Das Elterntaxi ist Verletzung der Erziehungspflicht!
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Wenn Dummheit auf übertriebene Fürsorge trifft: Laut einer Studie des ADAC leiden nahezu zwei Drittel aller Grundschulen unter rücksichtslosen Eltern, die den Verkehr behindern und Leben gefährden, indem sie darauf bestehen, ihre Kinder bis vor die Schule zu fahren.
Ich wohne nicht unweit einer Grundschule und bin immer wieder Zeuge völlig absurder Szenen. Auf der winzigen Straße vor der Schule versuchen die Eltern in waghalsigen Manövern, ihre Sprösslinge quasi direkt in den Klassenraum zu katapultieren. Einige der Karossen sind so riesig, dass sie neben den kleinen Schülern wie Monstertrucks aussehen. Es grenzt an ein Wunder, dass bisher noch kein Kind durch dieses Chaos zu Schaden gekommen ist.
Wenn ich morgens oder mittags mit meinem Rad an der Schule vorbeifahre, schalte ich sicherheitshalber in den Schleichmodus. Besonders auf der Hut bin ich vor einer Dame in einem SUV, die gerade so über das Lenkrad lugt, als würde sie sich vor Paparazzi verstecken. Einmal hätte sich mich beim rückwärts Ausscheren beinahe vom Rad gefegt und sie hat es nicht einmal bemerkt. Ihr Blick war so fest auf ihren Sprössling gerichtet, dass sie wohl befürchtete, ihrem kleinen Goldschatz könne auf den letzten siebzig Zentimetern von einem Rudel blutrünstiger Wölfe zerfleischt werden.

Mit gesonderten Schildern schaffen manchen Schulen Abhilfe gegen die Blechlawinen.
Die harte Vergangenheit
In den schillernden 70er-Jahren, so berichtet die deutsche Verkehrswacht, marschierten noch 90 Prozent der Grundschüler zu Fuß zur Schule. Ich kann das bezeugen, denn ich gehörte zu dieser Mehrheit, die sich morgens durch 1,4 Kilometer Wind und Wetter kämpfte. Mit meinen Mitschülern war das Treffen um 7:30 Uhr an der Straßenecke fest eingeplant, um dann im kollektiven Gänsemarsch den Schulweg zu erobern. Heutzutage wäre das wohl nichts mehr für mich, aber damals? Es war eigentlich ganz entspannt. Oder lag es vielleicht an den Schlaghosen, die einem das Gefühl gaben, mit Rückenwind zu gehen?
Während unserer Spaziergänge wurde viel herumgeblödelt, Fußballer-Sticker wechselten die Besitzer und natürlich ahnte ich damals nicht, dass dies ein essenzieller Teil meiner kindlichen Sozialisierung war. Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Kind, das im Elterntaxi zur Schule kutschiert wird, später als Serienmörder endet. Allerdings nimmt man den Kindern die Möglichkeit, sich zu selbstständigen Wesen zu entwickeln. Und ich bin mir fast sicher, dass Schüler, die vor dem Unterricht ausreichend Zeit zum Plaudern haben, im Unterricht weniger stören.
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2018 skizzierte eine Forsa-Umfrage im Namen von CosmosDirekt ein verändertes Bild: Nur noch 43 % der Kinder geht zu Fuß zur Schule. Warum? Sind es die engen Skinny Jeans, die die Bewegungsfreiheit einschränken, oder haben mehr als die Hälfte der Eltern ihren Verstand verloren? Ganz so schlimm ist es nicht. Viele Kids nutzen den Schulbus oder öffentliche Verkehrsmittel und je nach Jahreszeit kommt auch das Fahrrad zum Einsatz. Allerdings werden heute laut einer aktuellen ADAC-Umfrage zur Schulwegsicherheit zwischen 17 und 22 Prozent der Kids mit dem Auto zur Schule gebracht. Bei etwa 2,9 Millionen Grundschülern in Deutschland ist ein Verkehrschaos also programmiert.
Falsche Höflichkeit
Man hört immer wieder, Schulen würden versuchen, die Eltern „für dieses Thema zu sensibilisieren“. Aber natürlich ohne die „Sie haben mir nicht zu sagen, wie ich mein Kind zur Schule bringe!“-Fraktion auf die Palme zu bringen. Anstatt klarer Ansagen werden also zarte Andeutungen gemacht, die in ihrer Wirkung vergleichbar sind mit dem Versuch, Drogendealer mit netten Worten aus Berliner Grünanlagen zu vertreiben.
Das Ergebnis? Die Elterntaxis verlagern sich geschickt: Nicht mehr direkt vor der Schule, nein, jetzt sind auch die Nebenstraßen dran. Schließlich hält man sich ja an die Bitte „Nicht mehr direkt vor der Schule anhalten“. Was geht eigentlich in den Köpfen dieser Eltern vor? Haben sie so wenig Vertrauen in ihre Sprösslinge, dass sie denken, ohne elterlichen Shuttle-Service würden die Kleinen im urbanen Dschungel verrecken?
Selbstverständlich sollten wir nicht alle über einen Kamm scheren. Insbesondere in ländlichen Regionen lässt die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel oft zu wünschen übrig. Zudem können gesundheitliche Herausforderungen in einigen Fällen das Auto zur unverzichtbaren Option machen. Das eigentliche Problem liegt jedoch bei Eltern in Großstädten, die aus Bequemlichkeit oder übertriebener Vorsicht handeln.
Klartext reden
Es ist an der Zeit, Klartext zu sprechen und die Übeltäter als das zu identifizieren, was sie tatsächlich sind: Eltern, die ihrer erzieherischen Verantwortung nicht gerecht werden. Anstatt ihnen Flügel zu verleihen, hindern sie ihre Kids daran, sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Was kommt als Nächstes? Schnürsenkel binden bis zur Uni?
Anstatt diesen Erziehungsberechtigten mal gehörig den Kopf zu waschen, setzt man auf Kuschelkurs: mit Webseiten wie „Zu-Fuss-zur-Schule.de“ oder dem jährlichen „Zu Fuß zur Schule“-Aktionstag am 22. September. Und schon können sich alle Beteiligten selbstzufrieden auf die Schulter klopfen. „Seht her, wir tun was!“ – während die Elterntaxis weiter fröhlich ihre Runden drehen. Wer braucht schon Taten, wenn man gute Absichten hat?
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Ahmet Iscitürk
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