Die Ernährungsideologie kennt keine Grenzen
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Neulich in der Fußgängerzone: „Schau mir in die Augen…“, hieß es auf einem großen Plakat – doch statt Ingrid Bergmanns schönen Augen, die Humphrey Bogart im Film „Casablanca“ anschmachten, schaute ich in die Augen eines Schweines.
Ich war direkt in den Stand einer Gruppe Veganer gestolpert, die sich neben Greenpeace und dem Tierschutz-Stand von PETA eingerichtet hatten. Was früher „Atomkraft? Nein, danke“ war, ist heute der Aufruf: „Verzichte auf Tierprodukte und rette die Welt“. Die vegane Bewegung war nie stärker, nie so organisiert und noch nie so erfolgreich.
Ernährung als Ideologie. Essen als Weltanschauung. Wer sich ernährt, ohne dass ein Tier dafür sterben muss, befindet sich auf der richtigen Seite des Lebens.
Vegan geht über vegetarisch hinaus. Weder Fisch, noch Fleisch wird konsumiert, aber auch Eier und Milchprodukte sind tabu. Einfach alles, was tierischen Ursprung hat. Selbst Schuh und Gürtel sind aus Kunstleder. Das wird nur noch getoppt von den Frutariern, denen es nur erlaubt ist, sich durch von Bäumen herabgefallenen Früchten zu ernähren. Schütteln verboten.
Es sollte jedem vergönnt sein, so zu essen, dass er/sie sich wohlfühlt. Und es ist eine der Errungenschaften der Jetzt-Zeit, dass dem Tierwohl eine ordentliche Portion Aufmerksamkeit zuteilwird. Dass der Discounter Aldi vor einiger Zeit beschlossen hat, zunehmend vom Billigfleisch auf Bio umzustellen und er alle anderen mitgezogen hat, ist höchst begrüßenswert. Es ist eben nicht egal, ob das Tier mit seinen Artgenossen gut und gesund ernährt wird und im Freigehege herumscharren oder buddeln kann, oder es sich zu Tausenden in engsten Ställen oder Käfigen wundreibt. Wer einmal geleakte Bilder der skandalösen Verhältnisse aus Zuchtbetrieben oder Bauern- und Schlachthöfen gesehen hat, weiß, dass Tierschutz hier Priorität haben muss.
Die Ernährungsideologie der Hardliner geht aber noch darüber hinaus. Selbst Bio ist verpönt, die Bewegung erhebt den Totalverzicht zur Religion. Was seltsame Ausprägungen erfährt, wie die ersatzlose Streichung von Fleisch in einer VW-Kantine in Wolfsburg. Wie bitte? Der VOLKSWAGEN-Konzern verbietet Mitarbeitern ihre Currywurst? Nicht ganz, es handelt sich nur um eine Kantine von mehreren. Aber immerhin: Genauso, wie die Produktion mittelfristig auf Elektro-Autos umgestellt wird, geht man auch beim Lebensmittel-Konsum neue Wege. Vegan ist das E-Auto der Ernährung.
Wenn es für unsere Vorfahren überlebenswichtig war, sich möglichst viele Reserven anzuessen, um magere Zeiten zu überstehen, ist der Ernährungszyklus heute ein anderer. Alles ist jederzeit verfügbar, Bio-Gemüse ebenso wie Soja- und Fleischersatzprodukte. Hätten sich die Menschen vor ein paar Jahrhunderten so wie wir ernähren wollen: Sie wären verhungert. Aber die Zukunft sieht eben anders aus.

Schon lecker...
Dass nun auch die Currywurst, Deutschlands beliebteste Kantinenspeise, von der Karte verschwindet, ist dieser Entwicklung geschuldet. Nicht nur, weil sie ernährungsphysiologisch eher nicht zu empfehlen wäre. Sie ist für manche obendrein noch ein Symbol für das Gestrige, die Fortschrittsverhinderung des alten, weißen Mannes, der nicht bereit ist, auf seine Rituale verzichten.
Mögen auch noch so viele glauben, sich unter dem Dogma vom Fleischverzicht moralisch korrekter und gesünder zu ernähren – wir enden heute kurz und knapp: Jeder soll doch bitte einfach das essen, was er gerne mag. Guten Appetit!
Dieser Text ist ein Auszug aus dem täglichen NIUS-Newsletter von Chefredakteur Jan David Sutthoff (hier anmelden).
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