Rabbi Chaim Rozwaski über die Lage der Juden in Deutschland: „Seid bereit, euch zu verteidigen”
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„Es gibt hier keine Zukunft für Juden mehr“, warnte kürzlich der Pariser Rabbi Moshe Sebbag und forderte französische Juden dazu auf, das Land zu verlassen. Doch wie steht es um die Lage der Juden in Deutschland?
Der orthodoxe Rabbiner Dr. Chaim Rozwaski wohnt in Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs, damals noch ein Kind, lebte er mit jüdischen Partisanen zusammen. NIUS traf ihn, um mit ihm über die Situation der Juden in Deutschland, Antisemitismus und jüdischen Widerstand zu sprechen.
NIUS: Der französische Rabbiner Sebbag sagt, dass es aufgrund der hohen Anzahl antisemitischer Vorfälle keine Zukunft mehr für Juden in Frankreich gibt. Die Anzahl ist für Deutschland etwa dreimal so hoch. Wie fühlen sich die deutschen Juden in diesen unsicheren Zeiten?
Rabbi Dr. Chaim Rozwaski: Die deutschen Juden sind äußerst besorgt. Die jüdischen Repräsentanten sollten das Bewusstsein und die Einheit des jüdischen Volkes stärken und den Juden Hoffnung und positives Denken vermitteln. Wir haben schon viele hoffnungslose Situationen überlebt, und wir werden auch diese überleben.

„Es ist heute klar, dass es für Juden in Frankreich keine Zukunft mehr gibt. Ich sage jedem, der jung ist, dass er nach Israel oder in ein anderes sichereres Land gehen soll“, sagte Rabbi Sebbag der Jerusalem Post.
NIUS: Wie sind Juden zuvor mit Antisemitismus umgegangen?
Chaim Rozwaski: Das jüdische Volk kämpft seit Hunderten von Jahren gegen den Antisemitismus. Was ist Antisemitismus? Einfach ausgedrückt ist es die Negierung des Rechts von Juden, als Nachbarn von Nicht-Juden zu leben, was schlussendlich in Gewalt gipfelt. Wir versuchten viele Wege, um Antisemitismus zu überwinden. Wir haben versucht, uns zu assimilieren – es hat nicht geholfen. Wir haben versucht, Patrioten der Länder zu werden, in denen wir leben, wie die Juden, die für den Kaiser, den Zaren oder den Präsidenten gekämpft haben – es hat nicht geholfen. Wir haben versucht, uns philanthropisch zu engagieren und Nicht-Juden zu helfen – es hat nicht geholfen. Wir gründeten Israel und bewiesen unser Existenzrecht – das hat nicht geholfen, manche sagen sogar, dass es den Antisemitismus noch verstärkt hat. Wir haben angefangen, einander zu beschuldigen: Die Reformisten beschuldigen die orthodoxen Juden, den Antisemitismus auszulösen und umgekehrt – das schadet der Einheit unseres Volkes.

Soldaten der „Jewish Legion“ kämpften in der britischen Armee im Ersten Weltkrieg. Auch auf der deutschen Seite dienten Juden – 35.000 wurden sogar für besondere Tapferkeit ausgezeichnet.
NIUS: Was sollten Juden stattdessen tun, um Antisemitismus zu bekämpfen oder zumindest den Schaden zu minimieren?
Chaim Rozwaski: Jüdischer Widerstand ist sehr wichtig, jüdischer Stolz und jüdische Würde auch – aber nicht, wenn die Gemeinschaft gespalten ist! Wir müssen ein starkes, gemeinsames jüdisches Leben aufbauen und lernen, uns gegenseitig zu respektieren, auch wenn wir in bestimmten Punkten anderer Meinung sind. Das gilt für jeden Juden: Im Exil müssen wir uns aneinander klammern und zueinander halten. Außerdem müssen wir die jüdische Bildung stärken und versuchen, jedes jüdische Kind auf eine jüdische Schule zu schicken. So lernen die Kinder etwas über ihre Identität und stärken die Gemeinschaft. Wir sollten bescheidener sein und aufhören, in fast jeder politischen Bewegung mitzumachen. Und natürlich wäre es gut, an einen sichereren Ort zu ziehen.
NIUS: Wo ist es für Juden sicher?
Chaim Rozwaski: Natürlich in Israel, aber das ist kompliziert.
Jahrzehntelang haben wir Geld in den intellektuellen Kampf gegen den Antisemitismus gesteckt, und was hat es gebracht? Nichts! Es ist an der Zeit, unsere Strategie zu ändern: Wir sollten einen speziellen Fonds einrichten, um denjenigen zu helfen, die Hilfe brauchen, nach Israel zu ziehen. Damit das nicht nur für junge oder wohlhabende Menschen möglich ist, sondern für jeden Juden, der das Exil verlassen und in den jüdischen Staat ziehen möchte – besonders in Zeiten der Krise! Israel muss ein geeintes Land sein und Juden müssen sich als Juden sehen und nicht als beliebige Menschen des Universums!
Übrigens: Deutsche Juden haben den Holocaust in höheren Zahlen überlebt als andere europäische Juden, weil sie Deutschland früh verlassen haben. Als Zeev Jabbotinsky [ein Anführer der rechten Zionisten] nach Polen kam und die polnischen Juden aufforderte, ihre Häuser zu verlassen und in das britische Mandatsgebiet Palästina zu ziehen, lachten die polnischen Juden und glaubten ihm und seiner Warnung vor der bevorstehenden Vernichtung nicht. Niemand will ein Flüchtling sein, aber manchmal ist es die einzige Möglichkeit zu überleben.

Ze'ev Jabotinsky war der Anführer der konservativen „revisionistisch–zionistischen“ Irgun-Bewegung..
NIUS: Wie bringt man die Juden zusammen?
Chaim Rozwaski: Sie brauchen ein gemeinsames Ziel, wie das Überleben und die Bildung der eigenen Kinder. Und das Wichtigste: Seid kompromissbereit! Viele jüdische Kinder genießen keine angemessene jüdische Erziehung. Wer eine jüdische Schule besucht, bleibt sein Leben lang jüdisch. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was uns eint, und nicht auf das, was uns trennt. Wir sind jüdische Menschen und haben ein gemeinsames Problem. Das gemeinsame Ziel heißt Überleben. Der Anstieg des Antisemitismus nach dem 7. Oktober hat nicht an diesem Tag begonnen. Er wurde lange vorher vorbereitet, und woher kam er? Von den Universitäten! Es war schon früher so und es ist auch heute noch so: Die Universitäten sind die Quelle des modernen (pseudo-)intellektuellen Antisemitismus.
Eine Sache, die mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die Kommunisten versucht haben, uns Juden als Kapitalisten darzustellen, während die Kapitalisten uns als Kommunisten darstellten. Hinzu kommt: Wenn Juden sich wehren, werden sie als Völkermörder bezeichnet, aber wenn sie sich nicht wehren, werden sie als Feiglinge bezeichnet. Was auch immer wir tun, die anderen finden einen Weg, es gegen uns zu verwenden, also müssen wir uns auf uns selbst konzentrieren und nicht auf die Meinung der anderen.
NIUS: In Deutschland erleben rechte Juden immer wieder, dass linke Juden und sogenannte Verbündete in NGOs und etablierten Institutionen den sogenannten „Kampf gegen Antisemitismus“ zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Dabei schließen sie oft jüdische Meinungen aus, die vom linken Status Quo abweichen. Was halten Sie von dieser Dynamik?
Chaim Rozwaski: Viele Akteure instrumentalisieren den Antisemitismus für ihre politischen Interessen. In einer Demokratie sollte man miteinander kooperieren – besonders innerhalb einer Familie. Wir Juden sind eine Familie! In einer Familie kann man sich streiten, aber man ist immer noch eine Familie und wir müssen uns daran erinnern, dass wir uns heute streiten und uns morgen umarmen. Wenn also ein Jude zu einem anderen kommt, sollte ersterer ihm zuhören. Der Aufruf, miteinander zu reden, gilt übrigens für alle, nicht nur für Juden.
Liebe Juden, kommt zusammen, erzieht eure Kinder und seid bereit, euch zu verteidigen – seid stolz! Wir sind eine der ältesten Nationen, die es heute gibt. Wir benutzen dieselben Namen, die unsere Vorfahren bereits vor fast 4000 Jahren vergaben!
Vielen Dank für Ihre Zeit!
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