Tränen, Triumph und Titelträume: Der deutsche Europapokal-Wahnsinn
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Was für eine Woche! Die Spannung in der Bundesliga ist raus, die großen Fragen sind geklärt – dafür sorgten unsere Mannschaften in Champions League und Europa League für drei denkwürdige Spiele. Tränen, Triumph und Titelträume – wo Bundesliga drauf steht, ist auf europäischer Bühne gerade ein Hexenkessel der Gefühle garantiert …

Undatiertes Foto des Künstlers Houdini
Kennen Sie Harry Houdini? Er lebte von 1874 bis 1926 und gilt heute noch als der größte Entfesselungsartist aller Zeiten. Er befreite sich aus jeder möglichen Lage, entkam sogar aus der Todeszelle des Washingtoner Staats-Gefängnisses. Er ließ Elefanten auf offener Bühne verschwinden und um das Jahr 1900 feierte er in Deutschland auf den Varieté-Bühnen in Berlin und Dresden große Erfolge. So ließ er sich in der sächsischen Metropole von echten Polizisten fesseln, um sich in wenigen Minuten unter Wasser davon ohne fremde Hilfe zu befreien.
Die Houdinis von heute: Bayer 04
Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Ganz einfach: Die Houdinis von heute treten in der BayArena in Leverkusen auf und spielen im Trikot des deutschen Fußballmeisters Bayer 04.

Euphorie bei Leverkusen-Trainer und -Mannschaft nach dem Sieg.
Nicht zum ersten Mal schlugen sie, wie jetzt im Halbfinal-Rückspiel gegen AS Rom, in allerletzter Minute zu. Am Donnerstagabend zum 2:2-Ausgleich, was sie nicht nur ins Finale der Euro-League brachte, sondern auch zu einem neuen europäischen Rekord führte. Bayer ist jetzt seit 49 Spielen in Folge ungeschlagen. Vor 59 Jahren schaffte Benfica Lissabon es, von Dezember 1963 bis Februar 1965 historische 48 Spiele ohne Niederlage zu beenden. Ich versuche erst gar nicht zu erklären, was dieser Rekord bedeutet. Bayer hat ihn überboten. Die spanische Zeitung El Mundo Deportivo jedenfalls findet: Leverkusen abonniert den Wahnsinn.
In Bergamo, beim Finalgegner Atalanta, werden sie jetzt wohl eigene Trainingseinheiten für die Nachspielzeit einüben …
Der Verlauf der Begegnung im Bernabeu-Stadion zwischen Gastgeber Real Madrid und dem FC Bayern München spiegelt auch in einigen Bereichen die gesamte Saison des Rekordmeisters wider.
Wie um Himmels willen konnte Tuchel Harry Kane auswechseln?
Hochs und Tiefs wechselten sich auch in diesem Halbfinale der Champions League ab. Bis zur 85. Minute schien der Fußballgott seine Hand über die Bayern und ihren Trainer Thomas Tuchel zu halten, als er plötzlich aus einer Laune heraus die Seiten wechselte. Vielleicht gefiel ihm nicht, dass der Trainer mal wieder eine Entscheidung traf, die nicht nur bei mir zu ungläubigem Kopfschütteln führte.

Harry Kane mit Trainer Tuchel im Hintergrund
Wie und warum um Himmels willen konnte Tuchel Harry Kane auswechseln? Ok, gegen einen zusätzlichen Abwehrspieler vielleicht, aber doch nicht gegen Eric Maxim Choupo-Moting … Kane, der mit einem Zauberpass auf Alphonso Davies die 1:0 Führung der Bayern eingeleitet hatte. Kane, der als einer der ganz wenigen Führungsspieler die nötige Routine mitbringt, auch gegen Real eine solche Führung über die letzten Minuten ins Ziel mit zu verteidigen – egal, wie sehr der Rücken zwickt.
Eines der Probleme von Thomas Tuchel heißt: Er will zu oft etwas ganz, ganz Schlaues und Unerwartetes machen, um so den Gegner zu verwirren. Leider schafft er das zu oft eher bei der eigenen Truppe …

Ja, dass die Bayern über den polnischen Schiri Szymon Marciniak und über seine Fahnenjunker an der Außenlinie sauer waren, hatte gute Gründe. Aber ehrlich: Ein Einzug ins Finale und gar ein Sieg gegen Borussia Dortmund hätte nicht nur die Saison auf den Kopf gestellt, sie hätte eine dringend notwendige Bilanzprüfung in ein viel zu mildes Licht gerückt. So bleibt auch für Harry Kane die Erkenntnis: Mit bis jetzt erzielten 36 Treffern wird er Torschützenkönig der Bundesliga, aber das ist nur ein ganz schwacher Trost. Die Ehre hatte er schon drei Mal in der Premiere-League. Kane trifft, wie er will, bleibt aber ungekrönt: Mit einem großen Titel wurde es wieder nix.
Die Borussen im Finale gegen Real Madrid
Der kann für die Dortmunder Borussen nach einer durchwachsenen Saison zu guter Letzt noch in der Königsklasse herausspringen. Der BVB im Finale von Wembley gegen Real Madrid. Was für eine Chance! Nicht nur für den Verein, den Trainer und die Fans, vor allem für die Seniorenabteilung Mats Hummels und Marco Reus. Und für die Nationalspieler, die zuletzt von Bundestrainer Julian Nagelsmann für nicht mehr tauglich gehalten wurden, das pinke Trikot der Nationalmannschaft zu tragen.

Mats Hummels (mitte) und Marco Reus (rechts) feierten diese Woche den Sieg gegen PSG.
Was macht der Bundestrainer mit den Borussen, wenn die als frisch gebackener Sieger des höchsten Vereinswettbewerbs in Europa gefeiert werden? Wer – abgesehen von Niklas Füllkrug, bisher einziger EM-Fahrer in Schwarz-Gelb – bekommt noch einen Anruf von Nagelsmann? Ist Mats Hummels wichtiger als Jonathan Tah, nur weil er in den letzten Wochen gute Form zeigte? Oder gilt die Leistung über die gesamte Saison? Muss man den launischen Leroy Sané berufen und Karim Adeyemi zu Hause lassen? Kann man Julian Brandt besser finden als Chris Führich?
Ich jedenfalls bin sehr gespannt auf den 16. Mai. Da will der Bundestrainer sein endgültiges Aufgebot bekannt geben – zwei Wochen vor dem Champions-League-Finale (1. Juni) in London. In Nagelsmanns Haut möchte ich da nicht stecken …
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Waldi Hartmann
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