„Farbenfrohe Blumen im Krematorium”: Frauengruppe veranstaltet Meditationskurse im KZ
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Woran denkt man beim Begriff Konzentrationslager? Massenmord? Zwangsarbeit? Elend?
Eine Gruppe Frauen organisiert im Frauenlager Ravensbrück einen buddhistischen „Retreat“, eine buddhistisch inspirierte Auszeit.

Das Titelbild der Veranstalter-Webseite zeigt einen Sitzkreis mitten im Lager (Quelle: ravensbrueck-retreat.org)
Fünftägige Ruhewoche im KZ
„Jeder Tag dieser fünftägigen Veranstaltung beginnt damit, dass zwei oder drei Frauen aus dem Totenbuch vorlesen. Die Teilnehmerinnen sind zwischen 30 und 80 Jahre alt. Mit dem Buddhismus fühlen sich allerdings nur wenige von ihnen verbunden“, heißt es in der Reportage „Meditieren im KZ: Buddhistisches Retreat in Ravensbrück“ des Deutschlandfunks. Initiatorinnen sind die Sozialpädagogin Katharina Schmidt und die Meditationslehrerin Lily Besilly.
Diese veranstalten eine Gehmeditation da, wo die Baracke für jüdische Häftlinge stand. Später lauschen die Teilnehmer der Veranstalterin Besilly dort, wo in Einzelzellen Gefangene gefoltert wurden.
Initiatorin Schmidt sagt dazu dem Deutschlandfunk: „Also uns geht es nicht darum, hier den Ort als Schreckmoment zu nutzen, sondern im Gegenteil. Uns geht es wirklich auch darum hinzugucken, was historisch an diesem Ort passiert ist, aber eben auch nicht, sich total zu überfüllen mit historischen Tatsachen – wo das Herz dann einfach nicht mehr mitkommen kann“.
Zwischen spirituellen Wegen, westlicher Psychologie und Feminismus
Auf der Webseite steht zu Schmidt: „Selbst Tocher kriegstraumatisierter Eltern sind ihr Heilungswege bezüglich der ererbten Narben wichtig; in diesem Rahmen beschäftigt sie sich intensiv mit verschiedenen spirituellen Wegen, westlicher Psychologie und Feminismus. Heute arbeitet sie unter anderem in der Flüchtlingshilfe.“
NIUS fragte bei den Veranstaltern nach, ob sie sich auch jüdische Meinungen zu diesem Projekt eingeholt haben und bekam bis dato keine Antwort.
Das Retreat gilt als Bildungsurlaub in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Das bedeutet eine bezahlte Freistellung von der Arbeit – auf der Webseite der Veranstalter findet sich ein passendes Formular dazu.

Das Krematorium des Lagers
Nur für „FLINTA“
Während im Frauenlager Ravensbrück nur Frauen einsaßen, dürfen am Retreat alle teilnehmen, die sich mit FLINTA (Weiblich, Lesbisch, Intersex, Trans and Agender) assoziieren. Am Retreat darf jeder teilnehmen, der versichert kein Mann zu sein, unabhängig seines biologischen Geschlechts.
NIUS fragte nach dem Grund für diese Regelung – auch diese Frage wurde bisher nicht beantwortet.
Auf der Website findet man auch einen verlinkten Vortrag unter dem Titel „Kampf um Erinnerung. Verfolgung queerer Menschen im NS“. Host des Vortrags ist die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)“. Die VVN-BdA wurde 2020 vom bayrischen Verfassungsschutzbericht als die „bundesweit größte linksextremistisch beeinflusste Organisation im Bereich des Antifaschismus“ bezeichnet.
Die Narrative der „queeren Opfer“ wird von Historikern angezweifelt, da zum Beispiel Lesben kaum vom NS-Regime betroffen waren, meint Historiker Dr. Jake Newsome vom „United States Holocaust Memorial Museum“. Nazis entschieden laut Newsome, Lesben aus zwei Hauptgründen nicht gezielt zu verfolgen: Der erste Grund war, dass Frauen keine Führungsrollen in Wirtschaft, Militär oder nationaler Politik innehatten. Daher sahen die Nazis in Lesben keine direkte Bedrohung für den Staat, anders als bei schwulen Männern. Sie wollten ihre Strafverfolgungsmaßnahmen auf Bedrohungen konzentrieren, die sie als unmittelbarer ansahen.

Dr. Jake Newsome bei seinem Vortrag „Pride Month: The Nazi Persecution of Gay People“
„Der zweite, ruchlosere Grund ist, dass die Nazis glaubten, dass Lesben immer noch geschwängert werden könnten, sogar notfalls auch mit Gewalt, um wieder die nächste Generation der sogenannten Herrenrasse zu erzeugen. Diese Vorstellung, dass sie immer noch als Mittel zur Fortpflanzung eingesetzt werden könnten, hielt sie also von diesem Gesetz fern“, so Newsome in einem Vortrag.

Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt über Zwangssterilisation und pseudowissenschaftliche Experimente im Lager: „Den Frauen wurden hierfür Bakterien, Glassplitter, Holzspäne und anderes in absichtlich zugefügte Beinverletzungen implantiert, um den Wund- bzw. Heilungsverlauf beobachten zu können. Für dreizehn, zumeist junge Frauen endeten die Qualen mit dem Tod, sechs wurden erschossen, weil sie ‚potentielles Beweismaterial‘ darstellten.“
Freude über Blumen im Krematorium
Auf der Webseite des Retreats finden sich einzelne Rezensionen von ehemaligen Teilnehmerinnen, die Zweifel aufkommen lassen, ob die Initiative wirklich reflektiert genug mit dem Thema Holocaust umgeht:
So schreibt Sabine M. aus Bremen: „Ich freue mich immer noch auf stille Weise über die farbenfrohen Blumen im Krematorium und die Tara-Mantras, denen dort nistende Vögel lauschten.“ Anna K. beschrieb in ihre Rezension, dass sie sich ausgerechnet mitten im Konzentrationslager, dem Ort, der repräsentativ für den Zivilisationsbruch des Holocausts steht, die Frage stellte, ob es denn überhaupt „Gut und Böse“ gäbe.
NIUS fragte, ob es im Veranstalter-Team auch Juden gibt und wie die Veranstalter zum Vorwurf stehen, dass ihr Angebot durchaus als makaber empfunden werden könnte – beide Fragen wurden bislang nicht beantwortet.
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