Grüne Rundfunkjournalistin will verhindern, dass AfD-Politiker vor Kindern „Gruppenvergewaltigungen” thematisiert
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Es war ein Vorgang, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte: Am 8. Juli soll der Brandenburger AfD-Politiker Dennis Hohloch bei einem Abgeordnetengespräch im Potsdamer Landtag mit 24 Schülern der Montessori Schule in Potsdam Grenzen überschritten haben. Im Gespräch mit den Viert- bis Sechstklässlern soll Hohloch, so berichtete es später die Märkische Allgemeine und der Spiegel, über Gruppenvergewaltigungen und „Messermänner“ gesprochen haben.
Hohloch habe „das Gespräch schnell auf Geflüchtete“ gelenkt und „Begriffe wie Gruppenvergewaltigung“ fallen lassen, sagte etwa Petra Budke von den Grünen, die ebenfalls beteiligt war. Weiter heißt es: „Uwe Adler [der teilnehmende SPD-Politiker], der Moderator, die Lehrkraft und ich haben alle interveniert und korrigiert, aber Herr Hohloch lässt sich da nicht bremsen. Er ist in direkte Konfrontation mit der Lehrkraft gegangen und hat ihr gesagt, sie dürfe ihm nicht das Wort verbieten“, so Budke.
Der Vorfall sorgte schnell für Kritik. Kinder im Alter von zwölf Jahren sollten, so der Tenor, nicht mit schwerer (sexueller) Gewalt konfrontiert werden. Vielmehr gehe es um grundsätzliche Fragen: Wie funktioniere Politik? Was mache den Beruf aus?
Zahlen von Gewaltvorfällen um 35 Prozent gestiegen
Dennis Hohloch, der selbst als Geschichtslehrer gearbeitet hat und Vater eines Kindes ist, verneint auf Anfrage von NIUS nicht, in der Tat schwere Gewalt und Gruppenvergewaltigungen gegenüber den Schülern thematisiert zu haben. Er bestreitet, das Wort „Messermänner“ genutzt zu haben, aber bestätigt, dass es ihm wichtig gewesen sei, das Thema der Gewaltkriminalität im schulischen Alltag anzusprechen. „Wir haben in Deutschland jeden Tag zwei Gruppenvergewaltigungen und 24 Messerangriffe“, so der 35-Jährige. „Und gerade Fälle wie in Southport zeigen, dass Alter – selbst bei den Jüngsten – nicht vor schweren Vergehen schützt.“ Deshalb, so Hohloch, sei es angemessen, auch mit jungen Schülern das schwierige Thema anzusprechen. Für gewöhnlich spreche er mit Schülern in der Oberschule; diesmal seien die Beteiligten jedoch erst zwischen zehn und zwölf Jahren alt gewesen.

Der 35-jährige Hohloch ist selbst Pädagoge – er unterrichtete als Geschichtslehrer.
Der Fall hat für größere Diskussionen an der Schule, der Elternschaft und im Internet gesorgt. Die einen behaupten, Hohlochs Ausführungen seien übergriffig und nicht altersgerecht; andere verweisen auf eine bittere Realität, die nun mal auch in jungem Alter an Schüler getragen werden müsse.
Hohloch selbst verweist auf einen Vorall, der sich 2022 in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern zugetragen hat. Damals lockte ein 16-jähriger Afghane ein elfjähriges Mädchen in ein Waldstück und vergewaltigt sie. Der Täter wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Dieser Vorfall stelle zwar keine Gruppenvergewaltigung dar, aber zeige, dass es jetzt schon so sei, dass „Schülerinnen in sehr jungem Alter mit dieser schrecklichen Gewalt konfrontiert – und davon betroffen – sind.“ Auch die Zahlen von Gewaltvorfällen an Brandenburger Schulen, so Hohloch, sei im vergangenen Jahr durch die Decke gegangen.
Wie die Märkische Allgemeine berichtet, kam es im vergangenen Jahr zu 982 Fällen von Körperverletzungen an Brandenburger Schulen. Im Jahr 2022 waren es 726 Fälle. Das entspricht einer Zunahme um 35 Prozent.
Eine Karriere im ÖRR, heute für die Grünen im Medienboard
NIUS-Recherchen zeigen nun: Die Berichterstattung in Medien, die Kritik von Seiten der Beteiligten und mögliche Konsequenzen für den AfD-Landtagsabgeordneten wurden von einer Person losgetreten, die vermutlich selbst größeren Belastungseifer gegenüber Hohloch aufweist.
Nach Informationen von NIUS stammt der Brief, an dem sich der Konflikt über das Abgeordnetengespräch entzündete, von Julia von La Chevallerie. Chevallerie, deren Tochter selbst die Montessori-Schule besucht, welche Anfang Juli im Landtag gastierte, schrieb am 18. Juli in einem Elternbrief an die übrige Elternschaft: „Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich hätte mir die Erklärung zu Massenvergewaltigungen und den Wahrheitsgehalt, bzw. die genaue Einordnung dieser Behauptung, meiner 12-jährigen Tochter gegenüber gerne noch bis mindestens ins Teenageralter erspart.“
Den AfD-Politiker auf „Kinder allen Alters quasi unwidersprochen und eingeordnet loszulassen“, empfinde La Chevallerie als „eine absolute Zumutung“. „Es geht nicht darum, den Besuch zu kritisieren, sondern eben exakt um die Punkte: Jugendschutz, Hetze, fehlende demokratische Einordnung seitens des Landtages.“ Das Schreiben liegt NIUS vor. Nach Informationen von NIUS soll La Chevallerie auch Journalisten auf den Sachverhalt hingewiesen haben. Als Hohloch davon erfuhr, drehte er ein Video auf Facebook, um in der Kontroverse Stellung zu beziehen. Der AfD-Politiker beharrt darauf, dass er die Unterstützung von Schülern in Brandenburg habe, dieser die AfD unterstützten – und die ganze Aktion das Ziel verfolge, ihn als AfD-Politiker und Lehrer von Schülern zu halten.
La Chevallerie ist dabei jedoch nicht nur lediglich die Mutter von insgesamt vier Kindern, sondern auch eine Widersacherin Hohlochs. Die Betreiberin des Kaffees „Miss Green Bean“ in Potsdam arbeitete jahrelang als Journalistin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: den SWR, NDR und rbb. Nach Informationen von NIUS hat Julia von La Chevallerie in ihrer Funktion als Kaffeebetreiberin auch Geld an die extrem linke Organisation „Zentrum für Politische Schönheit“ gespendet. Nach Stationen als Regierungssprecherin des Wissenschaftsministeriums Brandenburg wurde sie schließlich als Medienrätin in der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) entsandt – wohlgemerkt von den Grünen.

Die Seite von Julia von La Chevallerie bei der mabb.
Hohloch hingegen sitzt im rbb-Rundfunkrat und berichtet als Obmann der AfD aus dem Untersuchungsausschuss zum rbb-Skandal über veruntreute Gelder. Heißt: Seine Tätigkeit richtet sich gegen einen ehemaligen Arbeitgeber von La Chevallerie und weist eine Grundskepsis gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen auf. Auch anderswo werde, so Hohloch, der Interessenskonflikt deutlich. „Frau La Chavallerie engagiert sich etwa für eine autofreie Innenstadt in Potsdam – was wir als AfD dezidiert nicht wollen“. Er sieht im Vorgehen der Frau den Versuch, ihn zu canceln.
Keine Scheu vor „hässlichen, aber wichtigen“ Themen
Inzwischen hat der Vorfall auch Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) erreicht. Grundsätzlich halte sie die Gesprächsformate für Schüler gute Veranstaltungen, die verschiedene Farben der Politik deutlich machen sollen, so Liedtke. Sie sagt jedoch auch: „Die Regel, dass Schüler nicht überrumpelt werden dürfen, wurde hier gebrochen.“ Es habe Gegenrede gegeben, „aber da war es schon zu spät.“ Nach Informationen von NIUS ist auch die Rolle der Lehrerin der Klasse der Montessori Schule nun Gegenstand der Bewertung.
Als Konsequenz des Vorfalls soll Hohloch jetzt zu einem Vieraugengespräch bei der brandenburgischen Landtagspräsidentin vorstellig werden. Die Grünen schlagen nach Informationen von NIUS unterdessen vor, dass Ausführungen bei Abgeordnetengesprächen von Pädagogen künftig „demokratisch eingeordnet“ werden.

Ulrike Liedtke, die Präsidentin des Brandenburger Landtages
Derweil fanden nicht alle Eltern das Thematisieren so schlimm wie La Chevallerie. Ein Vater, der anonym bleiben wollte, teilte mit, dass er „froh sei“, dass Hohloch „sich nicht scheut, auch hässliche, aber eben sehr wichtige Themen“ anzusprechen. Sicherlich sei das Gesagte nicht einfach, aber ein Ausschweigen ebenso wenig. Die Nachricht liegt NIUS vor.
Wie künftig mit Hohloch umgegangen werden soll, wenn er über schwere Gewalt sprechen will? Womöglich gar nicht mehr. Am 5. September sollte der AfD-Politiker bei einer Diskussionsrunde an der Gesamtschule am Schilfhof in Potsdam auftreten – und mit Politikern, aber auch Schülern ins Gespräch kommen. Die Schule, die sich mit dem Label „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ schmückt und „aktiv gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus“ richtet, wollte eigentlich im Vorfeld der brandenburgischen Landtagswahl am 22. September Argumente austauschen und verschiedenen Politikern die Bühne bieten.
Inzwischen aber hat sie den 35-jährigen Hohloch von der Veranstaltung ausgeladen. Die Gesamtschule sehe nach der Einstufung der AfD als „rechtsextrem“ die „freiheitlich-demokratische Werte“ nicht mehr gewährleistet. Zur Thematisierung von Gruppenvergewaltigung wird es am 5. September also vermutlich nicht mehr kommen. Immerhin.
Auch bei NIUS: „Vielfalt, Toleranz und Solidarität sind hoch geschätzte Werte“: Reutlinger Schule lädt AfD-Politiker von Diskussionsveranstaltung aus
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Jan A. Karon
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