„Spiegel“ löscht Video zu angeblichem Missbrauchsskandal – und HateAid ist auch wieder involviert
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Ein Anruf beim Weißen Ring hätte ausgereicht. Eine formelle Anfrage zu den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Lübeck ebenfalls. Beides wäre für jede größere Redaktion mit vertretbarem Aufwand möglich gewesen. Trotzdem haben NDR, WDR, ZDF, Spiegel, Stern, Bild, Welt, Focus und weitere große Medienhäuser die Geschichte der Influencerin Lena Jensen über Jahre hinweg weitgehend ungeprüft übernommen und verbreitet.
Die Geschichte, wie Lena Jensen sie erzählt
Die 33-Jährige mit mehr als 775.000 Followern auf Instagram und TikTok schildert in zahlreichen Videos und Interviews immer dieselbe Version: Sie sei zwischen ihrem zweiten und sechsten Lebensjahr mehrfach sexuell missbraucht worden. Nach einer Anzeige und einem medizinischen Gutachten sei die Familie massiv bedroht worden – unter anderem durch schwarze Gestalten am Gartenzaun und Verfolgung. Die Polizei habe nicht geholfen. Stattdessen sei der Weiße Ring eingesprungen und habe die Familie in ein Opferschutzprogramm mit neuer Identität aufgenommen. Es habe einen Nacht-und-Nebel-Umzug gegeben, ein neues Haus und ein neues Auto – alles von der Familie selbst bezahlt, mit erheblichen finanziellen Verlusten.

Auf Instagram erzählt Lena Jensen in unzähligen Posts von ihren Missbrauchserfahrungen.
Der Weiße Ring widerspricht klar
Jetzt haben die Journalisten Verena Maria Dittrich und Lars Winkelsdorf genau das gemacht, was die meisten Redaktionen zuvor offenbar versäumt haben: gründlich nachgefragt und die zentralen Behauptungen mit den Fakten abgeglichen. Das Ergebnis ist ein verheerendes Bild journalistischer Sorgfaltspflicht. Die vollständige Recherche finden Sie hier.
Der Weiße Ring erklärte auf Anfrage der Journalisten eindeutig: „Der WEISSE RING bietet grundsätzlich keine Opferschutzprogramme mit neuer Identitätsvergabe an. Das ist rein hoheitliche Aufgabe.“ Auch zwei ehemalige Kriminalistiklehrer einer Polizeifachhochschule kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass sich Lena Jensens Schilderungen nicht mit realen Zeugenschutzmaßnahmen vereinbaren lassen.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Lübeck (Az. 747 Js 23415/99) wurden 2002 nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt. Das medizinische Gutachten der Universitätsklinik Lübeck vom 4. Juni 1999 stellte „keinen auffälligen Befund“ fest.
Die Medien schweigen oder verweisen aufeinander
Trotz dieser Widersprüche wurde Jensens Version der Geschichte von zahlreichen Medien verbreitet, darunter NDR, WDR, SWR, ZDF, Arte, RTL, ntv, Spiegel, Stern, Focus, Welt, Bild, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost und Hamburger Morgenpost. Auch der Podcast der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch (UBSKM) griff den Fall auf. NIUS fragte bei allen Medien an und bat um eine Stellungnahme. Einzig der NDR antwortete mit der Aussage, dass kein Grund ersichtlich sei, die Geschichte in Zweifel zu ziehen. Alle anderen Medien ignorierten die Anfragen von NIUS.
Inzwischen gibt es erste Konsequenzen: Der Focus hat seinen Artikel vollständig zurückgezogen. Der Spiegel hat das entsprechende Video vorläufig von der Seite genommen. Unter dem gelöschten Video wird weiterhin auf den Fall Collien Fernandes verwiesen.

Der „Spiegel“ prüft die Vorwürfe und hat das Video dazu offline genommen.
Auch der „Focus“ löscht den Artikel von seiner Seite.
Lena Jensen hatte sich öffentlich mit Collien Fernandes solidarisiert, die im Zusammenhang mit ihrem Ex-Mann Christian Ulmen von virtueller, sexualisierter Gewalt und angeblichen Deepfakes berichtet hatte. Die Influencerin thematisierte den Fall in eigenen Podcast-Folgen und auf Social Media. In der Folge erhielt sie nach Angaben des Hamburger Abendblatts tausende Hass-Nachrichten.

Lena Jensen am Rande einer Solidaritätsdemo am 26.03.2026 für Collien Fernandes in Hamburg bei einem Interview für die „Hamburger Morgenpost“.
Nach NIUS-Informationen wird Lena Jensen juristisch durch die Hamburger Anwältin Verena Haisch vertreten. Haisch ist gleichzeitig als Korrespondenzanwältin für die Organisation HateAid tätig. Weder Lena Jensen noch Verena Haisch oder HateAid waren gegenüber NIUS zu einer Stellungnahme bereit.
Politische Folgen eines Recherche-Desasters
Die Berichterstattung hatte konkrete Folgen: Lena Jensen wurde in die SPD-Bundestagsfraktion eingeladen und interviewte auf TikTok Ricarda Lang (Grüne). Wolfgang Kubicki (FDP) bezeichnet den Vorgang inzwischen als „ausgewachsenen Medienskandal“. Jan Kürschner (Grüne), Vorsitzender des Innen- und Rechtsausschusses in Schleswig-Holstein, zeigte sich irritiert, dass keine Redaktion bei den zuständigen Behörden nachgefragt habe.

Ricarda Lang (Grüne) lässt sich von Lena Jensen auf TikTok zu sexualisierter Gewalt interviewen.
Lesen Sie auch:
HateAid, Correctiv, Zero Covid: Das Aktivisten-Netzwerk hinter Collien Fernandes
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