Islamismus-Hotspot im Bergischen Land: Wie Solingen zum Hort von radikalen Muslimen wurde
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Ausgerechnet in der Klingenstadt Solingen solch ein Messerangriff, sagten die einen. Andere verwiesen auf den rechtsextremen Brandanschlag aus dem Jahr 1993 – und dass die Stadt nun erneut Stadt erneut wegen politisch motivierter Straftaten in den öffentlichen Fokus gerate. Weitgehend unterberichtet ist hingegen die Tatsache, dass der schwerste islamistische Anschlag seit Anis Amris Lkw-Fahrt auf dem Berliner Breitscheidplatz in Solingen stattfand, also: ausgerechnet der Stadt, die schon seit Jahren als Hort des Islamismus gilt.
Rückblende: Im Dezember 2011, als der syrische Bürgerkrieg tobt und in Russland eine neue Duma gewählt, zieht ein 26 Jahre alter Mann ins Bergische Land, genauer gesagt: nach Solingen. Dabei handelt es sich um Mohammed Mahmoud, der sich selbst Abu Usama al-Gharib nennt. Er wird das Geschehen der Stadt in den nächsten Monaten prägen – und Solingen in den Fokus bundesdeutscher Berichterstattungen rücken.
Mahmoud saß zuvor vier Jahre in Haft in Wien. Er galt als Mitbegründer der deutschsprachigen „Globalen Islamischen Medienfront“, die sich für Videoproduktionen der Al-Qaeda verantwortlich zeichnete, in denen Terroranschläge verherrlicht wurden. Ein österreichisches Gericht hatte ihn 2008 unter anderem wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Sicherheitsbehörden nannten ihn einen „Pionier des Internet-Dschihad“ – fünf Jahre, bevor TikTok erstmals auf dem chinesischen Markt erscheint.

Mohamed Mahmoud gilt als „Pionier des Internet-Dschihad“.
Mahmoud riet Muslimen Messer für Schutz vor Ungläubigen an
Wenig später entsteht in der Konrad-Adenauer-Straße im Zentrum von Solingen die „Masjid Ar-Rahmah“, der Prototyp einer Hinterhof-Moschee, die fortan angebunden an den Verein Mahmouds „Millatu Ibrahim“ agiert. In den Gebetsräumen werden Predigten gestreamt, in denen Mahmoud seinem Publik zuruft: „Wir werden keine Ruhe geben, bis die ganze Erde mit Allahs Gesetz beherrscht wird!“ Oder: „Entweder leben wir dafür, dass diese Flagge über dem Weißen Haus und über dem Vatikan weht, oder wir sterben!“ Oder: „Warum schämen sich manche Brüder eine Waffe zu tragen? Bei Allah, das ist die Ehre des Islams!“ Zum Schutz vor Ungläubigen, so Mahmoud, sollten Muslime Messer bei sich tragen. Auch hier schließt sich der Kreis zum islamistischen Attentäter Issa Al Hasan auf makabre Art und Weise.
Im Frühjahr 2012 wird Solingen unter Anleitung von Mahmoud, dessen Eltern aus Ägypten stammen, zu einer Art bundesweitem Zentrum für Salafisten. Neben ihm betet dort auch Denis Cuspert, der sich als Rapper Deso Dogg nannte und sich der Moschee auf den Namen Abou Maleeq gibt. 15 Kilometer weiter nördlich, in Wuppertal, wird nur zwei Jahre später Sven Lau, der wohl bekannteste Konvertit, als islamistischer Prediger auftreten und mit einer Scharia-Polizei durch die Straßen patrouillieren. Nordrhein-Westfalen und besonders das Bergische Land mit den Städten Solingen, Wuppertal und Remscheid gelten zu dem Zeitpunkt als Hotspots des sich ausbreitenden Salafismus, die WELT spricht von einer „Islamisten-Kameradschaft“.

Mohammed Mahmoud und Denis Cuspert – beide schlossen sich später dem „Islamischen Staat“ an.
Dabei spricht vieles dafür, dass Mohammed Mahmoud sich damals die Stadt auch deshalb ausgesucht hatte, weil zwei deutsche Konvertiten, Robert B. und Christian Emde, in internationale Schlagzeilen gerieten. Die Solinger wurden im Sommer 2011 in Großbritannien verhaftet, weil Ermittler bei ihrer Einreise islamistisches Propagandamaterial gefunden haben, das für die Planung und die Umsetzung von Terroranschlägen genutzt werden kann. Konkret soll es sich dabei um Bombenbau-Anleitungen gehandelt haben. Die beiden Männer werden zu 16 Monaten Haft verurteilt.
Emde und B. sollen in einer Solinger Moschee, dem „Deutsch-Islamischen Zentrum“, ein und aus gegangen sein, das berichten Medien wie die Rheinische Post. In Solingen sind schon damals mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Ausländer, dreimal so viele wie in der Bundesrepublik. Gerade Emde, so heißt es aus Kreisen seiner Familie, soll damals im Umfeld der Glaubensstätte eine Blitzradikalisierung hingelegt haben: islamische Gewänder, abrasierte Oberlippenbärte, Arabischunterricht – und der Wunsch, für den Islam zu sterben. Drei Häuser neben der Moschee, in der sich Emde radikalisierte, eröffnet 2012 Mahmouds „Millatu Ibrahim“-Projekt.

In dieser Hinterhofmoschee in der Konrad-Adenauer-Straße in Solingen eröffnete Mahmouds Millatu-Ibrahim-Projekt.
Die Solinger Jungs ziehen in den Heiligen Krieg
Doch das Treiben der Generation um Mahmoud und Cuspert währt nicht lange. Im Frühjahr 2012 kommt es zu Zusammenstößen mit „Pro NRW“-Demonstranten, die Mohammed-Karikaturen auf Schildern zeigen. Die Lokalpolitik isoliert die Moscheegemeinde, in Schulen wird für den radikalen Islam sensibilisiert. Schließlich verbietet der damalige CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich „Millatu Ibrahim“ im Juni 2012. Es kommt zu Durchsuchungen, Datenträger werden beschlagnahmt, Räumlichkeiten beschlossen. Die Behörden sind sich sicher: In der Hinterhofmoschee werde zum Heiligen Krieg aufgerufen, die Betätigung richte sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung.
Eine Nachfolgeorganisation „Tauwid Germany“ gründet sich unweit von Solingen, doch auch diese wird wenig später verboten. Die Geschichte von Mahmoud, Emde und Cuspert endet damit nicht: Alle von ihnen werden in den Folgejahren nach Syrien ausreisen, sich ISIS anschließen und 2018 im Heiligen Krieg sterben. Cuspert soll durch einen Drohnenangriff gestorben sein – in Deir ez-Zor, der syrischen Provinz, aus der auch Issa Al Hasan, der islamistische Attentäter von vergangenem Freitag, stammte.

Der Solinger Christian Emde in einem Interview mit dem Publizisten Jürgen Todenhöfer in Mossul.

Mohammed Mahmoud als Kämpfer des „Islamischen Staat“ in Syrien.
Zwei Generationen prallen aufeinander
Eine Kontinuität zwischen der deutschsprachigen Generation um Mahmoud und Cuspert und dem arabischsprachigen Al Hasan zu vermuten, wäre weit hergeholt. Aber der Exkurs zeigt: Zwölf Jahre nach den Umtrieben von Islamisten im Bergischen Land ist die Gefahr des Islamismus keineswegs gebannt. Während die einen ausgereist sind, um dem „Islamischen Staat“ zu dienen, kommen zweitere aus Bürgerkriegsländern.
Auch die Generationen unterscheiden sich: Während Mahmoud und Cuspert eine Art deutschsprachige Pioniergeneration waren, die Islamismus als Bewegung in Deutschland etablierten, sind diese radikalen Zusammenschlüsse auch durch staatliche Repressionen weniger organisiert als zu Zeiten Sven Laus und Pierre Vogels. Salafismus findet heute dezentraler statt, es braucht auch in der Regel keine Kameradschaft, sondern ideologisch überzeugte Einzeltäter, die notfalls nach Europa als Flüchtlinge kommen. Und: Islamismus hat sich ins Internet verlagert. In dem Sinne ist es nur konsequent, dass die Prediger Pierre Vogel und Abul Baraa, eigentlich zwei seit Jahren bekannte Szenegrößen, am Mittwoch über das Attentat von Solingen im TikTok-Livestream feixten.
In Solingen, wo laut Solinger Tagblatt noch im Jahr 2019 Behörden 200 Salafisten im Visier hatten, dürften aber auch radikalisierte Migranten auf fruchtbaren Boden stoßen. Auch die Klingenstadt hat mit einer Demografie zu kämpfen, die sie immer ausländischer macht. 2020 hatten 45 Prozent der Grundschüler und fast 60 Prozent der unter 3-Jährigen Migrationshintergrund. In der 160.000-Einwohner-Stadt leben mehr als 2.000 Syrer. Diese sind gewiss nicht allesamt Islamisten, aber die Betreuung und Erkennung von Islamisten wie Issa Al Hasan, der bereits 2023 Anzeichen einer tiefen Radikalisierung aufwies, ist in einer Stadt, die so migrantisch ist, nicht einfacher geworden.

Issa Al Hasan in einem Bekennervideo des „Islamischen Staats“.
Wo hat der Täter Al Hasan gebetet?
Vieles spricht dabei dafür, dass Al Hasan bereits als Islamist nach Deutschland kam. Zu klären wird sein, ob der Syrer sich im Laufe seines Aufenthalts weiter radikalisiert hatte – und wenn ja, von wem er dabei womöglich ermutigt wurde. Nach Informationen von NIUS stehen insbesondere die Zimmerbewohner Al Hasans aus dem Raum 255 der Flüchtlingsunterkunft in der Goerdelerstraße im Verdacht, zumindest Mitwissen über dessen Weltanschauung gehabt zu haben.
Und: Auch die Frage nach dem Gedankengut in Moscheen wird in den kommenden Tagen noch eine Rolle spielen. Nach Informationen von NIUS besuchte Al Hasan besonders zu Ramadan immer wieder eine Glaubensstätte. Dies deckt sich mit Ausführungen von Zeugen, die gegenüber der Polizei zu Protokoll gaben, dass Al Hasan in örtlichen Moscheen bekannt gewesen sein soll. Nach Informationen von NIUS gehen mehrere Personen, die Al Hasan kannten, davon aus, dass er im „Islamischen Zentrum Solingen“ gebetet haben soll.

Das Islamische Zentrum in Solingen.
Die Glaubensstätte in der Florastraße, 250 Meter entfernt vom Flüchtlingsheim in der Goerdelerstraße, in der Al Hasan wohnte, hält Gebete in Arabisch ab. In einer jüngsten Predigt heißt es: „Einige Menschen sind nicht mit den Worten der Prediger einverstanden, sie wollen, dass die Worte so gesprochen werden, wie sie es wünschen. Sie wollen das Gesetz Allahs und die Sunnah des Gesandten Allahs nach ihrem eigenen Willen und ihrer eigenen Laune verbiegen“. Der Verfassungsschutz NRW teilt gegenüber NIUS mit, dass den Behörden „die rechtlichen Voraussetzungen für eine öffentliche Bewertung“ nicht vorlägen. „Das schließt nicht aus, dass einzelne Personen der islamistischen Szene derartige Moscheen als Anlaufstelle nutzen können.“
Sein Bekennervideo für ISIS drehte Issa Al-Hasan in der Florastraße – also der Straße, wo auch die Moschee liegt. Zwei Tage nach dem Attentat, am Sonntag, verneinte die Moschee auf Telegram, dass Issa Al Hasan dort je Gast gewesen sein. Man wolle klarstellen, „dass der Täter in unserer Moschee nicht bekannt ist.“ Für manch einen wirkte dies wie vorauseilender Gehorsam. Am Donnerstag verschwanden überraschenderweise alle YouTube-Videos vom YouTube-Kanal der Moschee.
Auch bei NIUS: So lebte der Terrorist von Solingen
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Jan A. Karon
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