„Wie der Römer scheine ich den Fluss Tiber vor Blut schäumen zu sehen“: Hat diese Rede die Gewalt in England schon 1968 vorhergesehen?
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Immer dann, wenn es in Großbritannien zu migrationskritischen Protesten oder ethnischen Spannungen kommt, taucht auf Plakaten ein Name auf, der in Deutschland kaum bekannt ist: Enoch Powell. Auch in den vergangenen Tagen reckten wütende Engländer zahlreiche Schilder in die Höhe, auf denen der Name des 1998 verstorbenen Konservativen zu sehen war. Dessen heftige Kritik an der Masseneinwanderung, die er vor Jahrzehnten geäußert hatte, sorgt noch heute für gespaltene Reaktionen.
Erst vor wenigen Tagen zeigte ein Demonstrant in Hull, einer Stadt im Osten Englands, ein großes Plakat, auf dem zu lesen war: „Enoch Powell – 1968 – Rivers of Blood.“ Ströme von Blut? 1968? Wer ist dieser Mann? Und was genau hat er mit den aktuellen Ereignissen zu tun?

Ein Demonstrant in Hull.
Enoch Powell wird 1912 als einziges Kind eines Lehrer-Ehepaars in einem Vorort von Birmingham geboren. Schon früh zeigt sich seine geistige Begabung, die ihm einen Aufstieg aus der Mittelschicht ermöglicht. Begeistert von Friedrich Nietzsche, offenbart sich vor allem sein Sprachtalent. Als er mit nur 25 Jahren an der Universität in Sydney (Australien) einen Lehrstuhl für Altgriechisch erhält, wird er zum jüngsten Professor im gesamten britischen Commonwealth. Neben der englischen und altgriechischen Sprache beherrscht er auch Walisisch, Deutsch, Französisch und Latein perfekt.
Seine Ansprache verbreitet sich rasant
Doch so kosmopolitisch seine Biografie anmutet, so verwurzelt zeigt sich der Brite im realen Leben. Seinen originalen „Brummie“-Akzent aus den Gassen Birminghams verliert er nicht. Powell ist zudem ein echter Patriot, der in der Appeasement-Politik Neville Chamberlains gegenüber den Nationalsozialisten einen Verrat an britischen Interessen wittert. Kaum verwunderlich also, dass er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet, wenngleich der Intellektuelle seine tiefe Bewunderung für die deutsche Kultur zeitlebens nicht ablegt. Nach 1945 beginnt seine politische Karriere: Er tritt in die Konservative Partei ein, wird Abgeordneter im Unterhaus und ist von 1960 bis 1963 sogar als Gesundheitsminister für die Tories tätig.

Enoch Powell und seine Frau in jüngeren Jahren.
Zu Fragen der Einwanderung hat Powell bis zu diesem Zeitpunkt kaum Stellung bezogen. Das ändert sich jedoch Mitte der 1960er Jahre. Die Idee, dass nun alle Menschen aus den Commonwealth-Staaten nach Großbritannien einwandern können, hält er für eine Katastrophe. Am 20. April 1968 tritt der Politiker auf einer Versammlung der „Conservative Association“ in Birmingham auf. Seinem Freund, dem Journalisten Clem Jones, raunt er vorab zu: „Ich werde am Wochenende eine Rede halten, die wie eine Rakete in die Luft gehen wird. Aber während alle Raketen auf die Erde fallen, wird diese oben bleiben.“
Und tatsächlich hält der damals 56-Jährige vor konservativen Politiker-Kollegen eine Ansprache, die sich rasant verbreitet und bis heute für heftige Reaktionen aus unterschiedlichsten politischen Richtungen sorgt. Mit drastischen Worten warnt der Tory-Politiker vor den Folgen der Masseneinwanderung nach Großbritannien – genau in jener Stadt, in dem es heute Bezirke gibt, in denen der weiße Bevölkerungsanteil bei unter zehn Prozent liegt.

Enoch Powell, hier im Gespräch mit einem Wähler, war vor allem bei den Arbeitern sehr beliebt.
Welche Folgen hat die Masseneinwanderung?
„Die oberste Pflicht der Staatsführung besteht darin, vermeidbare Übel zu bekämpfen“, beginnt Powell seine geschliffene Rede vor nur 85 Mitstreitern. Solche Übel seien naturgemäß jedoch erst dann nachweisbar, wenn sie eingetreten sind. „In jedem Stadium ihres Entstehens kann man zweifeln und darüber streiten, ob sie real oder eingebildet sind.“ Gemeint sind damit die abwägbaren Folgen der Einwanderung nach Großbritannien.
Powell prognostiziert schon damals eine „totale Transformation“ der Zusammensetzung der Gesellschaft, zu der es „in der tausendjährigen englischen Geschichte keine Parallele gibt“. Vor 56 Jahren rechnet Powell für die nächsten 15 oder 20 Jahre mit dreieinhalb Millionen Einwanderern aus den Gebieten des Commonwealth und deren Nachkommen. Im Laufe der Zeit – Powell prognostiziert das Jahr 1985 – werde der Anteil der Nachkommen von Einwanderern, die Zahl der Einwanderer selbst bereits übersteigen.
„Wir müssen verrückt sein, im wahrsten Sinne des Wortes verrückt, wenn wir als Nation den jährlichen Zustrom von etwa 50.000 abhängigen Personen zulassen, die zum größten Teil das Grundgerüst für das künftige Wachstum der von Einwanderern abstammenden Bevölkerung darstellen. Es ist, als würde man einer Nation zusehen, die eifrig dabei ist, ihren eigenen Scheiterhaufen anzuhäufen.“
Powell plädiert für Rückwanderung
Gleichzeitig macht Powell klar: Ein bloßer Stopp der Einwanderung reicht nicht aus, um die Entwicklung aufzuhalten. „Wenn die Einwanderung morgen aufhören würde, würde sich die Wachstumsrate der migrantischen Bevölkerung und ihrer Nachfahren erheblich verringern, aber die schiere Größe dieses Bevölkerungsteils würde den grundlegenden Charakter der nationalen Gefahr nicht beeinträchtigen.“ Daher sei es dringend erforderlich, ein zentrales Element der Politik der Konservativen Partei umzusetzen: „die Förderung der Rückwanderung“.
Powell plädiert dennoch dafür, niemanden zu diskriminieren. „Alle, die sich als Bürger in diesem Land aufhalten, sollten vor dem Gesetz gleich sein. Es wird es keine ‚Bürger erster Klasse‘ und ‚Bürger zweiter Klasse‘ geben“, verspricht der Tory-Politiker. Doch die Wünsche der autochthonen Bevölkerung müssten Priorität besitzen. „Während für die Einwanderer die Einreise in dieses Land den Zugang zu Privilegien und Möglichkeiten bedeutete, die sie eifrig anstrebten, waren die Auswirkungen auf die bestehende Bevölkerung ganz anders“, meint Powell. „Aus Gründen, die sie nicht nachvollziehen konnten, und aufgrund einer Entscheidung, zu der sie nie befragt wurden, wurden sie zu Fremden in ihrem eigenen Land.“

Der Intellektuelle Enoch Powell galt als Sprachgenie.
Berühmt werden vor allem seine abschließenden Sätze, in denen der Altphilologe den römischen Dichter Vergil und seine Warnungen vor einem Bürgerkrieg zitiert: „Wenn ich in die Zukunft blicke, erfüllt mich eine Vorahnung; wie der Römer scheine ich ‚den Fluss Tiber vor Blut schäumen zu sehen‘. Das tragische und hartnäckige Phänomen, das wir auf der anderen Seite des Atlantiks mit Schrecken beobachten, das aber dort mit der Geschichte und der Existenz der Vereinigten Staaten selbst verwoben ist, kommt hier auf uns zu, durch unseren eigenen Willen und unsere eigene Nachlässigkeit“, so Powell, der die USA schon sein Leben lang mit Abneigung betrachtet. „In der Tat, es ist fast schon da. Zahlenmäßig wird es lange vor dem Ende des Jahrhunderts amerikanische Ausmaße annehmen. Nur entschlossenes und dringendes Handeln kann es schon jetzt abwenden. Ob die Öffentlichkeit den Willen haben wird, dieses Handeln zu fordern und durchzusetzen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es ein großer Verrat wäre, es zu erkennen, aber nicht zu sprechen.“
Die eigene Partei wendet sich ab
Mit dieser Rede hat Powell den Rubikon überschritten. Das eigene Partei-Establishment der Tories wendet sich von ihm ab. Bis zu seinem Tode dreißig Jahre später wird er nie wieder ein höheres Amt bekleiden. Doch seine Beliebtheit beim einfachen Volk ist ungebrochen. Unmittelbar nach den ersten medialen Angriffen auf seine Person, finden sich am 23. April 1968 rund 65.000 Hafenarbeiter vor dem Parlament in London ein, um zu verhindern, dass die Tories ihn aus der Partei schmeißen. Ihre Botschaft: Powell hat recht! Handelt endlich!

65.000 Arbeiter ziehen aus Solidarität mit Enoch Powell durch den Osten Londons.
Fortan gilt er auf der Rechten als Prophet eines drohenden Untergangs, während man ihm auf der Linken vorwirft, ein verbitterter Rassist zu sein. In der Konservativen Partei, die über die Jahrzehnte ähnlich wie die deutsche CDU immer weiter nach links wanderte, traut sich heute kaum jemand, öffentlich für Powell einzustehen. Am Dienstag distanzierte sich auch Jacob Rees-Mogg (Konservative Partei), ehemaliger Präsident des britischen Unterhauses, nachdem aufgrund des Mordes an den drei jungen Mädchen in Southport die Debatte über Powells Warnungen wieder entflammt war: „Powells Rede macht eine rationale Diskussion über Einwanderung weiterhin schwierig. Es war eine schreckliche Rede, die zu weniger Kontrolle über unsere Grenzen führte.“
Tatsächlich werden nach Powells Rede die absehbaren sozialen Probleme der Masseneinwanderung immer weniger thematisiert. Die Angst, als Rassist zu gelten, wird im konservativen Spektrum über die Jahre größer. Einzelne Personen, wie etwa die britische Premierministerin Margaret Thatcher (Konservative Partei), betonen öffentlich, welchen Einfluss der gebürtige Birminghamer auf ihr politisches Denken hatte. Doch viele derartige Stimmen gibt es nicht.
Powell jedenfalls macht keinen Rückzieher. In zahlreichen Interviews steht er immer wieder Rede und Antwort. Im Mai 1971 kam es etwa in der „The Dick Cavett Show“ auf dem US-Sender ABC zu einer aus heutiger Sicht erstaunlich offenen Debatte über seine Thesen. „Wir haben es mit einem Teil der Bevölkerung zu tun, der sich grundlegend von den anderen unterscheidet, der sich selbst für anders hält und der als anders angesehen wird“, führte Enoch Powell aus. Auch die Nachfahren der Einwanderer würden in Zukunft größtenteils getrennt vom Rest der Bevölkerung leben. Ganz einfach deshalb, weil es keine kleine Minderheit mehr sei. Die große Zahl erlaube es den Migranten, sich nicht in die Mehrheitsgesellschaft integrieren zu müssen.
Im Interview kommt Powell auch auf seine Heimatstadt Birmingham zu sprechen. Hier gibt es heutzutage Stadtteile, in denen Weiße kaum noch zu sehen sind. Auf einer Wand im Vorort Alum Rock war vor wenigen Tagen zu lesen: „Keine Weißen nach 20 Uhr erlaubt.“ 1998 stirbt Powell im Alter von 85 Jahren an seiner Parkinson-Krankheit. Seine 1968 gehaltene Rede jedoch überlebt ihn bis heute.
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