Lifestyle, Zeit, Geld, Karriere: Warum der Hund das Kind ersetzt
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Regen, Kälte, Wind. Noch einmal sich hochraffen, um mit dem Hund Gassi zu gehen, eine letzte Runde vor dem Schlafen. Für jeden Menschen ohne Vierbeiner klingt das womöglich schon wie eine Last, viel Mühe und Einschränkung. Für Menschen mit Kindern muss es lächerlich wirken.
Ein Hund erfordert Zeit und Geduld, doch verglichen mit einem Neugeborenen, das die Nacht durchschreit, sich in die Windeln macht und vollkommen abhängig ist von seinen Eltern, wirkt der Hund doch moderat.
Frauen in Deutschland haben nur noch 1,35 Kinder
Grund genug also für viele Paare, sich gegen Kinder und für eine Fellversion dessen zu entscheiden? Wenn man auf die Statistiken blickt, deutet zumindest alles darauf hin. Im Jahr 2024 lebten mindestens 10,5 Millionen Hunde in Deutschland. Das sind 54 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Im Gegensatz dazu stehen 10,9 Millionen Kinder unter 14 Jahren. Die Zahl der Hunde nimmt kontinuierlich zu, die Geburtenrate sinkt. Im Schnitt haben Frauen in Deutschland nur noch 1,35 Kinder.

Paar mit Hund in Berlin.
Das Phänomen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Selbst in China, einst geplagt von zu hohen Geburtenraten, nimmt die Lust an der Familie ab. Allein in Peking wohnen mehr als eine Million Hunde – in ganz China sind es 53 Millionen. Im Jahr 2024 zählte das Land erstmals mehr Haustiere als Kinder unter vier Jahren. Besonders unter gut gebildeten Mittelschichtlern wird der Hund als Begleiter immer beliebter.
Und das, obwohl bis 1993 die Hundehaltung in Peking verboten war und auch danach noch als schlechte Imitation des westlichen Lebensstils galt. Mittlerweile unterbietet China sogar die Geburtenrate im Westen. Nur noch ein Kind pro Frau – in Peking sogar nur 0,6 Kinder pro Frau –, was das Land langfristig in Schwierigkeiten bringt.
Der Markt für Tier-Zubehör wächst
Ähnlich sieht es in Japan aus: 16 Millionen Katzen und Hunde überbieten mittlerweile die 14 Millionen Kinder unter 15 Jahren. Nur noch 1,15 Kinder bringt die japanische Frau zur Welt. Dem Haustier als Kinderersatz soll es an nichts fehlen. Egal, ob Yogakurs, Gourmet-Restaurant oder teure Kleidung – die Branche für Tierbedarf boomt. Allein die Tierfutter-Industrie machte über 5 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr 2024, hierzulande waren es 7 Milliarden. In Kolumbien wächst der Markt für Tier-Zubehör, während der Absatz für Windeln zurückgeht. Fast 67 Prozent der Haushalte haben mindestens ein Haustier, 49 Prozent der Familien einen Hund. Und auch in dem lateinamerikanischen Land sinkt die Geburtenrate.

Die internationale Haustiermesse in Japan.
Die Liste lässt sich weiterführen, der Trend zu weniger Kindern und mehr Haustieren ist unschwer zu erkennen. Was aber sind die Gründe dafür, dass sich vor allem eher gebildete Paare gegen die klassische Familie entscheiden? Es lässt sich spekulieren, dass die Klima-Panik endlich Früchte trägt. Jahr um Jahr wurde gewarnt vor der Umwelt-Belastung, die jedes Neugeborene verursacht. Wer seinen CO2-Fußabdruck verringern will, der solle sich gegen Kinder entscheiden, so die Propaganda. Laut Umweltbundesamt emittiert jeder Deutsche jährlich 10,3 Tonnen CO2, ein etwa 30 Kilo schwerer Hund kommt auf eine Tonne pro Jahr. Klimaneutral sind Hunde also auch nicht.
Die Bedürfnisse eines Hundes sind überschaubar
Überzeugender ist die Beobachtung einer nicht erwachsen werden wollenden Gesellschaft, die exzessiv mit sich und ihren Neurosen beschäftigt ist, statt Raum zu schaffen für ein Wesen, das bedingungslose Aufmerksamkeit einfordert. Wer es wagt, Verantwortung zu übernehmen, entscheidet sich dann lieber für den Hund. Schließlich lebt er maximal 19 Jahre und hat überschaubare Bedürfnisse. Außerdem entfällt das Risiko, dass der Vierbeiner eine eigene Persönlichkeit, womöglich sogar eine entgegengesetzte politische Meinung zu seinen Besitzern entwickelt, wie es bei einem Kind durchaus möglich ist. Wenn man reisen will, passt der Hundesitter auf, und falls es einem gar zu bunt wird, dann kommt das Tier eben wieder ins Tierheim.

Ein Kind lebt in der Regel länger als 19 Jahre.
Selbst wenn man den Hund behält, sich als Paar aber trennt, ist das Drama vorhersehbar. Kein Sorgerechtsstreit oder wochenweises Hin und Her wie bei der Trennung mit Kindern. Vielleicht liegt die Erklärung aber gar nicht in der reinen Praktikabilität, sondern darin, dass uns allen der Kontakt zu Menschen aus anderen Altersgruppen fehlt. Senioren leben im Heim, Kleinkinder sind bis spät in der Kita, beide Eltern sind voll berufstätig. Es bleibt wenig Zeit für Austausch. Hätte früher noch eine Nachbarin oder die Oma die Sprösslinge bespaßt, ist das System mittlerweile so ausgeklügelt, dass es gar nicht mehr notwendig ist, um Hilfe zu bitten. Jeder bleibt in seiner Blase.
Die Lebenshaltungskosten steigen
Ein ungezwungener Kontakt mit (fremden) Kindern findet gerade unter jungen Erwachsenen wenig statt. Kinder sind nervig, laut, stören und sind die Endgegner von „Me Time“ oder „Selfcare“. Es gibt sogar Studien, die darauf hindeuten, dass Hundebesitzer besonders negativ auf die Elternschaft blicken. Das erzählt die Professorin Enikő Kubinyi von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest gegenüber dem Stern. Es gibt aber auch Erkenntnisse darüber, dass der Hund als Übergangskind fungiert und sich damit positiv auf das Gründen einer Familie auswirkt. Immerhin.

Kind und Hund zusammen geht auch.
Letztlich spielt auch die finanzielle Situation vieler Paare eine Rolle, wenn es um die Frage geht: Kind oder Hund? Die Mietpreise in Großstädten steigen kontinuierlich, es wird nicht genug gebaut, Mehrraumwohnungen sind kaum verfügbar, von der Idee des Hauskaufs haben sich Millennials ohnehin längst verabschiedet. In den 1990er- und 2000er-Jahren gab es noch das Konzept vom Alleinverdiener. Der Vater konnte seine Familie mit nur einem Gehalt versorgen. 1992 arbeitete nur die Hälfte aller Frauen zwischen 15 und 65 Jahren. Heute sind es 74 Prozent. Die Gehälter sind zwar gestiegen, damit allerdings auch die Lebenshaltungskosten.
Ist die Entscheidung gegen das Kind feministisch?
Und schließlich verfallen viele junge Frauen der Erzählung, dass eine Entscheidung gegen Kinder und für die Karriere glücklicher macht. Maximale Selbstbestimmung, Rebellion gegen das schnöde Bild der Mutter – breiverschmiert, hobbylos und abhängig vom Mann. Moderne Feministinnen haben es geschafft, die Frau zu reduzieren auf einen Mann mit Brüsten und Vagina, in deren Leben Kinder keine Rolle spielen. Denn – und damit haben sie recht – Kinder machen abhängig und verletzlich, Kinder kann man nicht zurückgeben, und Frauen gehen ein größeres berufliches und auch persönliches Risiko ein mit der Entscheidung für eine Familie. Wesentlich für diesen Schritt ist in der Regel außerdem eine intakte Beziehung. In Deutschland leben etwa 17 Millionen Menschen allein. Das sind 17 Prozent mehr als noch vor 20 Jahren. Trotz Apps und Dating-Seiten ist die Partnerwahl schwieriger geworden. Um ein Kind zu zeugen, braucht es für gewöhnlich zwei Menschen, einen Hund kann man auch allein adoptieren.
Dass Frauen sich heute auch gegen Kinder entscheiden können, ohne verurteilt zu werden, ist ein Fortschritt, dass die Ausnahme immer mehr zur Regel wird, lässt allerdings aufhorchen.
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