Deutschlands erster Armutsbeauftragter: „Der Staat kann nicht alles leisten“
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Thomas de Vachroi ist Deutschlands erster und einziger Armutsbeauftragter. In Berlin-Neukölln ist er mitverantwortlich für die Tee- und Wärmestube des kirchlichen Diakonie-Werks Simeon, um Spenden zu akquirieren und mit der Politik ins Gespräch zu kommen. Als Sprachrohr für Menschen in Not versucht er sich Gehör zu verschaffen. Denn klar ist: Gerade in Zeiten von Energiekrise und Inflation treibt das Thema Armut immer mehr Menschen in Deutschland um.
Am Montag lud der evangelische Kirchenkreis Neukölln wie in jedem Jahr Bedürftige und Sponsoren der Tee- und Wärmestube zur Bootsfahrt über die Spree in Berlin ein. NIUS begleitete de Vachroi und traf sich mit ihm an Bord zum Gespräch.
Was macht eigentlich ein Armutsbeauftragter? „Im Grunde bin ich Lobbyist“, erklärt ein gut gelaunter de Vachroi, während unter Deck für die Gäste die ersten Getränke und Speisen gereicht werden. „Lobbyist, um Armut sichtbar zu machen. Das Problem ist immer die Vergessenheit.“
Noch immer führe die Gesellschaft keine ehrliche Debatte über Armut. In die Tee- und Wärmestube in Berlin-Neukölln kämen mittlerweile die unterschiedlichsten Leute. „Es sind auch viele dabei, die nicht obdachlos sind. Es sind auch Menschen dabei, die nicht wohnungslos sind. Die aber isoliert leben, die einsam sind. Das darf man alles nicht vergessen.“

Startpunkt der Bootsfahrt über die Spree
De Vachroi hat deshalb den Anspruch, den Armutsbegriff zu weiten. Ihm gehe es nicht nur um die „materielle und krankheitsbedingte Armut“, sondern auch um die „soziale und die emotionale Armut“. Erst dann werde alles miteingeschlossen. Heutzutage hätten viele Menschen, vor allem Ältere, Probleme, den Alltag zu bewältigen. „Anträge zu stellen, Hilfe zu holen, das ist für viele eine große Schwierigkeit. Und dafür sind wir da, für die Leute in unserem Umkreis.“
Ihm gehe es um die Linderung der Armut, zumindest so, „dass die Menschen keine Angst mehr vor dem haben, was morgen ist“. Angst ist tatsächlich ein Stichwort, das angesichts der wirtschaftlichen Lage in Deutschland treffend wirkt. Viele Menschen in Deutschland fürchten sich vor einem Abrutschen in die Armutsfalle. Mitunter ist von einem Ende der Mittelschicht die Rede. Noch immer ordnen sich laut einer jüngsten Studie der Universität Konstanz 80 Prozent der deutschen Bevölkerung selbst der Mittelschicht zu.
Energiekrise und Inflation verändern die Situation
Klar gebe es große Probleme, etwa beim sozialen Wohnungsbau, der in ganz Deutschland ins Stocken geraten sei, meint de Vachroi. Aber wie könne man Mittelschicht abseits von Zahlen überhaupt definieren? Für ihn sei der Begriff zu ungenau. Fakt sei eins: Durch die Inflation und die Energiepreise habe sich einiges gedreht. Kleinunternehmen hätten massive Probleme.
Die seien aber beispielsweise in der Corona-Zeit durch den Staat abgefedert worden. De erinnert an die massiven staatlichen Subventionen. Hier sei plötzlich Geld dagewesen. An eine Personengruppe sei aber erst spät gedacht worden: „Diejenigen, die es am schlimmsten erwischt hat, das waren die Obdach- und Wohnungslosen.“
Politisch wünscht er sich eine „stärkere Zentralisierung“, um das Problem Armut koordiniert anzugehen. „Es gibt ja Beauftragte für vieles. Aber ein Armutsbeauftragter ist noch einmal eine andere Nummer. Mein Wunsch wäre ein Armutsbeauftragter auf Landes- oder Bundesregel.“
Seine Begründung: Ein Armutsbeauftragter könne ganz anders agieren. Die Zusammenarbeit sei einfacher, gerade an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. „Viele wollen ja helfen, aber sie brauchen einen zentralen Ansprechpartner.“ In der Flüchtlingskrise hätte das Berlin gut gelöst, als es einen Flüchtlingskoordinator auf Landesebene einführte.

Die Inflation macht vielen Leuten zu schaffen
Dennoch blickt de Vachroi positiv auf die vergangenen Jahre. „Es hat sich viel gewandelt in den vergangenen zehn Jahren. Es war vorher anders. Es war vorher nicht so solidarisch wie es jetzt ist. Das muss man ganz klar sagen. Es hat sich viel gedreht, vor allem seit der großen Flüchtlingskrise 2015. Von diesem Zeitpunkt an, konnten wir unseren Sponsorenkreis deutlich erweitern.“ Auch mit dem alten Berliner Senat hätte er gut zusammenarbeiten können.
„Es geht darum, den Personen ihre Würde zurückzugeben“
Ärgerlicher wird de Vachrois Stimmlage erst, als er auf die in seinen Augen oftmals zu sensationslüsterne Berichterstattung zu sprechen kommt. Vereinzelt beobachte er bei Journalisten das Verlangen einer „zoologischen Betrachtung“. Obdachlose und Bedürftige hätten aber keine Lust bloßgestellt und von oben betrachtet zu werden. Es gehe darum, den Personen ihre Würde zurückzugeben und eine Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen – direkt und persönlich vor Ort. „Die meisten Menschen wollen ja eine Veränderung“, ist er sich sicher.
Es könne deshalb auch nicht alles staatlich geregelt werden. „Das macht mich immer ganz nervös, wenn Leute sagen: Wir wollen den starten Staat. Der Staat kann nicht alles leisten. Wir haben selber als Menschen eine Verantwortung.“ Mit Geld könne man nicht alles regeln. „Ist Geld wirklich alles?“, fragt de Vachroi. „Geld ist keine Armutsbekämpfung. Du brauchst Manpower, Versorgung. Nur so kannst du die Leute aus der Obdachlosigkeit herausholen.“
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