Leseschwächen und Rechenmängel bei unseren Kindern: Ohne Familien gibt es keine Bildung
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Haben Sie auch früher beim Würfeln immer lange, beschwörend den Becher oder die geschlossenen Hände geschüttelt und beschwörende Sprüche gemurmelt, damit eine Sechs kommt? Die richtige Formel habe ich bis heute leider nicht gefunden. Dafür hat Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) sich dieser Tage im Gespräch mit BILD Gedanken über das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei Pisa-Tests gemacht– und einen dramatischen Mensch-ärgere-dich-nicht-Mangel bemerkt. Klingt erstmal kurios, ist aber nicht ganz abwegig.
Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, im Rechnen liegen deutsche ABC-Schützen weit unter dem Durchschnitt, und 52.000 Schüler verlassen jährlich laut einer Studie des Leibniz-Instituts ganz ohne Abschluss die Schule. Schönen Gruß aus dem einstigen Land der Dichter und Denker!

Will mehr „Mensch ärgere dich nicht“-Spiele in deutschen Familien: Ties Rabe.
Woran das liegt? Der Hamburger Bildungssenator hat da durchaus bemerkens- und vor allem bedenkenswerte Beobachtungen: Es werde „kaum noch ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ gespielt“, so Rabe. Dabei hätten die Kinder früher spielerisch zählen gelernt. Rund vierzig Prozent der Familien haben heute keine Bücher mehr im Haus, auch werde weniger zu Hause zusammen gebacken, wobei man Mehl und Zucker abwiegt, ein Gefühl für Mengen bekommt, wie auch beim Kaufmannsladen-Spielen. Und in rund einem Drittel der Haushalte werde nicht oder nur gelegentlich Deutsch gesprochen.
Bild der klassischen Familie zunehmend madiger
Ich finde das sehr sympathisch und auch ziemlich lebensklug, wenn Politiker ganz einfach im Denken beim Alltag der Leute bleiben. Abstrakte Analysen mit dem modernistischen Dünkel der Generation Gameboy kann jeder. Sie helfen genauso wenig weiter, wie der Verweis, dass ohne „Kaufmannsläden“ eben auch nicht mehr Kaufmannsladen mit Abwiegen und Einpacken gespielt wird. Ganz abgesehen davon, dass gerade in Kultusministerkreisen das Wort „KaufMANNsladen“ ohnehin tabu sein dürfte und durch Verkaufenden:laden oder ähnlichen Unsinn ersetzt wird, was ja viel einfacher ist, als sich mit dem eigentlichen Problem des Bildungsverfalls zu beschäftigen.

Kindertagesstätten sind für viele Eltern ein Rettungsanker, um der Erwerbsarbeit nachgehen zu können.
Kurz: An der Analyse des Senators ist aus meiner Sicht einiges dran. Eines übersieht Rabe allerdings: Was er da in wenigen Pinselstrichen nachzeichnet, ist das Bild einer klassischen Familie, das gerade auch von seiner Partei, der SPD, nicht gerade gepflegt, sondern eher madig gemacht wurde. Die Wahrheit ist, dass bis heute staatliche Betreuungseinrichtungen nicht in der Lage sind, die Familien und ihre zentrale Rolle bei Bildung und Erziehung zu ersetzen. Auch die viel gepriesene Ganztagsschule ersetzt ein funktionierendes Elternhaus nicht.
„Ein Teller Spaghetti in der Mitte“
Man kann nicht gleichzeitig predigen, dass nicht oder in Teilzeit berufstätige Frauen der zu hebende „Schatz der Volkswirtschaft“ gegen den Fachkräftemangel seien und gleichzeitig bedauern, dass nicht mehr gemeinsam gewürfelt und gebacken wird. Die Doppelverdiener-Familie hat notgedrungen weniger Zeit für den Nachwuchs, der Alleinerzieher-Haushalt mindestens ebenso.
Es ist eben nicht das Gleiche, ob Kinder am Nachmittag einen Koch-Zirkel besuchen oder mit Mama oder Papa zusammen Teig oder Bouletten/Klopse/Frikadellen kneten. Bildung ohne Bindung ist allenfalls die Hälfte wert. Wenn Mama oder Papa nicht lesen, gibt es auch keine Bücher im Haus und keine Vorbilder zum Reden über die Lektüre.
Die frühere Tagesspiegel-Korrespondentin Tissy Bruns hat einmal in einem Leitartikel geschrieben: „Familie, das sind Mama und Papa, ein Teller Spaghetti und ich in der Mitte.“ Ein toller Satz, der von elterlicher Wärme bis zu den materiellen Grundbedürfnissen alles umfasst, was eine gelungene Kindheit ausmacht. Es gibt wenige Leitartikelsätze, die ich mir über die Jahre gemerkt habe. Dies ist einer davon.

Die klassische Familie beim gemeinsamen Essen.
Politik nicht im Sinne für Kinder und Familien
Und wenn die SPD, wie jüngst beim Europawahlkampf, auf einem Plakat, die vermeintlich altbackene Familie der fünfziger Jahre gegen die fröhliche Migrantenfamilie von heute auszuspielen versucht, darf sie nicht gleichzeitig darüber klagen, wenn zu Hause wenig Deutsch gesprochen wird. Wenn ungeregelte und unbegrenzte Migration die Zahl der Kita-Kinder und Schüler explodieren lässt, fehlen Betreuer, Lehrer, gerät individuelle Zuwendung unter die Räder und zeigt der Leibniz-Bildungsmonitor eben das düstere Bild einer abrutschenden Jugend. Das ist nicht fremdenfeindlich, sondern einfache Mathematik (die auch von heute aktiven Politikern oft schon abgewählt wurde).
Ich kann derzeit nicht erkennen, dass es in der aktiven Politik eine relevante Kraft gibt, die sich im wirklich umfassenden Sinne für Kinder und Familien starkmacht. Die geplante Kindergrundsicherung von Familienministerin Lisa Paus (Grüne) versucht das Problem mit Geld und Betreuung zu lösen. Aus meiner Sicht beginnt Familienpolitik mit einem positiven Familienbild und dem Wissen darum, dass nicht nur Erwerbsarbeit Werte für die Gesellschaft schafft, sondern gutes Aufwachsen von Kindern mindestens ebenso wertvoll für das Gemeinwesen ist.
Wenn nicht noch wertvoller. Eine gute Kindheit spart später Sozialarbeiter, Bürgergeld oder Vollzugsbeamte. Vor allem bringt sie vernünftige, fröhliche und umgängliche Mitmenschen hervor.
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