Überall Nazis: Der neue linke Volkssport, sich in den Widerstand zu phantasieren
Ein Beitrag von
In der deutschen Politik verändert sich gerade etwas: Im ganzen Bundesgebiet gewinnt die AfD an Zustimmung, in manchen Umfragen kommt sie im Bund auf 23 Prozent, in ostdeutschen Bundesländern liegt sie über der 30-Prozent-Marke, in Sonneberg stellt sie erstmals einen Landrat, und aktuell sehen Demoskopen sie in keinem Bundesland mehr einstellig.
Die Gründe dafür sind vielfältig: die katastrophale Regierungsarbeit der Ampel ist einer davon, der Argwohn nach den totalitären Anwandlungen bei der staatlichen Bekämpfung des Coronavirus ein anderer, das Sichtbarwerden der Verwerfungen, die mit unkontrollierter Masseneinwanderung nach Deutschland kamen, ein weiterer.
Fakt ist: Die AfD ist derzeit so beliebt wie nie. Und mit dem kometenhaften Aufstieg der AfD ist in den vergangenen Wochen ein weiteres Phänomen sichtbar geworden: der Aktivismus einer linksliberalen moralischen Elite, die sich nun verstärkt in die Zeit des Nationalsozialismus versetzt sieht und im mutigen Widerstand wähnt.

Gewann die Landratswahl in Sonneberg: Robert Sesselmann.
„Geschichte wiederholt sich offenbar“
Beispiele dafür finden sich in den sozialen Medien zuhauf: Nach der Wahl in Sonneberg schrieb der Leipziger Grünen-Politiker und linke Szene-Anwalt, Jürgen Kassek: „Auch die NSDAP wurde in demokratischen Wahlen gewählt. Geschichte wiederholt sich offenbar“. Der Linken-Politiker Robert Fietzke schlug in eine ähnlich vergleichende Kerbe: „1928 stand die NSDAP bei 2,64 Prozent. 1932 erreichte sie im November 33 Prozent. 1933 übergaben ihr die Konservativen die Macht. Sie beerdigte die Demokratie und errichtete ihre mörderische Terrorherschaft.“
Auch Ralf Stegner verglich dergestalt und stellte die thüringische Bürgermeisterwahl in eine Reihe mit Hitlers Machtübernahme. CDU-Grünenurgestein Ruprecht Polenz warnt seit Wochen vor dem Widererstarken des Faschismus und der Rückkehr in dunkle Zeiten. Die Influencerin und Ex-FDP-Politikerin, Mareile Ihde, gab erst vor wenigen Tagen zum Besten: „Wenigstens ahne ich jetzt nicht mehr nur, wie das damals mit dem NS-Regime überhaupt passieren konnte.“
In Gillamoos war dem bayrischen SPD-Spitzenkandidat, Florian von Brunn, der reale Widerstand von Sophie Scholl nicht zu schade für eine billige Polemik gegen Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger.
Dass das Wort „Nazi“ ohnehin inflationär verwendet wird, ist da noch das kleinste Problem.

Glaubt, dass sich die Geschichte gerade wiederholt: Jürgen Kasek (links).
All diese Beispiele zeigen: Große Teile des derzeitigen politischen Establishments glauben fest daran, dass sie sich in einer Weimarer Republik 2.0 befinden. Es ist parteiübergreifend zum Modegenre und zur Volkssportart geworden, sich in den Widerstand gegen eine erneute Nazibedrohung zu phantasieren. Dieser gratismutige Pseudowiderstand ist geschichtsverharmlosend, weltfremd und, entschuldigen Sie bitte, einfach widerwärtig.
Lesen Sie auch bei NIUS: Wie der linksliberale Diskurs NS-Verbrechen relativiert
Unvergleichbare Vergleiche
Dabei scheint es fast so, als leide die politische Linke unter einem Hitler-Komplex und beziehe ihre ganze Legitimation aus einer realitätsfernen Wahnvorstellung, wonach sich Geschichte gerade wiederhole. Vielleicht wiederholt sich Geschichte aber gar nicht – die Forschung kam nicht ohne Grund zu der Erkenntnis, dass der Holocaust „singulär“ gewesen sei.
Und damit zum nächsten Punkt: Wenn Jana aus Kassel bei Corona-Demonstrationen die reale und schlimme Ausgrenzung von Ungeimpften mit der Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich vergleicht oder ein AfD-Politiker es nur wagt, anzuzweifeln, ob die deutsche Vergangenheitsbewältigung nicht auch zu einem internalisierten Selbsthass führe, heult das gesamte Juste Milieu auf, warnt vor Geschichtsrevisionismus und Holocaustverharmlosung. Wenn aber Linke selbst nach genau gleichem Muster Vergleiche zur NS-Zeit ziehen – und Millionen von Wählern und hunderte von Politikern, ganz egal wie man sie finden mag, in eine Reihe mit den schlimmsten Gewaltverbrechern unserer Geschichte stellen – ist es merkwürdig leise im Elfenbeinturm.
Instrumentalisierung und Selbstlegitimation
Je länger die Nazi-Zeit zurückliegt, desto präsenter wird sie im deutschen Gewissen. Und je präsenter sie im deutschen Gewissen ist, desto schärfer wird diese Waffe im politischen Kampf eingesetzt.
Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass die linke Szene Nazis regelrecht zum Überleben braucht: Aus ihrem (realen und imaginierten) Vorhandensein zieht sie die eigene Selbstlegitimation und Daseinsberechtigung. Wenn es keine Nazis (oder immer weniger) gäbe, würde der gesamte höhere Sinn dieser Menschen verloren gehen. Insofern wäre ein Rechtsruck Deutschlands ironischerweise das Beste, was diese Menschen sich vorstellen könnten, denn dann geht der Kampf gegen Rechts erst richtig los: Kein Fußbreit dem Faschismus!
Schauen Sie bei NIUS: Jeder Fünfte – Menschen erklären, warum sie die AfD wählen.
Zwischen Selbstüberschätzung, Banalisierung und Geschichtsvergessenheit
Die Kehrseite der Medaille: Das Nazi-Schwert wird langsam stumpf. Die Nazivergleiche verlieren ihre Wirkungsmacht. Immer mehr Menschen reagieren gleichgültig, wenn sie mit geschichtsvergessenen Kampfbegriffen überzogen werden. Denn sie bemerken: Wenn alles Nazi ist, ist nichts mehr Nazi. Und sie merken: Es ist anmaßend und bodenlos, wenn Menschen, die sie aus ihrem persönlichen Umfeld kennen – der Polizist, die Lokalpolitikerin oder der Gastronom – mit geschichtlich aufgeladenen Begriffen überzogen werden. Sie bemerken auch: Wenn jemand den politischen Umgang mit der derzeitigen Migrationsproblematik kritisiert, macht ihn das nicht automatisch zum nachträglichen NSDAP-Befürworter.
Auch für die AfD sollte man angemessenere Vergleiche bemühen. Wenn man über die AfD, über ihre Positionen und ihre Verortung im Parteiensystem diskutieren möchte, sollte man Vergleiche zu Polen (PiS oder Konfederacja), Ungarn (Fidesz und Jobbik) oder Italien (Fratelli d'Italia und Lega) ziehen. Dann kann man gerne kritisch betrachten und darüber debattieren, was gut ist und was schlecht. Ihre Wähler, Anhänger und Politiker allerdings mit Nationalsozialististen, Massenmördern und KZ-Betreibern zu vergleichen, ist mehr als unappetitlich und kontraproduktiv.
Und eigentlich gebietet der Wettkampf der Ideen, die „Demokratie“, um ein häufig beschworenes Wort der linksliberalen Szene zu zitieren, ein Mindestmaß an Fairness – egal, wie hart der Kampf oft geführt wird. In Kritikern der Coronapolitik, Zweiflern an der Migrationspolitik, Wokeness-Widersachern und Grünen-Gegnern Nazis zu sehen, ist nicht fair. Sondern unverschämt. Und unglaublich unreflektiert. Eine gutmenschliche Kollektivpsychose, die sich irgendwo zwischen Megolomanie, also krankhafter Selbstüberschätzung, und Geschichtsvergessenheit verorten lässt.
Und man darf einmal mehr festhalten: Die AfD ist nicht die NSDAP, 2023 ist nicht 1933, die BRD nicht Weimar und nicht jeder, der sich eine grundlegend andere Politik wünscht, ein Faschist. Es geht daraus kein Holocaust bevor und keine Reichspogromnacht. Die inflationäre Verwendung von Begrifflichkeiten, die auf historisch einzigartige Ereignisse zurückgreifen, wirkt nicht nur maximal dumm und geschichtsblind, sondern erschöpft sich langsam. Immer mehr Menschen merken, dass sie bei der leisesten kritischen Bemerkung zum ultimativ Bösem gemacht werden – und das keinem Realitätsüberprüfung standhält.
Mehr NiUS: AfD-Debatte: Beschimpfen ist keine Lösung
Mehr NIUS:
Erste islamische Fakultät Europas in Münster gegründet
Vor einer Woche wurde es fertig: Unbekannte beschmieren Ludwig-II.-Denkmal
Party-Patriotismus zur WM: „Deutschlandflaggen sind hier verboten“
Land Bayern plant Queer-Aufklärung mit Dschihad-Fans
Warum in Chemnitz so viel Crystal Meth im Abwasser ist
Der Heroin-Chic ist zurück: Warum der Diversity-Wahn nichts am Schönheitsideal geändert hat
Mannheim, Göttingen, Hannover und Magdeburg fördern Vereine mit Puppy-Veranstaltungen mit insgesamt einer Million Euro
„Macht das Maul auf!“: Dieter Bohlen über Meinungsfreiheit, Krieg und Xavier Naidoo
Mehr NIUS:
Land Bayern plant Queer-Aufklärung mit Dschihad-Fans
Warum in Chemnitz so viel Crystal Meth im Abwasser ist
Der Heroin-Chic ist zurück: Warum der Diversity-Wahn nichts am Schönheitsideal geändert hat
Mannheim, Göttingen, Hannover und Magdeburg fördern Vereine mit Puppy-Veranstaltungen mit insgesamt einer Million Euro
„Macht das Maul auf!“: Dieter Bohlen über Meinungsfreiheit, Krieg und Xavier Naidoo
Burgerladen wird angefeindet, weil er kein Halal-Fleisch verkauft
„Du schreibst zum Beispiel auch mehr Hassmails bei Hitze“: Moderator Eckart von Hirschhausen drückt der WM seine Klima-Agenda auf
Weil sie Araber und Türken als „größte Gefahr” für Juden bezeichnete: Kölner Theater sagt Auftritt von Autorin Mirna Funk ab
Jan A. Karon
Artikel teilen
Kommentare