Der Wolf soll leben: Ein Biss in 28 Jahren – und ihr wollt ihn töten?
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Ein Tier verirrt sich in eine Großstadt, handelt aus purer Panik, und die Debatte ist sofort klar: Der Wolf muss weg. Das ist nur leider weder durchdacht noch ehrlich.
Fangen wir mit dem an, was wirklich passiert ist. Ein junger Wolf, vermutlich auf der Suche nach einem eigenen Revier – so wie es die Natur seit Jahrtausenden vorsieht – gerät versehentlich in die Hamburger Innenstadt. Er läuft in eine Einkaufspassage, kommt nicht mehr heraus. Die gläsernen Automatiktüren halten ihn gefangen. Eine Frau sieht das und versucht, ihn zu befreien. In diesem Moment der totalen Überforderung beißt er sie und flieht, sodass die Polizei ihn später aus der Alster retten muss. Eine Frau, die einem gefangenen Wolf helfen wollte, wurde dabei verletzt. So lautet die Geschichte – und nicht: Raubtier jagt Mensch.
Auch bei NIUS: Der Wolf muss weg: Lasst grüne Wolfsromantik endlich scheitern!
Den Wolf zu lieben, reicht nicht – aber ihn abzuschießen, hilft auch niemandem
Und ja, ich sage das nicht als jemand, der den Wolf verklärt. Die Romantisierung des Wolfes nervt mich genauso. Wer aus sicherem Abstand schwärmt, während Schäfer morgens tote Tiere auf ihrer Weide finden, macht es sich zu leicht. Das sind Existenzen, reale wirtschaftliche Verluste und natürlich auch emotionale Belastungen. Ein Pferdebesitzer, der morgens sein Pferd gerissen auf der Weide findet, ein Schäfer, der zum dritten Mal in einem Monat ein gerissenes Tier findet: Sie alle verdienen keine Relativierung, sondern Antworten. Darüber muss man sprechen. Unbedingt.

Man darf das Leid der gerissenen Tiere und den Verlust der Schäfer nicht ausblenden.
Genau deshalb ist diese zu kurz geführte Debatte aus meiner Sicht so gefährlich: Weil damit so getan wird, als wäre der Abschuss die Antwort auf alles – auf Nutztierrisse, auf den Hamburger Vorfall, auf Jahrzehnte ungelöster Konflikte. Das ist er aber nicht. Hamburgs eigene Umweltbehörde sagt es und eine internationale Studie im Fachjournal Frontiers in Ecology and the Environment belegt es: Das Töten von Raubtieren führt in fast der Hälfte der untersuchten Fälle zu mehr Nutztierschäden als zuvor. Herdenschutz dagegen wirkt – in 80 Prozent der Fälle wurden danach deutlich weniger Nutztiere gerissen. Die Tierhalter wären am Ende schlechter dran, nicht besser.
Seit 28 Jahren der erste Bissvorfall auf einen Menschen
Es ist der erste bestätigte Angriff auf einen Menschen in Deutschland seit der Rückkehr des Wolfes 1998. Der erste in 28 Jahren. Wer daraus ableitet, dass der Wolf keinen Platz in Deutschland hat, der müsste konsequenterweise auch die 17 Millionen Hunde überdenken, die jedes Jahr Hunderttausende Menschen beißen. Aber das tut natürlich niemand (zum Glück), weil der Hund uns vertraut ist und der Wolf nicht.

Wölfe leben in festen Familienverbänden. Erfahrene Elterntiere bringen den Jungen bei, wo sie jagen dürfen und wo nicht. Schießt man die raus, übernehmen unerfahrene Jungtiere das Revier und die greifen Nutztiere an.
Dabei braucht der Wolf keine sibirische Einöde. In Spanien lebt er zwischen Agrarflächen, in Italien am Stadtrand von Rom. Er ist anpassungsfähig, wenn wir es sind. Und die Fakten zeigen: Er passt sich an. Die Wolfspopulation in Deutschland stagniert erstmals seit der Wiederansiedlung. Das Wachstum hat sich deutlich verlangsamt. Von einer unkontrollierten Ausbreitung kann keine Rede sein.
Ja, es gibt Nutztierrisse. 4.300 verletzte oder getötete Weidetiere im Jahr 2024 – das verdient ernsthafte Antworten. Aber die Antwort heißt Herdenschutz, nicht pauschaler Abschuss. Hamburgs eigene Umweltbehörde sagt es offiziell: Abschüsse zerstören Rudelstrukturen und führen dazu, dass zurückbleibende Jungtiere mehr Nutztiere reißen – nicht weniger.
Wir haben dieses Tier 150 Jahre lang systematisch ausgerottet. Er hat 28 Jahre gebraucht, um zurückzukommen. Und beim ersten Fehler wollen wir ihn wieder bestrafen. Das sagt mehr über uns aus als über den Wolf.
Dieser Wolf hat in 28 Jahren als erstes Tier überhaupt einen Menschen verletzt – weil er in Panik in einer Millionenstadt hinter Glasscheiben gefangen war und eine Frau versuchte, ihn zu befreien. Da kann man doch nicht ernsthaft sagen: Den schießen wir jetzt ab.
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