„Generation Wehrdienst“: Bundeswehr will mit neuer Doku-Serie junge Leute anlocken und gibt 10 Millionen Euro dafür aus
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Die Bundeswehr muss Zehntausende neue Soldaten gewinnen. Eine realistische Web-Serie über junge Rekruten soll potenzielle Bewerber ansprechen. Dafür wird auch erheblicher finanzieller Aufwand betrieben.
Der Neue Wehrdienst ist (noch) freiwillig. Zwischen sechs Monaten (Mindestdauer und Probezeit, während der man auch kündigen kann) und elf Monaten ist alles drin. Nach „Die Rekruten“ (2016) und „Die Rekrutinnen“ (2019) gibt es jetzt eine neue Doku-Serie, die den Alltag der „Frischlinge“ zeigt: „Generation Wehrdienst – Mit dir sind wir viele“ arbeitet, so die Macher, „ohne Drehbuch und mit allen Höhen und Tiefen“.
Weil man zu wissen glaubt, wie man junge Menschen heute anspricht, wird beteuert: „Die Produktion entspricht technisch dem hohen Qualitätsstandard von Doku-Formaten bekannter Streamingdienste, wie beispielsweise Netflix.“ Davon kann nach Durchsicht dreier Folgen (zwischen Anfang Juli und November 2026 werden drei Staffeln online gehen) nicht wirklich die Rede sein.
Im Pool der Gen Z fischen
Die einzelnen Folgen laufen bei YouTube und Joyn, Inhalte werden auch auf TikTok, Instagram, Snapchat und Reddit zu sehen sein, ergänzt durch den Titelsong „Du bist nicht allein“, der auf allen gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, Deezer oder Shazam verfügbar ist.

„Mit dir sind wir viele“: Werbekampagne der Bundeswehr.
Die nachwuchswerbliche Zielgruppe der 17- bis 35-Jährigen wird überall dort angesprochen, wo sie unterwegs ist: im öffentlichen Nahverkehr, in Shoppingcentern, auf Karrieremessen und in den Sozialen Medien. Der YouTube-Kanal „Bundeswehr Exclusive“ soll mittlerweile rund 533.000 Abonnenten haben.
Auf Anfrage von NIUS sind laut einer Sprecherin des Verteidigungsministeriums für die Maßnahme insgesamt bis zu 10 Millionen Euro im Haushaltsjahr 2026 eingeplant, wobei offen ist, wie viel die Produktion der Serie kostete und wie viel für das groß angelegte Marketing ausgegeben wird. Wie auch bei den früheren, oben erwähnten Formaten ruft das hohe Budget Kritiker auf den Plan: Während bei der regulären Truppe teils strukturelle Ausrüstungsmängel bestünden, gebe man zu viel Geld für Werbung aus.
Realistische Darstellung des Kasernenalltags
Aber wenn man genügend junge Menschen finden will, die sich für 2.600 Euro im Monat anraunzen lassen, muss man etwas für die Imagepflege tun. Das Verteidigungsministerium hat sich entschlossen, mittels hochauflösender Bilder, schneller Schnitte und Porträtaufnahmen, begleitet von bedeutungsschwangerer Musik, den harten Alltag bei der Bundeswehr realistisch darzustellen.
So wird nicht verhohlen, dass die Ausbilder wie immer schon einen rauen Ton pflegen, Kleinigkeiten bemängeln und die Rekruten „kochen“. Die Gen Z, von Helikoptereltern erzogen, ist das Anschnauzen nicht gewohnt, das frühe Aufstehen, die Pflichten, die überall warten. Demgegenüber steht aber immer die Kameradschaft, die bei jeder Gelegenheit beschworen wird, die Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft, um Aufgaben zu lösen.

Immer wieder wird die Kameradschaft beschworen.
Das schlägt sich ja schon in dem „Mit dir sind wir viele“ nieder, mit dem man den jungen Männern und Frauen den Individualismus austreiben will, und das von der Politik beschworene „Wir“ pusht. Immer wieder erzählen die eingeblendeten Rekruten, wie sehr sie die Kameradschaft schätzen und wie diese all die Zumutungen im Kasernenalltag aufwiegt.
„Das heißt nicht ‚Alles klar‘, das heißt ab sofort ‚Jawohl!‘“
Wenn vom Unteroffizier vom Dienst (UvD), der die „Stube“ inspiziert, mal wieder die Falte im „gebauten“ Bett gerüffelt wird, der Gemaßregelte daraufhin „Alles klar“ sagt und sich gleich ein „Das heißt nicht ‚Alles klar‘, das heißt ab sofort ‚Jawohl!‘“ einfängt. Wenn man beim Zähneputzen und Rasieren beaufsichtigt wird und ein stehengebliebenes Barthaar gleich den nächsten Anschiss mit sich bringt. Wenn die mäßig sportlichen neuen Soldaten in die Knie gehen, weil schon beim Frühsport mächtig Dampf gemacht wird.

Ungewohnt anstrengend: Frühsport in der Kaserne.
Dass die Disziplin über allem steht, darüber machen sich junge Leute, die diese Serie sehen, sicher keine Illusionen. Hier wird nichts weichgezeichnet, und dem Abverlangten steht nicht mehr gegenüber als das Gefühl, etwas für die Sicherheit des Landes zu tun – und eben das Miteinander. Im Unterricht stellt ein Hauptmann („Sie haben sich für einen verdammt geilen Job entschieden“) klar, dass die Kaserne nicht der richtige Platz für alte Gewohnheiten ist. Man solle Zeit miteinander verbringen, statt „nur aufs Handy zu schauen und sich irgendwelche Reels reinzuziehen“.
Wichtig sind hier noch die guten alten „Sekundärtugenden“, denen das Land irgendwann verlustig gegangen ist: Ordnung, Pünktlichkeit, Nüchternheit. Melatonin zum Einschlafen ist erlaubt, Alkohol nicht. Und „Hotel Mama“ ist ohnehin nicht angesagt, wenn man sich die Stube mit mehreren Kameraden teilen und in jugendherbergsähnlichen Etagenbetten nächtigen muss, aus denen man zu früher Stunde geworfen wird.
Immer mehr Kriegsdienstverweigerer
Die Frage ist, ob sich junge Menschen so für die Bundeswehr faszinieren lassen. Laut Generationenforscher Rüdiger Maas gaben in einer Studie 81 Prozent der deutschen jungen Männer und Frauen an, sie seien nicht bereit, für ihr Land zu sterben. 69 Prozent sagten, sie würden ihr Land nicht mit der Waffe verteidigen wollen. Die junge Generation sei überbehütet aufgewachsen: „Wir haben doch diese ganze Generation in Watte gepackt, haben sie verwöhnt. Nichts darf zu schwer, zu hart, zu kompliziert sein. Schauen Sie sich nur mal die Schulen an. Die Zahl der Eins-Komma-irgendwas-Abiturienten ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert.“
Da fällt die Vorstellung, diese jungen Männer und Frauen seien ganz versessen darauf, mal so richtig gefordert zu werden, durchaus schwer. Viele nehmen an Demonstrationen gegen eine befürchtete Wehrpflicht teil, um die man am Ende wohl nicht herumkommen wird, wenn die Bundeswehr auch wegen gegebener Nato-Zusagen bis 2035 auf 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten anwachsen soll.
Zwar steigt gerade die Zahl jener, die ihre Kriegsdienstverweigerung widerrufen und sich nun für einen Dienst bei der Bundeswehr bereit erklären, allerdings nur im dreistelligen Bereich: 2025 waren es 781 Personen. Deutlich stärker aber steigt die Zahl jener, die vorsorglich eine Kriegsdienstverweigerung erklären. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtete, im vergangenen Jahr seien 2830 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung rechtskräftig anerkannt worden, im laufenden Jahr waren es einer Sprecherin zufolge bis Ende Mai bereits 2667.
Wohliges Gruseln
Daran dürfte auch die Nachwuchskampagne der Bundeswehr nichts ändern, wenn in Berliner Straßenbahnen, auf Werbetafeln und Litfaßsäulen „Generation Wehrdienst“ beworben wird. Als Identifikationsfiguren sind Leon, Tim, Ahmed, David und andere zwar nicht schlecht gewählt, weil sie so reden, wie die Gen Z eben redet („Manchmal denke ich, ich muss mir die Scheiße hier nicht geben“), aber deswegen rennen die jungen Leute den Karrierecentern der Bundeswehr kaum die Bude ein.

Ahmed: „Alle wollen Frieden, aber nichts dafür tun.“
Auf Freiwilligkeit wird man deshalb wohl nicht auf Dauer setzen. Seit Jahresbeginn müssen männliche 18-Jährige einen verpflichtenden Fragebogen ausfüllen – für Frauen ist der Bogen freiwillig. Und ab Juli 2027 startet zudem die verpflichtende Musterung für Männer. Mit dem verpflichtenden Online-Fragebogen für den Neuen Wehrdienst sollen das Interesse und die grundsätzliche Eignung erfasst werden. Neben den persönlichen Angaben sollen die Angeschriebenen unter anderem angeben, wie groß ihr Interesse am Wehrdienst ist und welche Vorstellungen sie von der Dienstdauer haben. Außerdem interessiert sich die Bundeswehr für Qualifikationen wie Führerschein und für bevorzugte Tätigkeitsbereiche oder Verwendungen. Im Mai meldete das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) allerdings, dass trotz Bußgeldandrohung 28 Prozent der angeschriebenen 18-jährigen Männer den Fragebogen nicht ausgefüllt hatten.
In unsicheren Zeiten mögen für manchen die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten und der Verdienst eine Rolle spielen, doch haben auch viele Angst, in einen Krieg ziehen zu müssen, von dem Politiker seit Russlands Überfall auf die Ukraine immer wieder reden. In den Kasernen haben die Soldaten eher Angst vor den herrisch auftretenden Ausbildern, wie sie in der Serie „Generation Wehrdienst“ vor der Kamera freimütig erzählen.
So mag sich mancher 18-Jährige wohlig gruseln, wenn er sieht, was hinter den Toren der Südpfalz-Kaserne in Germersheim alles so passiert, aber er wird nicht wirklich selbst dabei sein wollen. Lieber wird er den Leitfaden lesen, den die Linksfraktion im Bundestag erstellt hat, um jungen Leuten beim Verweigern zu helfen.
Mehr zum Thema: Militärstrategie: Pistorius liefert ein durchdachtes Konzept mit offenen Flanken
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