Das einzige, was boomt in der deutschen Wirtschaft, ist der Cannabis-Markt
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Andreas Moring„Wann Bubatz legal?!“ Das war eine der wichtigsten Fragen für die alte Ampel-Regierung. Der Cannabis-Markt sollte legalisiert werden. Wurde er dann auch 2024. Offiziell ging es immer darum, gegen den „Schwarzmarkt“ vorzugehen und den Konsum von Cannabis zu „entkriminalisieren“.
Was jetzt herausgekommen ist, ist ein neuer Markt mit ganz eigenen Regeln und bemerkenswerten Praktiken. Und ein Markt, der in Deutschland geradezu boomt. Verfünffachte Umsätze und Wachstumsraten von 3.000 Prozent sucht man in der deutschen Wirtschaft sonst vergebens. Aber: Ob das alles so geplant und gedacht war? Da kommen selbst der Politik so langsam Zweifel …
Cannabis-Markt boomt
Innerhalb von fünf Minuten und mit wenigen Klicks: Was noch vor zwei Jahren einen Gang in einschlägige Parks oder dunkle Ecken erfordert hätte, lässt sich heute bequem vom heimischen Sofa aus erledigen. Immer mehr Menschen in Deutschland ordern Marihuana und Cannabis mittlerweile legal online. Per Rezept und in Apothekerqualität. Seit Deutschland vor zwei Jahren die Cannabisgesetze liberalisierte, sind sogenannte „Online-Telemedizinplattformen“ wie Cannadoc24 und Weed.de zur bevorzugten Quelle für Käufer geworden, die sich offiziell als Patienten registrieren lassen.
Der Markt für „Bubatz“, wie Cannabis, Gras & Co. auf Jungdeutsch so schön heißt, ist eine der wenigen Branchen in Deutschland, die kontinuierlich boomt und wächst. Aus den neuen Online-Vertriebswegen ist mittlerweile eine Milliardenindustrie entstanden. Die Importe von medizinischem Cannabis stiegen von 32 Tonnen im Jahr 2023, dem letzten vor der Liberalisierung, auf geschätzte 192 Tonnen im Jahr 2025. Das ist mehr als das Fünffache! Der Umsatz kletterte laut dem Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen von fast 1 Milliarde Euro im Jahr 2024 auf rund 2 Milliarden Euro im Jahr 2025. Spezialisierte Online-Apotheken bieten ihren Kunden inzwischen ganze „Menüs“ an, die sich auch in Amsterdam locker sehen lassen könnten.
Das Modell „Social Club“ ist ein totaler Flop
Mit dem Cannabisgesetz (CanG), das zum 1. April 2024 in Kraft trat, wurde Cannabis für den Eigenkonsum teil-legalisiert und aus dem Betäubungsmittelrecht herausgelöst. Erwachsenen ab 18 Jahren ist seither der Besitz von bis zu 25 Gramm Cannabis im öffentlichen Raum und bis zu 50 Gramm in der eigenen Wohnung erlaubt. Zusätzlich dürfen Privatpersonen bis zu drei Cannabispflanzen pro Person in nicht einsehbaren Bereichen anbauen, sofern der Zugang für Minderjährige verhindert wird. Der gewerbliche Verkauf von Genusscannabis – also klassische Coffeeshops oder Fachgeschäfte – ist in Deutschland offiziell weiterhin verboten; erlaubt sind nur die Abgabe in sogenannten Social Clubs ohne Gewinnerzielungsabsicht und der Eigenanbau. Modellprojekte für staatlich kontrollierte Fachgeschäfte sind zwar politisch vorgesehen, sie starten aber frühestens schrittweise in ausgewählten Regionen und befinden sich rechtlich noch in der Ausgestaltung.

Medizinisches Cannabis ist beliebt.
Als Deutschland vor zwei Jahren den Cannabiskonsum „entkriminalisierte“, war das erklärte Ziel, den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Konsumenten dürfen seither das Kraut für den Eigengebrauch selbst anbauen oder Mitglied in Clubs werden, die das für ihre Mitglieder übernehmen. Ein Erfolgsmodell sind solche Vereine bisher kaum. Auch sollte es Modellversuche mit Cannabisverkaufsstellen geben. Allerdings hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bisher keinen dieser Modellversuche genehmigt. Trotz Dutzender Anträge. Das Modell ist also ein totaler Flop.
Online-Händler, Telemedizin und Apotheker machen großartige Geschäfte
Aber: Parallel dazu bleibt der Markt für medizinisches Cannabis bestehen: Ärztinnen und Ärzte können Cannabis bei entsprechender Indikation verschreiben, das dann über Apotheken, einschließlich Versand und Telemedizin-Anbietern, abgegeben wird.
Der medizinische Cannabis-Markt wurde bereits 2017 geöffnet und hat sich seitdem zu einem eigenständigen Segment entwickelt. In diesem Bereich werden Blüten und Extrakte auf Rezept verschrieben, mit einem etablierten Erstattungsrahmen durch die gesetzlichen Krankenkassen, die in vielen Fällen die Kosten übernehmen. 2024 lagen die Umsätze bei rund 420 bis knapp 490 Millionen Euro mit medizinischem Cannabis in Deutschland, getrieben von steigenden Patientenzahlen und erleichterten Verschreibungsregeln. Seit der Reform ist Cannabis nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft. Für Ärzte ist es nun viel einfacher, Cannabis zu verschreiben. Das war die Stunde von Telemedizin-Plattformen wie Weed.de, Bloomwell und DrAnsay. Wer hier ein Cannabis-Rezept besorgen will, braucht dafür oft nur einen kurzen Online-Fragebogen ausfüllen. Das war’s. Wer beispielsweise hier angibt, an Schlafstörungen zu leiden, hat normalerweise kein Problem mehr, an den Stoff zu kommen. Ob das alles stimmt, prüfen bei den Händlern gerne Ärzte irgendwo aus der EU, nicht selten aus Malta oder Kroatien. Sobald das Rezept ausgestellt ist, haben Patienten Zugang zu einem Online-Marktplatz, auf dem Hunderte von Apotheken Cannabisblüten ab etwas mehr als 3 Euro pro Gramm anbieten.
Dass etliche Konsumenten diesen Weg gehen, legen auch die Zahlen nahe. Cannabis auf Rezept boomt: Laut den Zahlen der Cannabis-Anbieter lag die Zahl der Verschreibungen im Dezember 2025 um 3.300 Prozent höher als noch im März 2024, dem letzten Monat vor der Liberalisierung. Die allermeisten davon sind aber Privatrezepte: Die Zahl der Cannabis-Rezepte, die die gesetzliche Krankenversicherung bezahlt, bei der in Deutschland 90 Prozent der Bevölkerung versichert sind, stieg im Jahr 2024 nur um neun Prozent. Allerdings dürfen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Cannabis grundsätzlich nur als letztes Mittel bei wenigen, besonders schweren Erkrankungen übernehmen. Wer Cannabis gegen leichtere Beschwerden anwenden will, wie Migräne oder Schlafstörungen, muss es deshalb in der Regel selbst bezahlen. Der Großteil des Konsums wird auch unter „Freizeitkonsum“ verbucht. Das zeigt auch, wie die Cannabis-Portale mit Preisen werben. Da die gesetzlichen Krankenkassen normalerweise die Kosten für Arztbesuche und Medikamente übernehmen, wissen Patienten in Deutschland in der Regel nicht, was eine Behandlung kostet. Auf den Online-Plattformen hingegen sind die Arztkosten prominent platziert. DrAnsay bietet Cannabis-Rezepte ab 14,20 Euro an. Im Januar warb CannaDoc24: Das erste Rezept sei kostenlos, jedes weitere nur mit 9,95 Euro.

Auf der Seite „Cannadoc“ kann man medizinisches Cannabis erwerben.
Rabattaktionen, Treuepunkte und Lieferung frei Haus – wie bei Amazon & Co.
Einige Plattformen gehen noch weiter. Mehrere boten an Halloween und Weihnachten Rabatte auf Cannabis an, einmal wurde gar Rapper Sido für das Marketing engagiert. Solche Angebote testen die rechtlichen Grenzen aus, denn an sich darf man verschreibungspflichtige Medikamente nicht bewerben.
Die Apothekenkammer Nordrhein ging gerichtlich gegen die Plattformen vor. Im Januar gewann sie vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung, die es der Online-Plattform Zazaxpress untersagt, Rezepte anzubieten, die ohne persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient ausgestellt werden. Zudem darf nicht mehr angeboten werden, Medizinalcannabis per Lieferando auszuliefern. Das ging nämlich eine Zeit lang ohne Probleme. Weed.de, DrAnsay und Bloomwell erklärten auf Anfrage von Bloomberg News, sie betrieben ihre Plattformen gesetzeskonform. Rezepte für medizinisches Cannabis seien nur nach einer individuellen ärztlichen Beurteilung erhältlich. Wo diese Ärzte in Europa beheimatet sind und ob sie die „Patienten“ wirklich persönlich in Augenschein nehmen, das bleibt dagegen weitgehend im Dunkeln. DrAnsay erklärte, die Plattform biete ihre Dienste nur mit Ärzten an, die in Deutschland registriert seien. Bloomwell und Weed.de gaben an, ihre Mediziner, die in der gesamten EU ansässig seien, handelten unabhängig und entsprechend ihren berufsrechtlichen Vorschriften. Die sind in Europa aber eben sehr unterschiedlich und damit gibt es viel Raum für großzügige Auslegungen.

Gesundheitsministerin Nina Warken
Der Boom wird der Politik langsam unangenehm
Der Boom ist der Politik mittlerweile auch nicht ganz verborgen geblieben. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) wittert „Missbrauch“ und hat im Herbst einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, der die Auswüchse stoppen soll. Käme er durch, dürften Ärzte Cannabis nicht mehr digital verschreiben, sondern nur noch, wenn sie die Patienten persönlich in ihrer Praxis sehen. Und Pharmazeuten dürften den Stoff nicht mehr versenden, sondern nur noch in der Apotheke selbst abgeben.
Die Cannabisindustrie ist alarmiert und betreibt kräftig Lobbyarbeit gegen die geplanten Regelungen. Die Reform schade vor allem Patienten, die auf solche Onlinedienste angewiesen seien, argumentieren die Verbände. Im schlimmsten Fall würden diese gezwungen, auf den Schwarzmarkt zurückzukehren, und die Cannabisindustrie würde um die Hälfte einbrechen. Dann wäre der kurze Boom einer speziellen Branche in der deutschen Wirtschaft schon wieder vorbei …
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