Erst Corona-Messias, nun schwere Vorwürfe: Aufstieg und Fall des Uğur Şahin
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Uğur Şahin galt in den Corona-Jahren vielen als Messias der Wissenschaft. Medien feierten den Biontech-Gründer als Visionär, Politiker behängten ihn mit Orden, sein Unternehmen wurde zum Symbol technologischer Hoffnung in einem globalen Ausnahmezustand. Doch während Biontech heute mit Milliardenverlusten ringt und ihm „Trickserei“ vorgeworfen wird, beginnt auch die Erzählung vom Pandemie-Heilsbringer zu bröckeln. Dieser Longread erzählt die Geschichte Şahins: vom Kölner Gastarbeiterkind zum „Immuningenieur“ der Pandemie. Zugleich ist es die Geschichte eines biotechnologischen Paradigmas, das den Menschen als programmierbares System begreift, als defizitäres Wesen.
Nach Jahren wohlwollender Berichterstattung über Biontech stehen seine Gründer, Uğur Şahin und Özlem Türeci, in ungewohnt heftiger Kritik. Das sonst gefeierte Pandemie-Unternehmen leidet nicht nur unter sinkenden Umsätzen, sondern sorgt auch wegen eines unerwartet rabiaten Stellenabbaus für Ärger. Zweifel wachsen an seiner Zukunft jenseits der Corona-Pandemie – jener Phase also, in der Biontech, getragen von staatlichen Subventionen und milliardenschweren Impfstoffgeschäften mit dem deutschen Staat, politisch nahezu sakralisiert wurde.
Inzwischen geht es also nicht mehr nur um wirtschaftliche Schwäche, sondern um unternehmerischen Anstand. Hintergrund ist die Übernahme des Konkurrenten Curevac, auf die Biontech nun Schließungen und Entlassungen folgen ließ. Curevac-Gründer Ingmar Hoerr erhebt deshalb schwere Vorwürfe gegen Biontech. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur spricht er von „Trickserei“ und erklärt sogar, die Übernahme hätte „nie erfolgen dürfen“.

Curevac-Gründer Ingmar Hoerr erhebt schwere Vorwürfe gegen Uğur Şahin.
Vereinbart gewesen sei, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen, das synergetische Effekte hervorbringe. „Und das wurde jetzt über den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht worden.“ Biontech habe Investoren mit Versprechungen „eingelullt“, bevor Standorte geschlossen und abgewickelt worden seien. „Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei meiner Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass die Übernahme im Sinne von CureVac sei und dadurch ein gemeinsames, starkes Unternehmen wird“, so Hoerr.
Besonders irritierend wirkt dabei, dass Uğur Şahin und Özlem Türeci nun eine bislang namenlose mRNA-Firma gründen wollen. Während Biontech nach Curevac-Übernahme, Stellenabbau und sinkenden Umsätzen in der Kritik steht, verlassen die Gründer obendrein jenes Schiff, das eben noch einen Konkurrenten geschluckt hatte. Es wirkt, als habe man sich die Konkurrenz zunächst einverleibt, um anschließend selbst weiterzuziehen und das zurückgelassene Unternehmen mitsamt seiner Beute in Richtung ökonomischer Bedeutungslosigkeit abzustoßen.
Seitens der Gewerkschaften hagelt es jedenfalls harte Kritik. „Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen“, erklärte der Chef des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“
Die Vorwürfe treffen Biontech zu einem Zeitpunkt, zu dem der Glanz der Pandemiejahre längst verblasst ist; und sie werfen eine größere Frage auf: War Biontech wirklich das Zukunftsunternehmen, als das es Politik und Medien jahrelang inszenierten, oder vor allem der Profiteur eines unheilvollen Ausnahmezustands? Um diese Frage zu beantworten, erzählt NIUS die Geschichte des Mannes, der während der Pandemie zum Heilsbringer der Republik verklärt wurde: Uğur Şahin.
I. Das Gastarbeiterkind steigt auf
Es sind die Füße eines Vierjährigen, die Ende der sechziger Jahre deutschen Boden betreten. Der 1965 im türkischen İskenderun geborene Uğur Şahin kommt als Sohn eines Gastarbeiters nach Deutschland. Sein Vater arbeitet bei Ford in Köln. Dort wächst Şahin auf, macht Abitur und studiert Medizin.

Uğur Şahin ist Sohn eines bei Ford schuftenden Gastarbeiters. Das Foto zeigt die Produktion von Ford-Autos in Köln 1976.
Şahins Weg in die Biotechnologie beginnt tatsächlich am Krankenbett. Von 1984 bis 1990 studiert er Humanmedizin an der Universität Köln, promoviert dort mit der Note summa cum laude und arbeitet anschließend in der Inneren Medizin, Hämatologie und Onkologie. Die Krebsmedizin wird sein Metier: Şahin begegnet Patienten, denen Chemotherapie und Bestrahlung häufig nicht helfen. Daher sucht er nach einem anderen Weg – Therapien, die das Immunsystem gegen Tumore mobilisieren.
1999 habilitiert er sich in Molekularmedizin und Immunologie. Nach einem Forschungsaufenthalt in Zürich wechselt er 2001 an die Universitätsmedizin Mainz. Dort wird aus dem Arzt und Forscher allmählich ein Biotech-Unternehmer. Noch im selben Jahr gründet Şahin gemeinsam mit Özlem Türeci Ganymed Pharmaceuticals, ein Unternehmen für Krebsimmuntherapien. 2008 folgt jener Schritt, der ihn auf die Weltbühne führen sollte: die Gründung von Biontech.

Sitz des Biontech-Gebäudes in Mainz. Von hier eroberte Uğur Şahin die Welt sagenhaften Reichtums, Steuergeld-gepusht.
II. Der Weg zum „Immuningenieur“
Damit war Şahin endgültig im Zentrum jener deutschen Biotech-Welt angekommen, aus der später der Corona-Impfstoff hervorgehen sollte. Im Mittelpunkt von Biontech standen damals allerdings keine pandemischen Atemwegsviren, sondern Krebs. Şahin arbeitete an mRNA-basierten Krebsimpfstoffen. 2010 gründete er das Forschungsinstitut TRON in Mainz, das Grundlagenforschung, Universitätsmedizin und (Pharma-)Industrie miteinander verbinden sollte. Es ist die Zeit, in der ein bestimmtes Paradigma die Oberhand gewinnt: die Idee, menschliche Natur schöpferisch-technisch verändern zu können. „Şahin versteht sich“, so beschreibt es das Ärzteblatt, „als ‚Immuningenieur‘, der die antiviralen Mechanismen des Körpers nutzt.“ Ingenieure heilen nicht – sie bauen, konstruieren, programmieren.
Es ist dieser Grundgedanke, der die mRNA-Technologie bestimmt: Via Injektion werden Baupläne in die Zellen eingeschleust, damit diese die entsprechenden Stoffe selbst produzieren. Moderna formulierte die Denkfigur hinter der mRNA-Technologie noch informatischer: „Wir verwenden mRNA, die wir als die Software des Lebens verstehen. Sie kodiert die entscheidenden Anweisungen der DNA, die Zellen im Körper dazu bringen, Proteine herzustellen, um Krankheiten zu verhindern oder zu bekämpfen“, so Tal Zaks, damals Chef-Mediziner bei Moderna. Der Mensch erscheint darin wie ein Computer: als Hardware, die von Viren befallen wird und durch Antivirenprogramme geschützt werden soll. Uğur Şahin wird dieser Vorstellung eines programmierbaren Immunsystems später weltweit zur Durchsetzung verhelfen.

Uğur Şahin 2015 auf einer „Health, Tech, Lifestyle“-Konferenz.
Ab den frühen 2010er Jahren arbeitete Biontech in ersten klinischen Studien an personalisierten mRNA-Krebsimmuntherapien. Bis 2019 war Şahin damit vor allem eines: ein Krebsforscher, der die Medizin mithilfe der mRNA-Technologie revolutionieren wollte. Dass diese Technologie bis dahin nie einen marktreifen Impfstoff hervorgebracht hatte, hinderte die durch einen globalen Ausnahmezustand verunsicherte Welt jedoch nicht daran, eben diese Technologie zum messianischen Heilmittel zu erklären. Wissenschaftler stiegen zu Heilsbringern auf, als wären sie keine Unternehmer mit Investoreninteressen, sondern säkulare Erlöserfiguren.
III. Impfstoffsicherheit „in Lichtgeschwindigkeit“
Das Jahr 2020 wird zum globalen Wettlauf gegen die Zeit. Während Regierungen Lockdowns verhängen, Intensivstationen zu Symbolen einer planetaren Bedrohung werden und täglich neue Infektionszahlen über Bildschirme laufen, beginnt zugleich ein beispielloses Rennen der Pharmaindustrie. Amerikanische Konzerne, britische Forschergruppen, chinesische Staatsunternehmen, russische Institute – überall wird an Impfstoffen gearbeitet. Die Welt verlangt nach einem Ausweg, nach einer technologischen Erlösung aus dem Ausnahmezustand, den sie sich von der WHO nahezu ungeprüft verordnen ließ. Früh ist den Beteiligten klar: Der normale Weg der Impfstoffentwicklung würde zu lange dauern.
Der Virologe Christian Drosten erklärt bereits zu Beginn der Pandemie, man müsse „die Regularien für die Entwicklung von Impfstoffen außer Kraft setzen“, sprich die üblichen Sicherheitsstandards ignorieren. Jahre klinischer Prüfung, langfristige Beobachtungszeiträume und klassische Entwicklungsabläufe müssten verkürzt werden. Was später unter Begriffen wie „Teleskopie der Studienphasen“ firmiert, beginnt unter Şahins „Projekt Lightspeed“ Realität zu werden: Studienabschnitte werden parallelisiert, Verfahren beschleunigt, regulatorische Prozesse überlappen sich. Staaten pumpen Milliarden in die Impfstoffentwicklung und Produktionskapazitäten entstehen, noch bevor überhaupt eine Zulassung existiert. Ursula von der Leyen fädelte per SMS Verträge über Stoffe ein, auf deren Zulassung sie hinterher politischen Druck ausübte. Die Welt will Lichtgeschwindigkeit. Und sie bekommt sie.
IV. „Eine Sensation. Und vor allem: ein Hoffnungsschimmer“ (Spiegel)
Dann kommt der Durchbruch. Biontech und Pfizer verkünden im November 2020 über 90 Prozent Wirksamkeit ihrer Arznei. Die Nachricht schlägt ein wie eine Detonation. Der Spiegel protokolliert die Größe dieses Moments: „Kometenhafte Aufstiege sind normalerweise Popstars vorbehalten, seltener auch Politikern. Für Wissenschaftler sind sie beinahe unerhört. Am 9. November wurden Özlem Türeci und Uğur Şahin mit einem Schlag auf die Weltbühne katapultiert.“ Das von ihnen gegründete Unternehmen Biontech habe den „weltweit ersten großen Durchbruch im Kampf gegen die Corona-Pandemie“ erzielt. Der in Mainz entwickelte Impfstoffkandidat BNT162b2 habe sich „zu mehr als 90 Prozent wirksam“ gezeigt. „Fast jeder Proband, der geimpft wurde, blieb von Covid-19 verschont.“
Aus denselben Daten ließ sich allerdings nicht nur die relative Risikoreduktion (RRR) errechnen, aus der jene medial gefeierten über 90 Prozent resultierten, sondern auch die absolute Risikoreduktion (ARR). Sie lag bei unter einem Prozent – und beschreibt die tatsächliche Verringerung des Erkrankungsrisikos unter den konkreten Bedingungen der Studie. Öffentlich thematisiert wurde das kaum. 90 Prozent klingen eben eindrucksvoller als eine Risikoreduktion von unter einem Prozent.

Corona-Madness: „Die Biontech-Heilsbringer“, titelte der „Spiegel“.
Während Börsenkurse explodieren, sprechen Politiker und Medien von Hoffnung, allen voran erneut der Spiegel: „Eine Sensation. Und vor allem: ein Hoffnungsschimmer.“ 1,3 Milliarden Dosen des Impfstoffs sollten weltweit verteilt werden, ein Ende der Pandemie erscheine plötzlich greifbar. Aus Mainz kommt nun die vermeintliche Rettung der Welt. Die nie erprobte mRNA-Technologie wird zum Symbol globaler Erlösung. Uğur Şahin steigt endgültig vom Biotech-Unternehmer zur messianischen Figur der Pandemie auf. Seine weiße Laborjacke, mit der er medienwirksam posiert, verwandelt sich in ein priesterliches Gewand. Von Prophezeiungen wird man erst rückblickend sprechen.
V. Der Fall Maddie
All das geschieht, während nicht nur der Prozess der Zulassungsstudien, sondern auch ihre Ergebnisse zahlreiche Ungereimtheiten aufweisen. Eine Whistleblowerin deckt Schlampereien bei der Studienführung auf – jenen Studien, die dem Unternehmen Ruhm und Reichtum bescheren werden. Massive Vorwürfe gegen die Pfizer-Studien werden laut: In Buenos Aires, wo Pfizer/Biontech seine Tests durchführte, werden schwere Nebenwirkungen zu Covid-Fällen oder psychischen Problemen umgedeutet, Probanden aus Studien entfernt und Todesfälle unklar dokumentiert. Experten wie der frühere Professor für klinische Studien Peter Gøtzsche sprechen von möglichen Manipulationen, während selbst Vertreter von Stiko, FDP und Charité eine vollständige Aufklärung der Vorgänge fordern. Sie ist bis heute nicht erfolgt.
Dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann, verdeutlicht der Fall der 13-jährigen Maddie de Garay. Die Teilnehmerin der Impfstoffsicherheitsstudie für Jugendliche erlitt weniger als zwölf Stunden nach der zweiten Dosis des Pfizer/Biontech-Impfstoffs schwere neurologische Schäden, sitzt seitdem im Rollstuhl und muss künstlich ernährt werden. Dennoch taucht ihr Fall in der Studie, an der auch Uğur Şahin als Autor beteiligt war, nicht als „schwerwiegendes impfstoffbedingtes Ereignis“ auf.
Ins öffentliche Bewusstsein gehoben wurde ihr Fall nie, obwohl er skandalös ist: Dass der Fall Maddie de Garay nicht als impfstoffbedingt gewertet wurde – obwohl ein unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang vorliegt –, wurde in der Studie schlicht nicht begründet. Stattdessen heißt es lapidar: „Es gab keine impfstoffbedingten schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse (…)“. Das Fazit der Studie: Der Impfstoff weise in der Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen ein „günstiges Sicherheitsprofil“ auf. Die Studie bildete auch die Grundlage der Impfungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Bei einer Pressekonferenz des US-Senators Ron Johnson berichtet die Familie Garay über Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung (28.06.2021).
Sie wirft ein Schlaglicht auf das gesamte System klinischer Studien. Dass selbst bei einem derart dokumentierten und zeitlich eng verknüpften Fall unbegründet bleibt, warum er nicht als impfstoffbedingt gilt, legt den Verdacht nahe, dass hier nicht mehr bloß Daten erhoben und ausgewertet, sondern gewünschte Ergebnisse hergestellt wurden. NIUS fragte Biontech an, warum Maddie de Garays Fall nicht als impfstoffbedingt gewertet wurde, erhielt darauf jedoch keine Antwort.
VI. Ehrenbürger von Mainz und Bundesverdienstkreuz
Während sich in der amerikanischen Öffentlichkeit – selbst innerhalb des etablierten Parteienspektrums – eine lebhafte Debatte über Nebenwirkungen und Folgen der Corona-Impfstoffe entwickelte, vollzog sich in Deutschland etwas anderes. In der abgeschotteten Welt der Herrschenden werden unliebsame Entwicklungen und offene Fragen bis heute weitgehend ausgeblendet.
Stattdessen begann die Ära ritualisierter Ordensverleihungen. So wurde Uğur Şahin Ehrenbürger der Stadt Mainz. Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) war merklich ergriffen: „‚Aus Mainz ging Hoffnung in die Welt in der dunkelsten Zeit der Pandemie.‘“

Uğur Şahin und Özlem Türeci werden am 10. März 2022 zu Ehrenbürgern von Mainz gekürt.
Die Heldenaura um Şahin wächst derweil weiter, indes sich die Zeichen der Zeit womöglich bereits auf unscheinbarer Ebene ins Negative verkehren. Nach der Ehrenbürgerschaft in Mainz wird Şahin das Bundesverdienstkreuz verliehen – ein Orden, der seinen einstigen Wert eingebüßt hat, seitdem sich die Eliten aus Politik und Gesellschaft damit ritualisiert gegenseitig auszeichnen. Weil die Würdigkeit für Auszeichnungen ebenso unter den Tisch zu fallen scheint wie Konsequenzen für politisches Fehlverhalten, zeichnet der Bundespräsident am 19. März Özlem Türeci und Uğur Şahin im Schloss Bellevue mit dem Kreuz aus. Steinmeier sagt dazu: „Mehr und schneller impfen – mit allen Mitteln, die wir haben! Das ist das Gebot der Stunde! Mit Mut, mit Klugheit, mit einem guten Stück mehr Pragmatismus. In dieser wohl schwierigsten Phase der Pandemie kann die Geschichte der heute ausgezeichneten Ordensträger uns Mut machen, kann im besten Sinne Vorbild sein.“
VII. Stern verkündet „neue Medizin“
Ähnlich begeistert zeigt man sich in der Redaktion des Stern. Dort erscheint 2022 eine Erfolgsgeschichte, die nicht erst rückblickend Fragen aufwirft. Der Stern präsentiert es in seinem Podcast so: „Es ist ein Freitagabend Ende Januar 2020, als der Biontech-Gründer Uğur Şahin auf einen wissenschaftlichen Fachartikel stößt. Dieser beschreibt einen Virusausbruch in der chinesischen Stadt Wuhan.“ Şahin, der zuvor nie als Epidemiologe in Erscheinung trat, soll die globale Gefahr sofort erkannt haben: Weil Wuhan eine Millionenstadt sei und er „kurz ausgerechnet“ habe, „wie viele Flüge in den letzten sechs bis acht Wochen da waren“, habe er begriffen: „Wir laufen auf eine Pandemie hinaus. Wir sind quasi schon in einer Pandemie, die noch nicht sichtbar ist.“ Man fragt sich, auf welcher Realitätsebene „unsichtbare Pandemien“ existieren. An jenem Abend, heißt es weiter, „änderte er den Kurs seines Unternehmens und startete die schnellste Impfstoffentwicklung der Geschichte.“ Es dürfte Freitag, der 31. Januar 2020 gewesen sein.
Der Stern berichtet weiter, Şahin habe nur zwei Tage später bereits „auf seinem Computer einen Plan für erste Impfstoffkandidaten entwickelt“ – für einen Impfstoff, „der ganz anders funktionieren sollte als alle Impfstoffe zuvor“. Nun müsse er „nur noch den Rest seines Unternehmens davon überzeugen, dass die Welt bereits mitten in einer Pandemie steckt.“
In diesem Podcast wird sogar behauptet, die von Biontech vorangetriebene „neue Medizin“ könne perspektivisch nicht nur Krebs oder andere Krankheiten besiegen, sondern womöglich selbst den Alterungsprozess überwinden: „Es geht um ein Ende von Krebs, wie wir ihn kennen, eine Impfung gegen Tuberkulose, HIV, Malaria und vielleicht sogar das Altern.“ Es sind wohl genau diese Heilserwartungen, die RTL und Stern dazu inspirierten, ihre erste Folge „Die Prophezeiung“ zu nennen.

Auch im Dezember 2022 ist der „Stern“ noch hellauf begeistert von Biontech.
Dem Markt ist die Religion egal. Ökonomisch erlebt Biontech seit dem Ende der Corona-Pandemie einen dramatischen Absturz. Während das Unternehmen 2021 noch rund 19 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 10 Milliarden Euro Gewinn erzielte und auch 2022 mit rund 9,4 Milliarden Euro Gewinn außergewöhnlich profitabel blieb, brachen die Einnahmen danach massiv ein. 2023 sank der Umsatz auf rund 3,8 Milliarden Euro, 2024 rutschte Biontech mit etwa 665 Millionen Euro erstmals in die Verlustzone, 2025 weitete sich der Nettoverlust bereits auf rund 1,14 Milliarden Euro aus.
Uğur Şahin hatte vor Corona nie ein Produkt auf den Markt gebracht. Erst die vermeintliche Pandemienotlage verschaffte Biontech den historischen Durchbruch: Staaten kauften das Produkt in gigantischen Mengen auf, während politischer und gesellschaftlicher Druck dafür sorgte, dass es massenhaft verabreicht wurde. Ohne sie hätte es diesen ökonomischen Höhenflug nie gegeben. Nun, da dieses Geschäftsmodell weggebrochen ist, wirkt auch das Vorgehen gegenüber Curevac naheliegend; „erst kaufen, dann killen“, wie Boris Palmer empört sagt, folgt hier dem stummen Zwang der Verhältnisse.
Letztlich folgt Şahin damit nur der den Dakota-Indianern zugeschriebenen Einsicht: „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.“ Das Pferd konnte nur im Ausnahmezustand galoppieren. Und ein anderes besitzt Biontech bislang nicht – anders als Pfizer, Moderna und andere Pharmakonzerne mit breit diversifizierten Geschäftsmodellen.
Der Biontech-Gründer tut heute, was er immer tat: unternehmerisch denken, Risiken eingehen, Technologien vermarkten, Investoren überzeugen, Märkte erschließen. Er wurde nicht plötzlich vom Heilsbringer zum kalten Manager. Er war immer eiskalter Unternehmer – nur wollte das während der Pandemie kaum jemand sehen. Jetzt, da die Angst vorüber ist und Impf-Begeisterung nicht mehr alltäglich abverlangt wird, verdrängt die Realität der Ökonomie unverblümt die Illusion.
Şahins Sackgasse
Das Problem liegt aber noch tiefer: Şahin setzte auf ein technologisches Paradigma, für das es vor Corona nie einen erfolgreichen, marktreifen Impfstoff gegeben hatte. Die mRNA-Technologie galt jahrzehntelang als experimentell und mit erheblichen Risiken verbunden. Dennoch wurde sie plötzlich zur universellen Lösung erklärt. Dabei ist bereits die Grundidee seit jeher zweifelhaft: Der menschliche Körper soll nicht mehr bloß immunisiert, sondern selbst zur Produktionsstätte medizinischer Wirkstoffe werden: zur biologischen Fabrik.
Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, das den Menschen nicht als gewachsene Natur, sondern als optimierbares technisches System betrachtet – als defizitäres Wesen, das durch Wissenschaft, Technologie und entsprechende Eingriffe permanent verbessert und erweitert werden müsse. Wissenschaft fungiert dabei nicht mehr als Instrument der Erkenntnis, sondern als Instanz, die selbst schöpferisch werden will, die sich im Leben einnistet und mit der Natur auf molekularbiologischer Ebene fusioniert.
Die Vorstellung unbegrenzter technischer Machbarkeit durchzieht die gesamte Karriere Uğur Şahins. Wer nach Gottgleichheit strebt, endet als gefallener Engel – so beschreibt es die christliche Eschatologie. Es scheint sich um eine Wahrheit zu handeln, deren abstrakter Kern damals wie heute fortbesteht. Nun scheint sie auch Uğur Şahin, den „Immuningenieur“, unter sich zu begraben.
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