House of Cards im Rollstuhl: Nachruf auf Wolfgang Schäuble – einen gebrechlichen, aber ungebrochenen Patrioten
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Wolfgang Schäuble war Jahrzehnte lang einer der mächtigsten Männer der Nation, ein gebrechlicher, aber ungebrochener Patriot, der aus Liebe zum Land immer das Richtige wollte, aber aus Loyalität zur Partei so manches Mal das Falsche tat. Schäuble starb am 2. Weihnachtstag im Alter von 81 Jahren.
Sein Scharfsinn, seine Klugheit und sein Pflichtbewusstsein, seine Erbarmungslosigkeit gegen sich selbst waren die ultimative Autorität. Er kannte jeden sauberen und jeden schmutzigen Trick der Politik. Er war House of Cards im Rollstuhl. Egal, wie sehr ihn die Kräfte verließen, sein unbequemer Verstand verließ ihn nie. Man brauchte sehr gute Argumente, um Schäuble zu widersprechen, und man musste sehr weit voraus denken, um politisch mit ihm konkurrieren zu können. Er hatte einen großartig feinen Humor, aber die aufgezwungene Lähmung, die Bewegungsunfähigkeit des leidenschaftlichen Tennisspielers hat ihn auch jähzornig gemacht. Er liebte Sylt und verzweifelte daran, nicht mehr barfuß am Nordseestrand spazieren zu können.
Er war zu stolz, um je Schwäche zu zeigen, wenn er als Minister flog, ließ er sich auf einer Hebebühne abseits der Fotografen in die Regierungsmaschine fahren, wenn er von Leibwächtern aus der Panzerlimousine in seinen Rollstuhl gehoben wurde, senkten Fotografen aus Respekt ihre Kameras.

2018: Schäuble als Bundestagspräsident und damit 2. Mann im Staate
„Ich spüre meine Beine nicht mehr“
„Das wichtigste Dokument der gesamtdeutschen Geschichte trägt Wolfgang Schäubles Unterschrift, mit der er sich für immer in die Geschichtsbücher geschrieben hat. Seine Signatur auf dem Einigungsvertrag machte aus zwei Deutschlands ein Deutschland. Er unterschrieb als gesunder Mann am 31. August 1990. Nur 42 Tage später trafen ihn zwei Revolverkugeln (Smith & Wesson, Kaliber .38) in Kiefer und Rückenmark. Schäubles letzte Worte, bevor er das Bewusstsein verlor: „Ich spüre meine Beine nicht mehr.“
Wolfgang Schäuble war fast alles, was man in diesem Land werden kann, Innenminister, Finanzminister, Kohls Mann für besondere Aufgaben, Bundestagspräsident, aber er wurde nie, was er werden wollte: Bundeskanzler. Auf wundersame Weise überstand er politisch, was ein Politiker eigentlich nicht überstehen kann: Geld im Umschlag in der CDU-Spendenaffäre.
Als Kind des Krieges (1942 in Freiburg geboren), das in Bombenangriffen und Trümmern aufwuchs, war Schäuble nichts heiliger als Stabilität. Die Stabilität des Landes lag für ihn in der Stabilität der Partei. Die CDU und Deutschland – das war eins für ihn. Und das verführte ihn, so manches Mal das Schweigen der Stabilität über den notwendigen Widerspruch zu erheben.

August 1990: Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause unterzeichnen die Dokumente der deutschen Einheit
Widerspruch ja, Revolte nein
Merkels Atomausstieg hielt sein nüchtern-kühler Kopf für Wahnsinn, aber Schäuble machte mit, weil er um die Macht der Partei in Baden-Württemberg fürchtete (die Wahl ging trotzdem verloren).
Merkels Flüchtlingspolitik erkannte er als brandgefährlich, er murrte, aber er revoltierte nicht, obwohl die Partei nur auf ein Wort von ihm wartete. Auch in der zweiten Flüchtlingskrise 2018, als er Merkel hätte zwingen können, die Grenzen zu schließen, blieb er still.
2021 verhinderte er aus Liebe zu seiner CDU quasi im Alleingang den Kanzlerkandidaten Markus Söder und stürzte die Partei damit in das Laschet-Debakel und die unwahrscheinlichste Wahlniederlage aller Zeiten. Besser mit einem Rheinländer untergehen als mit einem Franken gewinnen – das war Schäubles Parteiverständnis.
Seinen wichtigsten und unbequemsten Satz von vielen unbequemen Sätzen sagte Schäuble während der Pandemie: „Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“
Er widersprach Merkels autoritärer Herrschaft mit ihren falschen Dogmen, aber vor dem Aufstand schreckte er stets zurück.

2015: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble
Eine Leben im Rollstuhl und ohne Selbstmitleid
Vor einigen Monaten telefonierten wir zum letzten Mal. Ich erzählte ihm von Nius.de. Er sagte: „Ich sehe wohl, dass es neue Medien braucht, aber ich bin zu alt, um mich an diesem Kampf zu beteiligen.“
In seinem letzten Interview mit der Welt vor wenigen Tagen sagte Wolfgang Schäuble: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Selbst im Chinesischen ist das Schriftzeichen für Krise und Hoffnung dasselbe. Und wenn Krisen Chancen sind, dann haben wir im Moment große Chancen, denn wir haben große Krisen.“
Wolfgang Schäuble hat das Leben im Rollstuhl gehasst, aber Worte des Selbstmitleids hat er noch mehr verachtet als seine eigenen tauben Beine. Er war der dienstälteste Abgeordnete in der Geschichte der Bundesrepublik – und wurde immer direkt gewählt.
Wenn man im Gegensatz zu ihm auf die jüngste Abgeordnete blickt, Emilia Fester von der Grünen Partei, dann sieht man den rasanten Niedergang von Staatsdienertum in unserem Land in nur drei, vier kurzen Generationen. In einem Doppelinterview mit Fester sagte Schäuble: „Sie sind als junge Frau nicht nur die Abgeordnete der Jugend – genauso wenig, wie ich nur der Vertreter der älteren Generation bin. Oder der Rollstuhlfahrer. Wir sind alle Abgeordnete des ganzen Volkes, mit unserer spezifischen Sicht und Erfahrung, die wir einbringen. Daraus wird dann Demokratie.“ Das war sein Demokratie-Verständnis: Abgeordneter für das gesamte Volk.
Wolfgang Schäubles Leben bestand aus einem einzigen Wort, das vielen Politikern heute vollkommen fremd ist: Pflicht.
Möge er in Einigkeit und Recht und Freiheit ruhen!

2015: Schäuble mit seiner Frau Ingeborg auf Sylt
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