Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
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Der Hindenburgdamm zwischen dem Festland und der Insel Sylt wird umbenannt. Wieder wird ein Stück Geschichte getilgt, um das richtige Bewusstsein zu simulieren. Namen historischer Persönlichkeiten von Straßen oder Plätzen müssen verschwinden, um sich selbst moralisch überlegen zu fühlen. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch.
Ganz plötzlich kam die Umbenennung nicht. Schon 2019 berichtete der Spiegel über die Forderung des grünen Landtagsabgeordneten Andreas Tietze, Deutschlands wohl bekanntester Bahnstrecke einen neuen Namen zu geben, weil der Namensgeber eine „unrühmliche Person“ gewesen sei. Tietze schwebte bereits „Sylt-Damm“ vor. Jetzt dürften bei ihm die Korken knallen: Die Gemeinde Sylt hat für das Jubiläumsjahr 2027 (100. Jahrestag der Eröffnung durch Reichspräsident Hindenburg selbst) die Umbenennung des Hindenburgdamms beschlossen.
Der Volksmund nennt die Streckenkilometer 217 bis 226 durchs Wattenmeer Hindenburgdamm, auch in Katastrophenschutzplänen, Präsentationen der Deutschen Bahn und der Kommunikation der Tourismusbehörde der Insel. Jetzt ist damit Schluss, weil sich einmal mehr eine moralistische Haltung durchgesetzt hat, die historische Persönlichkeiten von Straßen oder Plätzen tilgen will.

Deutschlands bekannteste Bahnstrecke: der Damm zwischen Festland und Sylt.
„Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne“
Ein Fall von damnatio memoriae (lateinisch für „Verdammung des Andenkens“), die die antike römische Praxis bezeichnet, das Andenken an eine verhasste Persönlichkeit – wie einen tyrannischen Kaiser – nach deren Tod systematisch auszulöschen. Ziel war es, die Person so zu behandeln, als hätte sie nie existiert. Ihr Name wurde aus allen öffentlichen Inschriften, Dokumenten und Gebäuden gemeißelt oder überschrieben.
Was Hindenburg betrifft, war das schon öfter der Fall. Unter anderem in Hamburg, Münster, Hannover, Lüneburg, Darmstadt, Trier und Konstanz wurden Hindenburgstraßen umbenannt. Die ehemalige Hindenburg-Kaserne in Munster (Niedersachsen) heißt seit dem 10. September 2025 „Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne“.
Zur Begründung teilte die zuständige Panzerlehrbrigade 9 mit: „Ausschlaggebend hierfür waren Hindenburgs demokratiefeindliches Handeln, die bewusste Verbreitung falscher Tatsachen sowie seine zunehmend autoritäre Amtsführung als Reichspräsident und seine führende Rolle bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.“
Hindenburg war kein Nazi
Zweifellos war Paul von Hindenburg eine historische Persönlichkeit, die man mit Fug und Recht als umstritten bezeichnen kann und sogar kritisch sehen muss: Er unterstützte die Dolchstoßlegende (die Behauptung, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg militärisch unbesiegt gewesen und durch Verrat von Politikern, Sozialisten und Revolutionären – den „Novemberverbrechern“ – „von hinten erdolcht“ worden) und trug damit zur Delegitimierung der Demokratie bei. In den letzten Jahren der Weimarer Republik akzeptierte und förderte er die Entwicklung hin zu Präsidialkabinetten. Seine folgenschwerste Entscheidung: die – wenn auch widerwillige – Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.
Andererseits war Hindenburg kein Nazi und verabscheute Hitler, den er verächtlich als „böhmischen Gefreiten“ bezeichnete. Mehrmals lehnte er ihn als Kanzler ab, weil er ihm misstraute und die NSDAP als unberechenbar ansah.
1925 wurde der als Kriegsheld (Schlacht bei Tannenberg) gefeierte Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt, womit er bis heute das einzige deutsche Staatsoberhaupt ist, das direkt vom Volk gewählt wurde; das gilt für die gesamte deutsche Geschichte seit 1871. Und 1932 wurde er mit Unterstützung von Sozialdemokraten und Zentrum gegen Hitler wiedergewählt – paradoxerweise als „Bollwerk“ gegen den Nationalsozialismus.
Wer Hindenburg auf seine problematische Rolle bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten reduziert, macht es sich jedenfalls zu leicht. Zumal auch das, was Historiker Rückschaufehler nennen, eine Rolle spielt: 1933 war zwar Hitlers Programm bekannt, doch konnte man noch nichts von Holocaust und Weltkriegsverbrechen wissen. Hindenburg teilte manche Ziele wie Antikommunismus und Ablehnung des Parlamentarismus, doch verachtete er gleichzeitig viele Bestrebungen der NS-Bewegung. Auch in dieser Hinsicht war Hindenburg ambivalent.

Verkörperung des alten Preußens: Paul von Hindenburg.
Ein Fall von Tugendprotzerei
Ihn auf seine negativen Aspekte zu reduzieren, ist daher nicht redlich. Man muss anerkennen, dass viele Deutsche in Hindenburg einen Garanten von Stabilität und Kontinuität zum Kaiserreich sahen. Er wirkte würdevoll, monarchistisch gesinnt (ohne aktive Restauration zu betreiben), distanziert und überparteilich. Sein Amt übte er zunächst zurückhaltend aus, und er erwies sich als erstaunlich verfassungstreu. In den „goldenen Jahren“ der Republik diente er als repräsentative Figur.
Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, sein Porträt hing in vielen Haushalten. Sein massiges, steinernes Gesicht mit dem markanten Schnurrbart wurde auf Postkarten und Souvenirs verbreitet. Hindenburg galt als Verkörperung von Pflicht, Disziplin und preußischer Tugend, und selbst Menschen, die der Monarchie kritisch gegenüberstanden, respektierten ihn häufig, weil er in unruhigen Zeiten für Stabilität stand. Konservative sahen in ihm einen Garanten gegen den Sozialismus. Für Millionen Deutsche war Hindenburg nicht primär Politiker, sondern eine Vaterfigur, was auch seinen Spitznamen „Ersatzkaiser“ erklärt.
Klar ist: Weder war Paul von Hindenburg makelloser Nationalheld, noch der alleinige Totengräber der Weimarer Republik. Der Verdacht drängt sich auf, dass wir es auch beim „Antifaschistischen Schutzdamm“ (Michael Klonovsky) mit einem Fall von Tugendprotzerei zu tun haben, die signalisieren soll: Wir sind die Guten, wir haben aus der Geschichte gelernt, wir gehen richtig mit unserer Vergangenheit um. Die zeitgenössische Bedeutung einer Person ist uns wurscht.
Die „Gnade der späten Geburt“ macht es möglich
Der Trend hält schon länger an. Man erinnert sich an die Historiker-Kommission in München, die 2019 die Namen von 6177 Straßen prüfte. Das Expertengremium des Stadtarchivs München stufte rund 320 als „problematisch“ ein – mit Empfehlungen zur Umbenennung oder Diskussion. Darunter Kolumbusplatz, Theodor-Heuss-Platz, Schliemannweg, Robert-Koch-Straße, Schopenhauerstraße. Sogar die Erich-Kästner-Straße: Kästner, der mehrmals von der Gestapo vernommen und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, dessen Bücher von den Nationalsozialisten verboten und verbrannt wurden, galt plötzlich als „problematisch“, weil er – so die Begründung – nicht wie andere verfemte Schriftsteller ins Exil ging, sondern im Land blieb und weiter Bücher schrieb.
So viel moralische Überheblichkeit muss man erst einmal aufbringen. Menschen, denen die „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) ersparte, mit den Umständen einer Diktatur zurechtzukommen, maßen sich aus ihrer bequemen Position heraus an, über Menschen aus der Vergangenheit zu urteilen. Und irgendein Aspekt, den man aus heutiger Sicht als negativ betrachtet, findet sich wohl bei jedem Individuum.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür liefert derzeit die deutsche Presse. Nachdem das US-Nationalarchiv die vollständige Mitgliederkartei der NSDAP digitalisiert und öffentlich online zugänglich gemacht hatte, stellten Spiegel und Zeit für ihre Abonnenten Onlinetools bereit, mit denen sich die Archivdaten einfacher durchsuchen lassen.
„Persilschein“ in umgekehrter Richtung
Nun ist prinzipiell nichts dagegen zu sagen, Ahnenforschung – wenn auch auf recht einseitige Art – zu betreiben, aber bezeichnend ist, wie etwa der Spiegel dafür warb: mit Überschriften wie „Mit ein paar Klicks sind Opa oder Oma entlarvt“ oder „Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat“. Es geht also nicht um historische Aufklärung, sondern um moralistische Überhöhung. Der Eifer, den man beim Spiegel an den Tag legt, ist schon bemerkenswert. Weil manche offenbar in der Nazi-Kartei keinen einzigen Vorfahren gefunden haben, legte das Magazin eben noch einmal nach: „Wer in der NSDAP-Mitgliederkartei bisher nicht fündig wurde, muss nicht aufgeben. Hier eine Anleitung, wie Sie Ihre Familiengeschichte im Nationalsozialismus weiter recherchieren können.“

„Opa als Nazi entlarven“: eine Mixtur aus Grusel und moralischer Überlegenheit.
Problematisch ist schon, dass komplexe Biografien auf eine Karteikarte reduziert werden. In Wirklichkeit sagt eine NSDAP-Mitgliedschaft wenig über das tatsächliche Handeln aus: Viele Deutsche traten aus Opportunismus bei, manche waren Mitläufer, wenige fanatische Täter. Ihre Nachfahren sollen sich nun entweder ein wenig gruseln oder eine zeitgemäße Variante des „Persilscheins“ in umgekehrter Richtung erwerben können. Früher wollte man weißwaschen, heute sucht man gezielt den Fleck, um sich selbst reinzuwaschen.
In einer sicheren Demokratie, einige Jahrzehnte später, ist es leicht, die Vorfahren zu verurteilen und die Komplexität menschlicher Entscheidungen unter Extrembedingungen zu ignorieren. Man demonstriert die eigene Überlegenheit, ohne sich den echten Herausforderungen der damaligen Zeit stellen zu müssen: Wirtschaftskrise, politische Gewalt, Konformitätsdruck. Und sie ist so praktisch: Die Fixierung auf „Opa war ein Nazi“ lenkt von der Frage ab, wie man selbst in autoritären Situationen handeln würde.
Mal wieder ist Hitler im Nachhinein besiegt worden
Einen Eindruck davon hat man jedoch in den Corona-Jahren bekommen. Eilfertig setzten Millionen Menschen eine Maske auf, feierten Weihnachten ohne ihre Großeltern und grenzten Menschen aus, die sich keinen unausgereiften Impfstoff spritzen lassen wollten. Die strikte Befolgung selbst erkennbar sinnloser Vorschriften lässt erahnen, wie sich die Menschen unter noch größerem staatlichem Druck verhalten hätten: nämlich genau so wie ihre Vorfahren.
Die Causa Hindenburgdamm wirkt auch deshalb so bezeichnend für das Deutschland unserer Tage, weil sie den verheerenden destruktiven Zug zeigt, zu canceln und zu tilgen, statt selbst etwas zu schaffen. Große Infrastrukturprojekte verzögern sich um Jahre oder kommen wegen bürokratischer Exzesse oder einer seltenen Krötenart zum Erliegen. Vor hundert Jahren hat man den 11,2 Kilometer langen Damm binnen vier Jahren fertiggestellt, in unseren Tagen vergehen mindestens sieben Jahre zwischen dem Einsturz der Carolabrücke in Dresden und der (geplanten!) Eröffnung des Neubaus.
Einmal mehr fühlt man sich auch an George Orwells dystopischen Roman „1984“ erinnert. Dort lautete der Slogan der herrschenden Partei: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Die Vergangenheit wird jeweils umgeschrieben, bis sie ins Narrativ der Herrschenden passt. Aus der Sicht von Politikern auf dem moralischen Hochsitz ist Hindenburg kein gewählter Reichspräsident und Repräsentant einer ganzen Nation, sondern nur noch Steigbügelhalter Hitlers, also muss er weg. Auch wenn der Name Hindenburgdamm noch keinem Sylt-Reisenden Bauchschmerzen bereitet haben dürfte, wenn er auf dem klapprigen und quietschenden Autozug gen Eiland rattert.
Aber irgendwie ist Hitler jetzt mal wieder im Nachhinein besiegt worden, und das macht einigen Selbstgerechten ein gutes Gefühl. Das sind dann wohl auch solche Zeitgenossen, die mit ein paar Klicks „Opa oder Oma entlarven“ wollen. So billig war das Gefühl der moralischen Überlegenheit selten zu haben.
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