Immer mehr Menschen hauen ab aus Deutschland – ich könnte der nächste sein
Im vergangenen Jahr wanderten 270.000 Deutsche aus, und offen gestanden, spiele ich ebenfalls mit dem Gedanken.
Während die unkontrollierte Zuwanderung viel diskutiert wird, scheint kaum jemand die Tatsache anzusprechen, dass eine wachsende Anzahl von Deutschen ihre Koffer packt und ins Ausland zieht. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Einerseits könnte es als Zeichen dafür gewertet werden, dass es anderswo bessere Möglichkeiten gibt, andererseits könnte es aber auch ein Zeichen für mangelndes Vertrauen in die deutsche Wirtschaft und die Zukunftsaussichten sein.
Übrigens: Die Nettozuwanderung von knapp 1,5 Millionen Personen im Jahr 2022 ist laut dem Statistischen Bundesamt „die höchste bisher registrierte Nettozuwanderung innerhalb eines Berichtsjahres seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1950.“ Es verlassen also nicht nur viele Deutsche das Land, sondern es kommen auch immer mehr Menschen hierher. Gibt es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen?
Die Abwanderung junger Hochqualifizierter
Die deutschen Auswanderer im Jahr 2022 waren größtenteils männlich, und sie hatten ein Durchschnittsalter von 35 Jahren. Ebenso interessant ist, dass die Deutschen, die ihr Heimatland verlassen, meist hochqualifiziert sind. Laut einem Bericht des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus dem Jahr 2019 waren 76 Prozent der Auswanderer Akademiker. Um ehrlich zu sein, fand ich das ziemlich überraschend. Als jemand, der Reality-TV inhaliert, hatte ich immer den Eindruck, dass der Deutsche nur auswandert, um in Italien eine Pizzeria zu eröffnen oder die amerikanische Gastronomie mit einer weiteren Burgerbude aufzumischen.
58 Prozent der Befragten nannten berufliche Gründe für ihren Fortzug und häufig ging es dabei um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter. Die Forscher berichten auch, dass viele diese Auswanderer nicht für immer verschwinden, sondern zu einem späteren Zeitpunkt nach Deutschland zurückzukehren wollten. 46 Prozent gaben an, dass sie ihre Heimat verlassen haben, weil ihnen der Lebensstil im Zielland eher zusagt. Und 37 Prozent der Befragten folgten einfach ihrem Partner, wobei dies vorwiegend Ehefrauen betraf.
Wo zieht es Deutsche hin?
Die Top-Ziele für deutsche Auswanderer sind seit Jahren ziemlich konstant. Die Schweiz ist nach wie vor das Hauptzielland, gefolgt von Österreich und den USA. Aber auch Spanien, Frankreich, die Türkei, Großbritannien, Polen, die Niederlande und Schweden sind beliebt. Aber: Von 124.000 deutschen Auswanderern hat das Statistische Bundesamt keinen Zielort erfasst. In der entsprechenden Spalte steht daher „Ungeklärt/Ohne Angabe“. Ist das ein Indiz dafür, dass das Thema „Abwanderung“ nicht den höchsten Stellenwert genießt? Warum ergreift die Bundesregierung keine Maßnahmen, um präzise Informationen darüber zu erhalten, aus welchen Gründen und in welche Länder deutsche Bürger auswandern?
Ich kenne mehrere Aussiedler und sie alle geben offiziell berufliche Gründe an. Doch in vertraulichen Gesprächen wird deutlich, dass der eigentliche Grund die sinkende Lebensqualität in Deutschland ist. Und genau das ist auch der Grund, warum ich darüber nachdenke, meine Heimat zu verlassen. Meine Eltern kamen vor über 50 Jahren als türkische Einwanderer nach Deutschland, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie arbeiteten hart und kehrten als zufriedene Rentner in die Türkei zurück, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Ich bin in Deutschland geboren und dachte eigentlich, dass ich hier auch zur Ruhe gebettet werde. Mittlerweile bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.
Hin- und hergerissen
In den vergangenen Wochen habe ich mehrfach überlegt, nach Madeira auszuwandern. Das Inselleben bietet zahlreiche Vorteile: Es ist kostengünstig, die Landschaft ist atemberaubend und das Klima ein Traum. Zudem liegt ein gewisser Optimismus in der Luft. Doch jedes Mal, wenn ich daran denke, überkommt mich ein Gefühl der Schuld, als wäre ich ein illoyales Schwein. Wie jemand, der plötzlich den FC Bayern anfeuert, nur weil sein eigentlicher Lieblingsverein eine Pechsträhne hat oder ein Arschloch, das seine treue Ehefrau verlässt, weil ihm eine jüngere Schnitte schöne Augen macht.
Bin ich dumm, weil ich es als moralisch verwerflich empfinde, das Land zu verlassen, das meine Eltern mit offenen Armen empfangen und mir ein gutes Leben ermöglicht hat?
Zumal nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt, herausfordernde Zeiten durchmacht, und die Stimmung überall rasch umschlagen kann. Unsere Ampelregierung ist das perfekte Beispiel dafür, dass ein einziger Regierungswechsel ausreicht, um vom Regen in die Traufe zu geraten. Ich halte die Ampel für einen schlechten Witz, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich dieses Land und seine Leute liebe. Ich reiße mich nicht darum, mit 51 Jahren in einem anderen Land neu anzufangen, aber wenn es so weitergeht, bleibt mir keine andere Wahl. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass wir eine Regierung bekommen, die nicht auf Meinung ihrer Bürger scheißt und ich weiter hier leben kann, ohne demnächst bei der Tafel anstehen zu müssen. Ist das wirklich zu viel verlangt?
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