht durch den Cancel-Mob beirren lassen, gehören beispielsweise Soso Mugiraneza, der aus Burundi stammt, oder ein Comedian mit kongolesischen Vorfahren. In Wien wollte ein wütender Mob einmal erreichen, dass er nicht auftrat – doch der afghanische Besitzer blieb standhaft. „Ausländer sind noch nicht so gebrainwashed und kopfgefickt wie die meisten Deutschen“, glaubt Binner.

Comedian Felix Lobrecht im Jahr 2024
Dass er während Corona so selten auftreten durfte, ist für Binner auch aus Qualitätsgründen ein Problem: „Als Comedian erarbeitest du dir Comedy-Nummern bei Open Mics. Das heißt, du schreibst zwar vielleicht auf dem Zimmer Witze. Aber wo die Energie hingeht, entscheidet sich letzten Endes immer auf der Bühne. Berlin ist die Stadt mit den meisten Open Mics in Deutschland, danach kommt Köln.“ Deshalb zog der gebürtige Hesse vor vielen Jahren nach Berlin. „Man muss mindestens sechs, sieben Mal pro Woche auf die Bühne gehen. Vor Corona bin ich zwei, dreimal pro Abend auf der Bühne gestanden, habe um die zehn Minuten lang Witze getestet.“
Seit Corona überall Hausverbote
Mit Corona kam dann der große Bruch. „Seitdem ist es so, dass ich überall Hausverbot habe.“ Er kritisierte die Maßnahmen, Impfdruck und Politiker. Das typische Portfolio, mit dem man schnell zum Querdenker wegdefiniert wurde. Einmal, auch das war während der Corona-Zeit, stellte Michael Mittermeyer die Organisatoren einer Veranstaltung vor die Wahl: Er oder ich. „Und das, obwohl wir uns bei einer Veranstaltung in der Vor-Corona-Zeit noch freundlich unterhalten hatten. Er machte mir sogar Komplimente für meine Witze. Aber mit meiner Corona-Kritik, mit der Kritik an Impfdruck und Maßnahmen kam er nicht klar.“ Am Ende entschied sich der Veranstalter für den deutlich bekannteren Mittermeyer.
Hier kritisiert Binner in seiner ihm eigenen Art, dass im Berliner Grunewald Bäume für Windräder plattgemacht werden sollen:
Da er in Berlin kaum mehr auftreten durfte, zog Binner nach Köln. „Dort darf ich zumindest bei zehn bis zwanzig Prozent der Open Mics auftreten, das ist besser als gar nichts.“ Binner: „Absurderweise ist die Kritik nie, dass meine Witze nicht funktionieren. Es heißt immer nur: Leute beschweren sich. Oder: Dieser und jener will dich nicht auf der Bühne haben.“
Nicht einmal Felix Lobrecht, den Binner selbst anfangs auf seinen Shows auftreten ließ, lässt ihn noch bei sich auftreten. „Ich kann ihn sogar ein Stück weit verstehen. Es gibt für ihn nichts zu gewinnen. Trotzdem, wir hatten immer ein kollegiales Verhältnis, und ein wenig schade finde ich es doch.“
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