Fußball-Doku „Ein Sommer in Italien“ über die WM 1990: Warum ich mit Lothar Matthäus ein paar Tränen verdrückt habe
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Claudio CasulaEin Film ist jetzt in den Kinos angelaufen, der zeigt, wie Deutschland 1990 in Italien den dritten Weltmeistertitel holte. Vor der Kamera: die Mannschaft von damals, in Ehren ergraut. Da kommt Wehmut auf, Erinnerungen an die Zeit der Wende, als Deutschland nach dem Mauerfall noch einen Fußball-Triumph feiern durfte.
35 Jahre ist das her, mein Gott. Und es leben auch nicht mehr alle, die seinerzeit dabei waren. Teamchef Franz Beckenbauer, Weltmeister als Spieler und als Trainer, starb 2024, ebenso wie Andreas Brehme, der im Finale den Siegtreffer per Elfmeter erzielte, und der Ersatzspieler Frank Mill, der nicht zum Einsatz kam, ein Jahr später.
Eines vorweg: „Ein Sommer in Italien“ ist keine klassische Sport-Doku. Spielszenen kommen zwischendurch zwar immer wieder vor, aber Vanessa Goll und Nadja Kölling legen den Fokus klar auf die Männer, die das Sommermärchen, 16 Jahre vor dem zweiten, in Italien erlebten.

Grenzenloser Jubel nach dem Endspiel in Rom
„Der Franz“ war wie ein Vater
Es stimmt, unbequemere Kicker wie Jürgen Kohler oder Thomas Berthold sind nicht dabei, und so wirkt das Gesamtbild zuweilen in allzu rosaroten Farben gemalt. Die Euphorie jenes Sommers, die Kameradschaft, der Ehrgeiz, unbedingt den Titel zu holen, wären vielleicht von dem einen oder anderen kritischen Wort relativiert worden. So bleibt als einziger, natürlich verzeihlicher Missklang der Generalanschiss, den Teamchef Franz Beckenbauer seiner Elf nach dem schlechten Viertelfinalspiel gegen die Tschechoslowakei in der Kabine verpasste.
Ach ja, „der Franz“, wie sie ihn alle nennen. Hinter seinen mit Leichtigkeit daherkommenden Sprüchen wie „So, und jetzt geht’s raus und spielt’s Fußball!“ steckte in Wahrheit sehr viel harte, akribische Arbeit, erfahren wir. Aber er wollte keinen Lagerkoller, ließ seinen Spielern eine „lange Leine“, gab ihnen zwischen den Spielen auch mal frei und drückte beide Augen zu, wenn Jürgen Klinsmann mit seinem Golf-Cabrio aus dem Mannschaftsquartier ausbüxte oder Rudi Völler mit Teamkameraden zwei, drei Flaschen Wein leerte.
Oder wenn sie sich von Fans spontan klapprige, frisierte Mofas liehen, um, natürlich ohne Helm, nach Como zu düsen. Statt sie zu rüffeln, habe „der Franz“ ihnen neue Motorräder vor die Tür stellen lassen. Wie ein Vater sei er zu ihnen gewesen, sagen sie alle. Er habe sie aber dabei als Erwachsene behandelt, auch wenn er oben in seinem Turmzimmer thronte.
„Wir hatten nur Heimspiele“
Beflügelt vom neuen Nationalbewusstsein nach dem Fall der Mauer und auch getragen von Ostdeutschen, die damals nach Italien reisten, erinnern sich die Spieler an eine grundsätzlich positive Stimmung. Die 90er-Mannschaft sei „ein Spiegel der Gesellschaft“ gewesen, meint Jürgen Klinsmann, auch wenn damals noch kein einziger Ostdeutscher im DFB-Aufgebot war.

Alte weiße Männer mit Charakter: die Helden von 1990.
Noch stärkeren Rückenwind gab der Umstand, dass das DFB-Team auch von den italienischen Gastgebern angefeuert wurde, schließlich standen drei Fußballer – Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme – bei Inter Mailand unter Vertrag, Rudi Völler und Thomas Berthold bei der AS Roma. Ein Heimvorteil, der die Mannschaft bis ins Finale trug. Die drei Gruppenspiele sowie Achtel- und Viertelfinale durfte man im San Siro, dem Giuseppe-Meazza-Stadion, austragen. „Wir hatten nur Heimspiele“, sagt Lothar Matthäus.
Wenn die seither 35 Jahre älteren Herren in die Kameras sprechen, fällt auf, dass sie noch aus einem anderen Holz geschnitzt waren als die rundgelutschten Spieler unserer Tage, die alle Berater haben und emsig darauf bedacht sind, keinen Shitstorm in den sozialen Medien auszulösen. Die gab es 1990 noch nicht, ebenso wenig wie Mobiltelefone, und wenn sich die Spieler vier Wochen lang im schlossähnlichen Hotel Castello di Casiglio in Erba am Comer See die Zeit vertrieben, dann mit Kartenspiel statt mit Playstation.
Unterschiedliche, aber authentische Kerle
„Die 90er-Mannschaft hatte Charakter“, wird Lothar Matthäus gegen Ende des Films sagen, und nicht nur damit hat er recht. Auch wenn er immer wieder mal mit Peinlichkeiten auffiel, kommt er irgendwie als lebensklug und warmherzig rüber. Fast liebevoll spricht er über seinen Zimmergenossen Andi Brehme, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, und als die Sprache auf dessen Tod kommt, spürt man, wie nahe ihm der Verlust geht, seine Stimme brüchig wird und ihm die Tränen in die Augen treten. Und wenn man das sieht, passiert es einem selbst.

Nachdenkliche statt schriller Töne: Lothar Matthäus.
Das ist zweifellos der berührendste Moment des Films, der uns die Spieler jenes Sommers näherbringt. Man sieht sie mit ihren Familien, die sie nach Italien begleiten durften, und bei der Rückkehr an die Stätten von damals: das Castello di Casiglio, die Stadien in Rom und in Mailand, der Comer See, wo sie schon mal Bootstouren machten oder Wasserski fuhren.
In verstörend grobkörnigen Bildern sieht man sie: Guido Buchwald, Andreas Möller und Karl-Heinz „Kalle“ Riedle, Bodo Illgner, Pierre „Litti“ Littbarski und Thomas „Icke“ Häßler. Durchaus unterschiedliche, aber auch durchweg authentische Kerle in einer Zeit, in der man sich noch nicht vorstellen konnte, dass ein Nationalspieler eines Tages den Tauhid-Finger der Islamisten zeigen könnte.

„Litti“ und „Icke“ erinnern sich bei einer Fahrt über den Comer See an damals.
Rijkaard spuckt, Klinsmann kämpft, der Kaiser schreitet
Natürlich sehen wir die Bilder, die im Gedächtnis geblieben sind: Rudi Völler, wie er vom niederländischen Gegner Frank Rijkaard angespuckt wird. Jürgen Klinsmann, wie er nach der völlig unverständlichen Roten Karte für Völler das Spiel seines Lebens macht. Franz Beckenbauer, wie er, die Hände in den Taschen, nach dem Finalsieg still und versonnen über den Rasen des Stadio Olimpico schreitet, während um ihn grenzenloser Jubel tobt.
Aber es sind die stillen, eher unspektakulären Momente, die den Zuschauer anfassen. Etwa die Altersmilde, mit der Matthäus und Klinsmann, damals im Dauerclinch liegend, übereinander sprechen. Ersterer erinnert sich dankbar daran, dass der andere ihm nach den zwei Toren im Auftaktspiel gegen Jugoslawien besonders stürmisch gratulierte. Letzterer sagt über den deutlich älteren Kontrahenten: „Ich war der Lehrling, er der Meister“.
Es war schon nicht mehr die „Elf Freunde müsst ihr sein“-Zeit wie anno 1954, aber etwas vom „Geist von Spiez“ findet sich zweifellos auch bei der 90er-Mannschaft, in der man persönliche Eitelkeiten beiseiteschob, um zusammen das große Ziel zu erreichen. Die Zeit der Bescheidenheit von Fritz Walter & Co. war längst passé, aber es waren nicht die Prämien, die das Team motivierten.

Der Skandal des Turniers: Frank Rijkaard spuckt Rudi Völler an.
Da kommt Wehmut auf
Hinzu kam, dass es klare Hierarchien gab, keine elf Egozentriker. Über allem die „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer, dann Lothar Matthäus als „Leitwolf“ und gewissermaßen verlängerter Arm des Teamchefs, der so hieß, weil er damals nicht über die notwendige Trainerlizenz verfügte. Und eine Mannschaft, die das akzeptierte und sich nicht in Animositäten verlor. Und die mit Einsatz und Beharrlichkeit und mitreißendem Spiel, das den Rumpelfußball der Jahre zuvor vergessen ließ, sowie natürlich auch mit dem notwendigen Quäntchen Glück schließlich das große Ziel erreichte.
„Jetzt sind wir alte Männer“, lacht Kalle Riedle, der sich verdammt gut gehalten hat, an einer Stelle, und irgendwie wirken sie allesamt sympathisch, gelassen, den Triumph von vor 35 Jahren bescheiden genießend. „Weltmeister ist man für immer“, sagt Rudi Völler zum Schluss.
Nostalgie ist zwar auch nicht mehr, was sie früher mal war, aber in Erinnerungen an jenen Sommer darf man angesichts dieses Films doch schon mal schwelgen. „Es war eine geile Zeit“, sagt einer der Weltmeister einmal. Da kommt schon Wehmut auf, und irgendwie sehnt man sich nach der Zeit zurück, als noch nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wurde und Spieler noch Ecken und Kanten hatten. Wem es ähnlich geht, der sollte sich diesen Film ansehen.
Lesen Sie dazu auch: Affäre Rüdiger: Nationalspieler zu sein, ist auch eine Frage der Ehre
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