Klima, Ernährung, Extremismus: Brauchen die Deutschen eine Ersatzreligion?
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Abkehr von der Kirche: Die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr ist so stark gestiegen wie lange nicht. Bei der katholischen Kirche verzeichnete man 522.000 Austritte innerhalb eines Jahres, bei der evangelischen Kirche waren es 380.000 Austritte.

Schwere Zeiten für die Kirchen: Im vergangenen Jahr verzeichnete die katholische Kirche über 500.000 Austritte.
Zahlen, die aufhorchen lassen. Laut Nachrichtenmagazin Der Spiegel glaubt nur noch etwas mehr als die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) an „einen Gott“. Das spiegelt sich auch in den stark gesunkenen Zahlen der Kirchensteuer-Zahler wider – bundesweit sind es nur noch etwa 40 Millionen.
Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Dies habe laut Theologin Margot Käßmann zwei Gründe: Einerseits schreite die generelle Loslösung durch die Verweltlichtung massiv voran. Andererseits finde eine deutliche Individualisierung statt, was bedeutet, dass viele Menschen sich nicht mehr binden wollen und sich ihre religiöse Haltung idividuell zusammenstellen würden, sagt Käßmann.

Christlich-orthodoxe Gläubige nehmen mit Kreuzen an einer Karfreitagsprozession teil.
„Ich selbst finde das bedrückend, weil wir so gemeinsame Rituale, Geschichten, Texte, Lieder verlieren, ja auch Orte, an denen wir zusammenkommen in den großen Krisenzeiten unserer Gesellschaft.“, so die Theologin.

Die evangelische Theologin Margot Käßmann.
Als Landesbischöfin habe sie erlebt, wie die Kirche in Zeiten großer Verunsicherung Halt gegeben habe. Am 11. September 2001, als die USA von beispiellosen Terroranschlägen getroffen wurden, hielt Käßmann abends eine Andacht. Sie erinnert sich: „Die Marktkirche in Hannover war rappelvoll.“ Ebenso nach einem Busunglück, bei dem 20 Menschen verbrannten oder nach dem Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke.
„An so einem Tag Worte zu hören, die älter sind als wir, ein Gebet zu sprechen, das alle kennen, ein Lied zu singen, das tröstet – das schenkt Gemeinschaft und Ermutigung“, sagt Käßmann gegenüber NIUS.
Im Vergleich zu 2001 scheinen die Probleme heute größer. So bereitet die momentane Situation mit Krieg, Inflation und den Nachwehen der Pandemie vielen Menschen Sorge. Dennoch findet eine Abkehr von der Kirche statt. Ein Paradoxon, findet der Arzt und Psychologe Christian Schubert.
„Die Menschen sind orientierungslos, suchen Sinn und Bedeutung im Leben, eigentlich müsste die Kirche Zulauf bekommen“, sagt er. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Arzt und Psychologe Christian Schubert.
Aufgrund dieser Ohnmacht seien Menschen leichter für Ideologien anfällig, so Schubert. Als solche Ersatzreligionen seien zu nennen: radikaler Veganismus, Klima-Schutz und sämtliche Formen von politischem Extremismus. Arzt und Psychologe Schubert sagt: „Bei der Ernährung ist es ein fast sektenartiges Verhalten. Es geht dabei oft nur um das Stoffliche.“
Der Materialismus unserer Zeit wirke entfremdend. Gerade hier sieht er den Fehler. Denn damit würde alles Nicht-Stoffliche wie die Spiritualität abgewertet. Dabei zeige die Forschung, dass Kirchgänger gesünder leben, weniger depressiv und verängstigt sind – und damit auch älter würden.
Schubert: „Das Gefühl von Gott geleitet zu sein und der Glaube an ein Weiterleben wirken wie ein Medikament.“

Ein Besucher betrachtet Bilder von Adam und Eva um 1508/10 des Renaissance-Maler Lucas Cranach d. Ä.
Theologin Käßmann sieht in der Abkehr von der Kirche eine Gefahr für die Gesellschaft. „Wir verlieren Rituale, die Geländer sind, das erlebe ich bei jeder Trauerfeier. Wir verlieren den Rhythmus der Festtage. Wir stehen nicht mehr in einer Tradition von Erzählungen.“
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