Militärstrategie: Pistorius liefert ein durchdachtes Konzept mit offenen Flanken
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Es ist, nüchtern betrachtet, bereits ein Fortschritt eigener Art, dass Deutschland sich überhaupt dazu entschließt, so etwas wie eine militärische Strategie auf höchster Ebene zu formulieren. Ein Blick auf die Weltkarte genügt, um zu erkennen, wie schief die Maßstäbe hierzulande lange lagen: Mit einer Militarisierung hat dieses Dokument ungefähr so viel zu tun wie ein Ernährungsplan mit einer Hungersnot. Und doch – dass ein Staat dieser Größe seine sicherheitspolitischen Grundannahmen verschriftlicht, müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Boris Pistorius und General Carsten Breuer tun also zunächst nichts weiter, als das, was ihr Amt verlangt. Der Unterschied liegt darin, dass sie es überhaupt tun – und damit eine Lücke schließen, die ihre Vorgängerinnen und Vorgänger offengelassen haben. Dass diese erste bundesrepublikanische Militärstrategie nun in einem medialen Klima erscheint, das zwischen Alarmismus und Euphorie oszilliert, während es zugleich oft an fachlicher Tiefe mangelt, ist kein Zufall, sondern Teil des Problems, das sie adressieren will.

Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr
Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick. Nicht auf die üblichen Zahlenwerke und Schlagwortlisten, sondern auf die Architektur des Dokuments selbst. Denn das, was im Bendlerblock vorgestellt wurde, ist weniger ein einzelnes Papier als vielmehr ein doppeltes Versprechen: Strategie und Fähigkeitsprofil, politischer Wille und militärisches Instrument, gedacht als zwei Seiten derselben Medaille.
Gesamtkonzeption zur militärischen Verteidigung: zwei in eins
Obschon die Schlagzeilen voll mit Meldungen über die brandneue Militärstrategie sind, besteht das vorgestellte Dokument tatsächlich aus zwei Teilen. Der eine ist die vorgenannte Strategie, das andere aber das nicht minder wichtige „Fähigkeitsprofil der Bundeswehr“. Kurz gesagt beabsichtigt das Dokument, beides gleichermaßen vorzustellen. Die Militärstrategie ist der Weg, wie die politische Führung des Ministeriums die verteidigungspolitischen Ziele Deutschlands erreichen will. Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr folgt aus diesem „Wie?“, es beschreibt die militärischen Instrumente, die die Bundeswehr zur Zielerreichung einsetzen will.
Diese Dualität aus politischer und militärischer Führung wurde auf der Pressekonferenz, aber auch in der vorgestellten Broschüre selbst ganz bewusst inszeniert, indem Minister und General beinahe gleichberechtigt auftreten. Damit wird auch eine Arbeitsteilung sichtbar, die sich in der Bundeswehr bereits seit dem Dresdner Erlass abzeichnet: Der in seiner Stellung zunehmend gestärkte Generalinspekteur zeichnet für die Umsetzung in den Streitkräften militärisch verantwortlich, der Minister wirkt eher in Kabinett und Parlament hinein. Was auch immer man von den beiden Herren halten mag, ist ein solches Tandem – insbesondere da, wo es auf der persönlichen Ebene gut funktioniert – systemimmanent eine clevere Idee. Schon diese Entwicklung muss in der Analyse sachliche Würdigung erfahren, wenn man die Veränderungsprozesse in der deutschen militärischen Zeitgeschichte begreifen will.
Nicht nur Zahlen und Daten, sondern eine neue Doktrin
Weiter nun aber im Text. Das Konzept selbst geht einige der doktrinären Trends der Zwanziger Jahre sehr beherzt mit. Ablesen lässt sich das keineswegs ausschließlich, aber bereits an der Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten aus der immer globaleren militärischen Denkschule. Dazu gehören Schlagworte wie der häufig im Dokument auftauchende „One-Theater-Approach“ oder das „Single Set of Forces“, deren konkrete Bedeutung im Folgenden erläutert werden soll. Für den geneigten Leser ist es zunächst jedoch interessant zu wissen, dass die militärische Doktrin vieler Nationen auch in relativen Friedenszeiten stets weiterentwickelt oder von Bildungseinrichtungen und Thinktanks untersucht und klassifiziert wird. Die dabei entstehenden Konzepte, oft englische Begrifflichkeiten, können in Fachkreisen dabei regelrecht en vogue geraten. Nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, ob die Übernahme einer Teil-Doktrin dabei modern oder bloß modisch ist, wobei der US-amerikanische Einfluss auf die Weltwirtschaft einerseits, die NATO als Organisation und die Entwicklung neuer Waffensysteme andererseits die Annahme jener „Moden“ stark begünstigen.

Bundeswehrsoldaten bei einer Übung an der NATO-Ostflanke
Der „One Theater Approach“, das englische theater lässt sich am ehesten mit dem deutschen Wort Schauplatz übersetzen, hat bereits im vergangenen Jahr Schule gemacht. Entgegen der traditionellen Annahme, dass jeder mögliche militärische Schauplatz auf der Welt strategisch getrennt betrachtet wird, geht diese Doktrin von einem einzigen, großen und vernetzten, mitunter globalen Schauplatz aus. Mediale Wirkung erzeugte im Sommer 2025 der Vorstoß Japans, gemeinsam mit den USA die verschiedenen Teile des asiatischen Pazifiks strategisch als einen einzigen geopolitischen Schauplatz zu betrachten, indem militärische Operationen und strategische Abschreckung „aus einem Guss“ erfolgen sollen. Mit einer solchen Zusammenfassung stellen sich Staaten schwere Aufgaben. Immerhin lassen sich beispielsweise der auch innerchinesische Taiwan-Konflikt, die Reibereien Pekings mit den Philippinen um Meeresressourcen, die angespannte Lage zwischen Japan und China, die Teilung Koreas, der historische Stand-Off zwischen den USA und China und einige kleinere Konfliktfelder allesamt zwar auf einen gemeinsamen Nenner bringen, sind aber in ihren politischen und operativen Anforderungen sehr unterschiedlich. Bisher hat man sie bewusst isoliert betrachtet, auch, um ihre Sprengkraft zu begrenzen. Sie zu einem Theater zusammenzufassen, erzeugt Synergien in der strategischen Abschreckung und kann Ressourcen, beispielsweise in der militärischen Infrastruktur, sparen. Doch sie ergibt nur dann einen Sinn, wenn man wirklich davon ausgeht, überall auch gleichzeitig kämpfen zu müssen. Aus japanischer und US-Perspektive ist das, im Falle des Indopazifiks, auch eine rationale Annahme.
Verwunderlich ist jedoch ein wenig, warum das Bundesverteidigungsministerium sich den „One Theater Approach“ so dezidiert zu eigen macht, die Doktrin nicht nur übernehmen will, sondern sie gleich eingangs zu nicht weniger als der Grundlage der deutschen Gesamtkonzeption erklärt. Immerhin bestimmt das Papier dezidiert Russland, die NATO-Ostflanke und die Verteidigung des Bündnisgebiets als primäre Aufgabe, die de facto einen Großteil der Fähigkeiten binden muss. In internationalen Einsätzen rund um den Globus ist die Bundeswehr auf absehbare Zeit so begrenzt aktiv, und die dortigen Konflikte sind operativ eher weniger mit Russland verbunden, sodass diese Festlegung eher verwirrt. Vielleicht ist aber auch gemeint, dass das Ministerium die tradierte räumliche Trennung zwischen dem deutschen Staatsgebiet und den östlichen EU-Staaten als strategisch überholt betrachtet. Auf der Grundlage einer hypothetischen Auseinandersetzung mit Russland ist das eine logische Annahme.
Überzeugender wirkt dagegen das Konzept des „Single Set of Forces“. Hinter der sperrigen Terminologie verbirgt sich eine schlichte, beinahe triviale Erkenntnis: Die Bundeswehr existiert nur einmal. Ihre Mittel sind endlich, ihre Kräfte nicht beliebig teilbar. Folgerichtig schließt das Ministerium daraus, dass es mit Mann und Maus besser haushalten und eine Priorisierung durchsetzen muss. Diese hält das Dokument dann auch angenehm konkret bereit: Zukünftig sollen die Soldaten ausbilden, üben und kämpfen. Aus nicht klassisch militärischen Aufgabenfeldern werden sie, wo möglich, abgezogen und dort von zivilem Personal aus der Wehrverwaltung ersetzt. Was für den Bürger wie eine Selbstverständlichkeit wirken muss, ist in der Realität ein echter Durchbruch: Kaum jemand außerhalb der Bundeswehr vermag sich vorzustellen, für wie viele Soldaten und Offiziere der Schreibtisch das Hauptwaffensystem ist. Zehntausende sind in administrativen Tätigkeiten gebunden. Will der Minister seinen personellen Aufwuchs in den Kampftruppen auch nur ansatzweise erreichen – die angestrebte Viertelmillion soll schließlich nicht im Personalwesen dienen –, ist ein Entsatz von Kräften im täglichen Papierkrieg ein vernünftiger Schritt, der dutzenden Militärexperten im deutschsprachigen Raum endlich eine lange gehegte Sorge nimmt. Ob die Umsetzung gelingt, oder ob sie beispielsweise an der Trägheit und trotzigen Lebensplanung der explodierten Zahl von Stabssoldaten scheitert, muss sich zeigen.

Die Bundeswehr bemüht sich um neue Rekruten.
Positiv hervorzuheben ist auch in diesem Zusammenhang eine weitere Maßnahme, die sich das Ministerium ins Stammbuch geschrieben hat. Denn immerhin verpflichtet sich die politische Führung selbst schwarz auf weiß dazu, den Umsetzungserfolg des Gesamtpaketes, spätestens alle fünf Jahre, auch zu bewerten. Damit hält eine evidenzbasierte Wirkungskontrolle an prominenter Stelle Einzug in einen wichtigen Kernbereich hoheitlichen Handelns, der auch Gegenstand parlamentarischer und medialer Kontrolle sein wird. Das BMVg strahlt damit auch erfrischend staatsmodernisierend in andere Kabinettsressorts, wie das Justiz- oder Bildungsportefeuille, aus.
Dass die militärstrategischen Prioritäten nicht nur aufgelistet werden, sondern durch eine Art Rangliste klar hierarchisch sortiert werden, stellt für jeden in den letzten Jahren müde gewordenen Analysten eine kleine Wohltat dar. Man mag die Priorisierung im Inhalt nicht teilen – die „hybriden Angriffe“ hätte der Autor schon allein wegen der prinzipiellen Zuständigkeit des Innenministeriums und der Dienste nicht auf Rang Zwo platziert –, doch dass man sich gerade in diesem Haus zu einer derartigen Festlegung hat hinreißen lassen, ist gute demokratische Praxis.
Zur Konzeption der Militärstrategie, also zu ihrer grundsätzlichen Architektur, ist abschließend äußerst lobend hervorzuheben, dass die Bundeswehr auch ihr sogenanntes „Kriegsbild“ zur Niederschrift abgibt. „Krieg“ ist ein gewaltiges Wort, es kann vieles und mitunter verschiedenes bedeuten. Es ist daher nicht nur für die Lektüre des vorliegenden Dokuments, sondern auch für die demokratische Kontrolle und den öffentlichen Diskurs von schwerwiegender Bedeutung, dass möglichst alle wissen, was gemeint ist, wenn die Bundeswehr von Krieg spricht. Sicher hatten die Autoren des Papiers dabei auch im Hinterkopf, nach der Debatte über die kernigen Aussagen der Minister Pistorius („kriegstüchtig“) und Freiherr von und zu Guttenberg („kriegsähnliche Zustände“) einmal semantisch durchzuputzen. Die Bundeswehr pflegt fortan auch offiziell einen Kriegsbegriff, der Hybridität, Automatisierung und seine grundsätzliche Entgrenzung vom eigentlichen Schlachtfeld einschließt. Diese Darlegung muss man inhaltlich nicht teilen – der Autor dieser Zeilen empfiehlt es –, doch es schafft Klarheit. Dringend notwendig ist es auch, dass die Streitkräfte das Kriegsbild nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern für sich selbst und ihren täglichen Dienst definieren. Immerhin ist es ihr Handwerk.
Wer auch immer das vorgestellte Dokument im Bonner Ministerium entworfen hat, insofern es die grundsätzliche Struktur des Papiers, seine Konzentration auf die innere Struktur, betrifft, darf sich von den Kameraden zu Recht auf die Schulter klopfen lassen. Die hauptsächlichen Pfeiler seiner Kapitel sind im Grunde die vormalig toten Winkel der verteidigungspolitischen Debatte, und dieser Umstand allein verdient Anerkennung.
Bedrohungsumfeld und Selbstbild: Wie tragfähig ist die Weltanschauung des Papiers?
Zum Inhalt der Gesamtkonzeption ist sodann allerhand Kritisches, jedoch kaum Vernichtendes anzumerken. Auffällig ist das zunächst dort, wo etwas fehlt. So ist zwar im Fähigkeitsprofil von Vollausstattung und Beschaffung in Ansätzen die Rede, das Papier enthält jedoch keinen großen Wurf im Bereich der Rüstung, insbesondere dort, wo es um Industriepolitik geht. Eine strategische Unabhängigkeit von den USA, gerade in Rüstungsfragen, kommt, wenn überhaupt, zwischen den Zeilen vor. Obwohl erstaunlich oft Worte wie „Deutschland“ oder „national“ ihre lange harrende Erwähnung finden, bleiben – vermutlich aus diplomatischen Gründen – die Schattenseiten des EU-Bürokratismus und der französischen Ambitionen unerwähnt, obwohl sie dem Fortkommen der deutschen Sicherheitsinteressen nicht selten im Wege stehen. Die wichtige aktuelle Debatte um nukleare Abschreckung in Bezug auf die USA oder Frankreich wird auch als langfristige Überlegung ausgeblendet, es wird schmallippig auf den Status quo mit den Amerikanern verwiesen („nukleare Teilhabe wird fortgesetzt”). Statt eines Paradigmenwechsels setzt man eher darauf, dass die Nachrüstung die Amerikaner bei der Stange halten wird.
Die Fokussierung auf Russland ist im Gesamtwerk derart prominent, dass man es mindestens bis zu seinem Mittelteil studieren muss, um sich des Eindrucks zu erwehren, hierbei handle es sich zuvörderst um ein spezifisch auf die Ostverteidigung ausgerichtetes Strategiepapier. Zieht man allerdings in Betracht, dass andere strategische Herausforderungen der Bundesrepublik eher ökonomischer Natur sind (China, USA), politischer Natur (Frankreich, EU) oder, insofern sie die Sicherheit betreffen, eher in den Bereich der Innenpolitik fallen, ist dieser Fokus auf Russland recht einleuchtend. Im besten Sinne enthalten die Kapitel zur Bedrohungslage eine Portion „Russlandverstehertum“, nämlich insofern, als dass sie die Moskauer Sichtweise – ohne sie zu legitimieren – als strategische Tatsache anerkennen. Die in einigen Sätzen vollzogene Analyse der russischen Sichtweise auf Europa wirkt so professioneller, nüchterner und schließlich belastbarer, als wir sie aus anderen Texten dieser Art kennen.
Heer und Luftwaffe dürfen sich in dem Dokument über rhetorische Streicheleinheiten freuen. Die Marine kommt insgesamt, insbesondere mit Blick auf den Außenhandel, genau wie der Weltraum ein wenig zu kurz. Beide haben aber für den Wohlstand in Deutschland langfristig eine hochrangige Bedeutung, die sich bereits innerhalb des Evaluationszeitraumes niederschlagen werden.

Ein deutscher Eurofighter fliegt neben einem russischen Aufklärungsflugzeug.
Soldaten kämpfen nicht für eine Strategie
Bemerkenswert ist schlussendlich, dass das Dokument ohne jeglichen Verweis auf die Innere Führung auskommt, das bundesrepublikanische Schlagwort der Bonner Republik schlechthin. Für die Militärstrategie ist dieser Aspekt nachrangig, beim Fähigkeitsprofil der Bundeswehr hingegen, dem zweiten Teil des Opus, hätte man sich in früheren Zeiten ein oder zwei Sätze zur Umsetzung und zum Selbstverständnis der Soldaten erwartet. Gerade, weil die zweite Säule des Konzeptes in der Truppe möglichst rasch umgesetzt werden muss, ist es in der Binnenlogik der Bundeswehr ein Novum, dass sie ohne einen Verweis auf das berühmte Himmeroder Kloster auskommt. Angesichts der Tatsache allerdings, in welcher Weise das Haus nun vorgelegt hat, könnte es in Kürze auch einen neuen Traditionserlass geben – mit allem, was dazu gehört. Auch der mag deutlich schneidiger ausfallen, als es sich so mancher vorstellen mag.
Der Minister muss sich nun erneut an der Umsetzung seines Konzeptes messen lassen, Adressaten sind die Kabinettskollegen und der Kanzler. Zu begrüßen wäre, wenn das Modell einer regelmäßig veröffentlichten „Militärischen Strategie“ ausgebaut wird und in Deutschland Schule macht. Es wird interessant sein, zu lesen, wie künftige Regierungen Deutschlands geopolitische Absicherung mit der Bundeswehr betreiben. Am Ende bleibt ein Dokument, das in seiner Form schon weiter ist als in seinem Inhalt. Es ordnet, wo zuvor Unklarheit herrschte, und setzt Akzente, wo lange Stillstand war. Noch vermeidet es den großen Bruch, den es an manchen Stellen andeutet.
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