Der Fall „Hoss & Hopf”: Das Drehbuch eines gescheiterten Versuchs von „Cancel Culture”
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Seit mehreren Wochen steht der Podcast „Hoss & Hopf“ an der Spitze der deutschen Podcast-Charts. Dann jedoch beginnt eine Medienkampagne. TikTok-Accounts werden gelöscht. Ein Lehrstück, wie die Mechanismen der Cancel Culture funktionieren – oder besser gesagt: nicht mehr funktionieren und ins Leere laufen.
Seit rund einer Woche sehen sich zwei der erfolgreichsten deutschen Podcaster einer intensiven Medienkampagne ausgesetzt. Doch was ist dran an den Vorwürfen?
„Hopf & Hoss“, wie sie sich nennen, kommen beide aus der Finanzbranche und haben als Selbstständige ihr Geld verdient. Hopf führt in Stuttgart ein Unternehmen, das Anlagetipps für Risikokapital anbietet. Hossainpour lebt in Dubai und ist schon in jungen Jahren durch Investitionen in die Kryptowährung Bitcoin zum Millionär geworden. Der Stuttgarter und der Berliner lernten sich über das Internet kennen und veröffentlichten im September 2022 die erste Folge ihres gemeinsamen Podcasts, der mittlerweile zu den meistgehörten in Deutschland gehört.
Ein libertärer Podcast
In ihrem Podcast geht es in lockerer Gesprächsrunde um alles Mögliche – „das Leben im Allgemeinen“, wie Philip Hopf erklärt. Dabei streifen sie auch immer wieder die Themenfelder Politik, Wirtschaft oder Finanzen. Im Fokus steht jedoch laut eigenen Angaben der Ansporn an die Zuhörer, nach „finanzieller Freiheit“ zu streben, um über „alle möglichen Lebensentscheidungen frei entscheiden zu können“.
Beide glauben fest an die klassisch libertäre Erzählung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Kein Wunder also, dass ihr Podcast von einer gehörigen Portion Staatsskepsis und Regierungskritik begleitet wird.

Der Vorwurf: Philip Hopf (39) und Kiarash Hossainpour (24) würden mit Verschwörungstheorien und rechter Rhetorik ein junges Millionenpublikum vergiften. (Screenshot: Hoss & Hopf)
Der derzeitige Umgang mit „Hoss & Hopf“ liefert nun das perfekte Beispiel, wie das Drehbuch der „Cancel Culture“ funktioniert. Und warum die Mechanismen immer öfter nicht mehr greifen und den Angegriffenen nur zu noch mehr Reichweite verhilft.
Der staatliche „Kampf gegen Desinformation“ bestimmt den Raum des Sagbaren
Zunächst ist es wichtig, die Rahmenbedingungen zu verstehen, unter denen die Öffentlichkeit funktioniert. Seit Jahren hat sich die Regierung dem „Kampf gegen Desinformation“ verschrieben. Übersetzt heißt das: Welche Narrative gewünscht sind und welche nicht, bestimmt der Staat. Alles, was nicht ins vielfältige und bunte Weltbild passt, gilt mittlerweile als „demokratiegefährdend“, „rechts“ oder im Extremfall auch als „verschwörungsideologisch“.
Wer etwa die Migrationspolitik kritisiert, wie es auch „Hoss und Hopf“ immer wieder machen, droht den Raum des Sagbaren zu verlassen. Kein Wunder also, dass dem Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, bereits vor Wochen in der Stuttgarter Zeitung Übles schwante: „Hoss & Hopf“ seien Teil einer „rechtslibertären Subkultur, die vor allem junge Männer anzieht“ und den „Bitcoin als Befreiungsbewegung“ preise. Das klingt übel!
Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte schon im Juni 2020 klargestellt, an wen der „Kampf gegen Desinformation“ – schließlich handelt es sich dabei meist um nicht strafbare Inhalte – ausgelagert wird: die sogenannte Zivilgesellschaft und selbsternannte Faktenchecker. „Der Kampf gegen Desinformation ist eine zentrale Herausforderung zum Schutz unserer Verfassung – deshalb dürfen wir diesen Schutz nicht nur als behördliche Aufgabe des BfV verstehen. Verfassungsschutz ist eine umfassende Aufgabe von Staat und Gesellschaft“, erklärte Faeser. Staatliche Hoheiten werden ganz einfach „outgesourced“ – an Organisationen ohne demokratische Legitimierung, die unter dem Label „Zivilgesellschaft“ agieren.
Die Markierung beginnt
Womit wir zum zweiten Schritt im Falle des Podcasts von „Hoss & Hopf“ kommen: Die Markierung durch staatlich finanzierte Lobbygruppen beginnt. Im Juni 2023 findet der Podcast „Hoss & Hopf“ erstmals Erwähnung in einem Text der Amadeu Antonio Stiftung unter dem klangvollen Titel: „Wie neoliberale Männerfantasien den Weg in den Faschismus ebnen“.
Wenige Monate später sprangen auch die Medien auf den Zug auf. Am 11. Februar veröffentlichte der Stern den Artikel „Einer der erfolgreichsten Podcasts impft unsere Kinder mit radikalem Gedankengut – und keiner kriegt’s mit“. Darin berichtet eine besorgte Mutter, dass ihr 14-jähriger Sohn den Podcast hört und plötzlich „AfD-Sprüche klopft“.
Im Text heißt es beispielsweise:
„Wie kann es sein, dass mit den Steuern deutscher Bürger die Flüchtlingsschiffe bezahlt werden, die die Flüchtlinge an der Küste in Afrika abholen, in größere Boote setzen und nach Italien bringen? Das geht überhaupt nicht“, sagt mein Sohn. Ich drehe mich zur Rückbank. Woher er das habe, frage ich. Aus dem Podcast, den alle hören. Die Typen seien Gurus, die hätten „krass Ahnung“.
Im restlichen Text geht es so weiter. Wie die Mutter ihren Sohn in der Öffentlichkeit bloßstellen will, und damit deutlich mehr über sich selbst preisgibt als über ihn, ist bemerkenswert. Auch der vorwurfsvolle Nebensatz im Titel „und keiner krieg’s mit“ könnte die fatale Fehleinschätzung des Mainstreams nicht besser beschreiben. Denn hunderttausende Menschen haben es mitbekommen, wie die wachsende Hörerzahl beweist. Immer mehr Menschen wenden sich von den etablierten Medien ab und greifen auf Alternativangebote zu.
TikTok sperrt Inhalte des Podcasts
Zahlreiche weitere Artikel griffen den Vorwurf auf, der Podcast richte sich vor allem an nichts ahnende Kinder: „Ist es zu spät, um die jugendlichen Fans mit Kritik an den Inhalten noch zu erreichen?“, fragte der MDR besorgt. „Wie rechte Influencer Kinder abfangen“, titelte am Samstag auch der Focus. Das Problem: Nur 0,4 Prozent der Hörer des Podcasts sind unter 18 Jahren, wie die von „Hoss & Hopf“ veröffentlichten Hörer-Statistiken bewiesen. Den größten Hörer-Anteil (28,1 Prozent) haben die beiden Unternehmer bei unter 25- bis 34-Jährigen, also erwachsenen Menschen.
TikTok sperrte im Anschluss an die konzertierte Kampagne – zahlreiche große Medien publizierten in kurzem Abstand ähnlich lautende Artikel – Accounts, die die Inhalte des Podcasts in kurzen Clips verbreiteten. „Wir gestatten keine ungenauen, irreführenden oder falschen Inhalte, die Individuen oder der Community erheblichen Schaden zufügen können, unabhängig von ihrer Absicht“, hieß es dazu. Persönliche Meinungen könnten geäußert werden, „solange diese keine schädlichen Fehlinformationen enthalten“.

Eine ZDF-Journalistin freute sich über die Zensur auf TikTok.
Wer aber bestimmt, was Falschinformationen sind oder was nicht? Wer entscheidet, was der „Community erheblichen Schaden zufügen“ könnte? Zumal mit keiner Silbe darauf eingegangen wurde, welche Falschinformationen denn überhaupt gemeint waren.
ZDF-Journalistin ist begeistert über Sperrung
Die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann jedenfalls freute sich diebisch über die Zensur, ohne zu verstehen, dass nicht ein Account der beiden Podcaster gelöscht wurde, sondern lediglich Inhalte aus dem Podcast, die Zweite weiterverbreitet hatten. „Das ist eine sehr gute Nachricht“, verkündete die 45-Jährige, um zugleich auch andere soziale Plattformen ins Spiel zu bringen: „Wie handhabt Twitter aka X das eigentlich mit dem Sperren fragwürdiger Inhalte? Da wird so gut wie gar nichts mehr gesperrt“, beschwerte sie sich.
Auch beim linkslastigen Wikipedia startete eine Löschaktion. Plötzlich verschwand der Artikel zu Kiarash Hossainpour. Zudem beanstandeten User die Löschung des Beitrags zum Podcast selbst. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser jedoch noch online.

Bei Wikipedia wurde fleißig gelöscht.
Anders als bei früheren Cancel-Versuchen blieb der jetzige Angriff auf „Hoss & Hopf“ erstaunlich wirkungsschwach. Auch die nächsten Stufen im Drehbuch der Cancel Culture, also das aktive Löschen von allen sozialen Plattformen oder das Ausschließen von Finanzdienstleistern wie PayPal, blieben bislang aus. Viele, die sich noch nie mit den beiden auseinandergesetzt hatten, holten dies nun nach. Bislang hat ihnen die kostenlose Werbung also eher genützt als geschadet. Dabei gibt es genug Möglichkeiten, die beiden Podcaster inhaltlich zu kritisieren, ohne sie mit Dreck zu bewerfen, wie es mittlerweile zur gängigen Methode geworden ist.
Im Podcast thematisieren die beiden mitunter auch abwegige Themen wie die „Flat Earth“-Theorie, also der Glaube, dass die Erde eine Scheibe sei. Während sich Hopf auf den Standpunkt zurückzieht, sich nicht damit beschäftigt zu haben, also nichts darüber sagen zu können, bezeichnet Hoss den Glauben an eine flache Erde als „absoluten Schwachsinn“. Dieses Muster zieht sich häufig durch den Podcast: Hopf zeigt sich verschwörungsaffin, Hoss gibt den Realisten. Mitunter unterlaufen den beiden auch kleine inhaltliche Fehler, wenngleich sie diese auch in späteren Folgen einräumen, wenn sie jemand darauf aufmerksam macht.
Doch um eine inhaltliche Kritik geht es bei derartigen Vorgängen längst nicht mehr. Das merken jedoch auch immer mehr Menschen, die sich von den herkömmlichen Medien abwenden. Das Verlangen, sich selbst ein Bild von den Dingen zu machen, steigt.
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