Driving Home for Christmas: Warum mache ich immer wieder denselben Fehler und verlasse mich auf die Bahn?!
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Steht eine Mutter mit ihrem Kind am Gleis vor dem Fahrplan-Aushang und trägt eine Verbindung nach der anderen vor. Fragt ein Schaffner: „Was machen Sie da?!“ Die Mutter: „Ich lese meinem Kleinen ein Weihnachtsmärchen vor.“
Das ist kein Witz, das ist die Realität.
Man kann es nicht glauben, wenn man es nicht erlebt hat. Und wenn man es erlebt hat, kann man es nicht glauben. Das hier ist eine Weihnachtsgeschichte, wie sie Millionen Menschen in diesem Land erleben, weil sie kein Auto haben, sich keinen Flug leisten können, was für die Umwelt tun wollen oder ganz einfach so wie ich an ein Weihnachtswunder auf Gleisen hoffen.
Seit neun Jahren pendele ich an Weihnachten von Berlin aus in die Heimat in den äußersten Westen der Republik. In der Regel mit der Bahn. In meiner Erinnerung war die beste Erfahrung in dieser Zeit eine Verspätung von „nur“ wenigen Stunden. Auf jeder dieser alles andere als besinnlichen Reisen kommt irgendwann der Moment, in dem ich mich frage: Warum zum Teufel (sorry Christkind) tue ich Idiot mir das jedes Jahr an und falle immer wieder auf die Bahn rein?! So auch 2023 …
Mein theoretischer Reiseplan in diesem Jahr: Start am Donnerstag um 16.45 Uhr in der Hauptstadt, Zwischenstopp am Abend in Köln, Geschenke einpacken, früh nächsten Morgen dann in den Regio-Zug (ca. 90min), um 11.00 Uhr dann auf dem Standesamt am linken Niederrhein sein, weil einer der besten Freunde heiratet, danach dann bei den Eltern das Weihnachtsfest vorbereiten. Tatsächlich war ich um 16.00 am Freitag da. Auf der falschen Rheinseite. Und das ging so.
Donnerstag, 16.00 Uhr: Wegen des aufziehenden Sturms und weil ein Arbeitskollege auch zum Bahnhof muss, bin ich deutlich zu früh am Hauptbahnhof. Die Begrüßung auf der Anzeigetafel: Alles wie immer, jeder Zug hat Verspätung. Hier ein Foto von 16.01 Uhr:

16.01, Berlin Hauptbahnhof: Alles wie immer, alles verspätet
Gegen 16.30 Uhr schlägt die Stimmung um: Ausnahmslos alle ICE-Verbindungen Richtung Westen fallen aus. Nichts geht mehr. Kurze Panik: Was nun?! Für 17.26 Uhr wird ein ICE nach Frankfurt angezeigt, von dort aus geht’s auch noch am späten Abend nach Köln. Ich reserviere für mich und meinen Arbeitskollegen Sitzplätze, wir teilen jetzt Himmelsrichtung und Schicksal.
Der 17.26-Uhr-Zug ist voller als ein Supermarkt am Morgen des 23. Dezember. Mehrfach und mit immer größerer Verzweiflung in der Stimme kommt die Durchsage: Der Zug ist zu voll, wir können so nicht losrollen. „Bitte fahren Sie doch später oder morgen.“ Allgemeines Lachen. Wer jetzt aussteigt, ist selbst schuld.

Alle rein! ICE 695 ist eigentlich zu voll, fährt dann aber trotzdem irgendwann los
Um 18.00 geht’s dann los. Ausgestiegen ist niemand, aber egal. Jeder Quadratzentimeter im Zug ist belegt: Menschen, Hunde, Geschenke. Wer zur Toilette oder Richtung Bordbistro möchte, spielt das „Der Boden ist Lava“-Spiel – nur, dass der Boden der Boden ist und die Menschen Lava. Und da ist verdammt viel Lava. Zwei junge Frauen haben es sich unter der Koffer-Ablage gemütlich gemacht. Komplett in der Embryonal-Stellung gekrümmt freuen sie sich einfach nur, dass sie nicht stehen müssen. Wenn die das bis Stuttgart durchziehen, verbringen sie Weihnachten beim Physiotherapeuten.
Auf dem Weg zum Bordbistro stehe ich hinter einem Mann mit Zwei-Tage-Bart und langen roten Haaren. Die Frau im Rentneralter vor ihm fragt: „Wollen Sie durch, junger Mann?“ Er: „Bitte sprechen Sie mich nicht mit junger Mann an.“ Die Frau guckt wie ein Auto und dreht sich wieder um. Er quetscht sich vorbei. Ein Zug wie ein Irrenhaus. Das Bordbistro ist übrigens bis Leipzig geschlossen, das hat aber keiner gesagt. Also geht’s mit leeren Händen wieder zurück. Fußweg-Dauer von Waggon 6 (Sitzplatz) bis Waggon 10 (Bistro): Knapp 20 Minuten.
Warten auf Weihnachten: „Fahrplan-Unterlagen“ fehlen
Gegen 20.30 Uhr stehen wir in Eisenach. Und stehen. Und stehen. Und stehen. Am Ende sind es 70 Minuten. Grund: Ein Baum ist auf die Strecke Richtung Fulda gestürzt, wir werden über Kassel-Wilhelmshöhe umgeleitet. Mehrfach folgt die Durchsage, wir können nicht losrollen, weil „Fahrplan-Unterlagen“ fehlen. Was soll das bitte heißen? Liegen da plötzlich neue Gleise? Wechseln die wie die Treppen in Hogwarts manchmal die Richtung?
Während wir alle in Eisenach auf Weihnachten warten, läuft die höfliche Zugbegleiterin Frau Fischer durch die Abteile und fragt, ob Sie was tun könne. Alle sagen „nein, aber schön, dass Sie fragen!“ und ich frage mich, was passiert, wenn wirklich jemand sagt „Ja, ich hätte gerne ein frisch gezapftes Pils aus dem Bistro und drei von den veganen Wraps.“ Ich glaube nicht, dass Frau Fischer den Sturm der Bestellungen bewältigen könnte, wenn einer mal loslegt, aber gut.
Also frage ich Frau Fischer ohne eine Spur von Ironie: „Was heißt das eigentlich, wenn Sie auf die Fahrplan-Unterlagen warten?“ Frau Fischer erklärt mir genauso ernst, dass der Lokführer gerade vorne mit aufgeklapptem Laptop darauf wartet, eine Nachricht von der Leitstelle zu bekommen, wann er jetzt in welcher Gleisspur starten könne. Ich frage noch mal nach, ob ich das richtig verstanden habe: Wir warten auf so etwas wie eine händische abgeschickte E-Mail mit der Starterlaubnis für einen Gleisabschnitt, der nur in eine Richtung befahren wird. Sie sagt ja, so ungefähr. Ich gucke auf mein Handy, sehe wenig Empfang und hoffe einfach, dass der Lokführer diese sch… E-Mail überhaupt bekommen kann.

22. Dezember: Die „Reisendenlenker:in“ (heißen wirklich so) in den orangenen Westen im Zentrum des Chaos
Immerhin ist die Stimmung im Abteil mittlerweile ausgelassen. Irgendwann hat man sich über die Bahn ausempört und verfällt in den Galgenhumor-Modus. Wir freuen uns gemeinsam darüber, dass die Bahn immer unpünktlicher wird, aber den Vorständen wegen der übererfüllten Frauenquote in Führungspositionen ihre Millionen-Boni ausgezahlt wurden. An unserem Vierertisch werden jetzt bei Weizenbier und Schokolade die großen Fragen unserer Zeit geklärt: Kriegen Bahn-Mitarbeiter eigentlich Überstunden bei Verspätung bezahlt? Wer bezahlt eigentlich Greta Thunberg? Und wie egal ist es eigentlich global betrachtet, wenn Deutschland aus der Kohle aussteigt? Am Tisch sitzt eine meinungsstarke Master-Studentin (Gender Studies, kein Scherz), die so ziemlich alles anders sieht als der Rest des Tisches.
Als kurz Stille bei uns herrscht, ruft jemand quer durchs Abteil: „Könnt ihr bitte weiter streiten, das ist wie Podcast. Spart grad extrem viel Akku.“ Es ist herrlich. Am Ende jeder Debatte einigen wir uns darauf, dass wir alle die Deutsche Bahn hassen. Die Bahn verbindet eben doch.
Gegen 0.30 Uhr erreichen wir Frankfurt Hauptbahnhof. Züge nach Köln fahren jetzt nicht mehr, theoretisch haben gestrandete Fahrgäste einen Anspruch auf Hotel oder Taxi zum Zielort. Praktisch ist die Schlange vorm Info-Schalter für die Gutscheine zu diesem Zeitpunkt ca. 100 Meter lang. Also schlafe ich bei Freunden. Die Eltern der Gender-Studies-Studentin werfen mich dort ab – danke noch einmal an dieser Stelle!
Brücke dicht: Der Wahnsinn geht weiter
Nach einer kurzen Nacht stehe ich um 8.15 Uhr wieder am Gleis Richtung Köln. Dieser Zug hat am Ende nur 20 Minuten Verspätung. Mit dem Standesamt habe ich zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen, freue mich auf die Feier am Abend und auf eine unkomplizierte letzte Etappe der Reise. Kurzer Zwischenstopp in meiner Wohnung, um die Weihnachtsgeschenke einzusammeln, dann um 13.30 Uhr in den Regionalexpress Richtung Niederrhein.
Theoretisch. Praktisch beginnt der letzte Reiseabschnitt mit einer Durchsage um 13.25 an Gleis 1, dass der Zug heute von Gleis ich weiß es nicht mehr abfährt. Ein ganzes Gleis voller Menschen mit Koffern und Geschenken kämpft sich ans neue Gleis, es wird geflucht wie im Knast, Kinder weinen, weil sie die Hektik nicht verstehen.
Um 13.35 Uhr werden wir dann mit folgender Durchsage begrüßt: „Sie merken es vielleicht: Wir bewegen uns nicht. Es tut sich hier aktuell nichts. Die Hohenzollernbrücke steht voll. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wer als Nächstes rüber darf, wenn sich was bewegt. Wir kriegen hier keine Informationen. Heute läuft es, wie so oft, nicht.“
Mit 58 Minuten Verspätung rollen wir dann los. Ich bin mittlerweile an dem Punkt, an dem dort, wo sich sonst Bahn-Wut oder -Ärger konzentriert, einfach nur ein großes Loch ist. Ich will einfach nur nach Hause. Aber es wird noch besser. Wir bauen immer mehr Verspätung auf, kurz vor Duisburg heißt es dann: „Wir haben so viel Verspätung aufgebaut, dass unsere Fahrt in Duisburg endet und der Zug direkt zurück nach Koblenz fährt.“
Ich will eigentlich nur noch sitzen bleiben, aber hilft ja nichts. Raus aus dem Zug, nächste Verbindung checken. Um 16.20 rolle ich dann mit dem Zug in Wesel ein, wo mich mein Vater mit den Worten begrüßt: „Wie war die Fahrt?“ Ja, wo soll ich da jetzt anfangen.
Wir fahren über den Rhein nach Hause. Ich war am Ende mehr als 24 Stunden unterwegs. Und schwöre hiermit feierlich: Ich fahre niemals wieder rund um Weihnachten mit der Bahn. Niemals. Das war das letzte Mal, das ich auf die Bahn reingefallen bin.
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