Der tiefe Fall des deutschen Traditionsunternehmens Varta
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Der tiefe Fall des Batterieherstellers Varta ist sinnbildlich für die katastrophale Wirtschaftslage in Deutschland. NIUS-Kolumnist Markus Brandstetter erklärt, wie ein katastrophales Management einen deutschen Traditionskonzern ruinierte.
Batterien von Varta kennt jeder. Das blau-gelbe Logo des schwäbischen Batterieherstellers ist eine der bekanntesten Marken in Deutschland. Varta gehört zu diesen unvergänglichen Ur-Marken wie Pattex, Uhu, Pril oder Lenor, die irgendwie immer schon da waren und einen durch das ganze Leben begleiten. Batterien von Varta finden sich in Spielzeugeisenbahnen, Körperwaagen, Küchenuhren, Hörgeräten, Heckenscheren, Radcomputern, E-Bikes und den AirPods von Apple. Kaum ein Mensch in Deutschland kommt ohne eine Batterie von Varta aus. Jeder von uns hat irgendwann schon einmal eine Varta-Batterie gekauft.
Und dieses Unternehmen steht jetzt ganz knapp vor einer Insolvenz. Das heißt: Varta will mit einer komplexen Restrukturierung und dem Rückzug von der Börse einer Insolvenz entgehen. Ob das aber funktioniert, steht in den Sternen. Klar ist allerdings schon eines: Alle Varta-Aktionäre, und darunter sind viele Kleinaktionäre und Mitarbeiter des Unternehmens, werden in einem Restrukturierungsprozess entschädigungslos enteignet. Die Aktien werden eingezogen und für wertlos erklärt.
Vier Fragen sind jetzt zu stellen: Was ist passiert? Wie konnte es dazu kommen? Wer ist schuld? Und wie geht es weiter?
Die Krise begann in den Corona-Jahren
Also: Was ist passiert? Auf der Oberfläche ist das, was bei Varta passiert ist, ziemlich einfach: Gerät ein Unternehmen in eine Schieflage, dann zeigt sich das immer in Problemen bei der Liquidität. Das Unternehmen kann fällige Rechnungen nicht mehr fristgerecht bezahlen und seinen laufenden Zahlungsverpflichtungen (Mieten, Leasinggebühren, Abgaben, Steuern, Löhne und Gehälter inkl. Sozialabgaben) nicht mehr nachkommen. Dafür sind in der Regel zwei Gründe verantwortlich: Einnahmen und Gewinne des Unternehmens gehen zurück, während Ausgaben und Fixkosten weitgehend gleich bleiben. Das Unternehmen gibt also zunehmend mehr aus, als es einnimmt. Die jetzt entstehende Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben wird anfangs mit Bankkrediten, insbesondere teuren Kontokorrenten, ausgeglichen, aber irgendwann sind auch die größten Kreditlinien erschöpft und selbst die verlässlichsten Banken werden nervös.

Varta-Batterien – der Klassiker in jedem deutschen Haushalt.
Kommt in so einer Situation von Eigentümern (oder Aktionären) kein frisches Eigenkapital mehr und gewähren Banken keine neuen Kredite oder kündigen bestehende Kreditlinien gleich ganz (keine Seltenheit), dann droht das Unternehmen zahlungsunfähig zu werden. Worauf gemäß Insolvenzordnung (wegen § 17 Zahlungsunfähigkeit oder § 18 Drohende Zahlungsunfähigkeit) binnen drei Wochen Insolvenz anzumelden ist. Im Großen und Ganzen ist das auch das Drehbuch der Krise bei Varta.
Dabei sah jahrelang alles so schön aus. Von 2016 bis zum dritten Quartal 2023 (neuere Zahlen gibt es nicht) hat das Unternehmen den Umsatz vervierfacht, das operative Ergebnis verzwölffacht und die Anzahl der Mitarbeiter (von 2000 auf 4500) mehr als verdoppelt.

Die Krise begann in den Corona-Jahren 2021 und 2022, als die Fremdkapitalquote schlagartig von knappen 60 Prozent auf über 80 Prozent stieg. Sowas ist ein ganz schlechtes Zeichen, denn Fremdkapital heißt immer: Das Geld kommt entweder von Banken oder bei Großunternehmen wie Varta auch von Versicherungen und Investmentfonds in Form von Schuldscheindarlehen. Und dafür sind Zinsen zu bezahlen. Im Falle VARTAs waren die hoch, weil die gesamten Schulden des Unternehmens bereits 2022 bei massiven 1,26 Mrd. Euro lagen, wovon allein die kurzfristigen – und teuersten – Bankverbindlichkeiten 823 Mio. Euro ausmachten. Nehmen wir jetzt noch die Zinserhöhungen der EZB in den Jahren 2022 und 2023 (von null Prozent auf 4,5 Prozent) dazu, von denen Vorstand und Management offensichtlich kalt erwischt wurden, dann ist klar, warum plötzlich anwachsende Zinszahlungen (ohne Tilgung, versteht sich) von 7,5 Mio. Euro im Jahr 2022 auf 31,75 Mio. Euro im Jahr 2023 den Konzern in eine existenzielle Krise stürzen mussten.
Kommen wir jetzt zur zweiten Frage: Wie konnte es dazu kommen?
Der Weg in ein veritables Desaster
Hat ein Unternehmen binnen kurzer Zeit so hohe Schulden aufgebaut, stellt sich natürlich die Frage: Was wurde denn damit eigentlich finanziert? Verluste können es nicht gewesen sein, weil Varta bis 2021 ja gut Geld verdient hat, noch 2021 lag der Vorsteuergewinn bei 109 Millionen Euro. Was also hat die Schulden von 65 Millionen Euro zum Jahresende 2021 auf 1,3 Milliarden Euro Ende 2022 und schließlich 1,14 Milliarden Euro im September 2023 anwachsen lassen?
Die Antwort: Der Konzern hat in dieser Zeit in Summe 830 Millionen Euro in Ausbau und Modernisierung seiner Produktionsanlagen investiert, wobei der Schwerpunkt bei den Lithium-Ionen-Batterien lag, die in der Unterhaltungselektronik, aber auch bei Energiespeichern in Privat- und Gewerbebauten zum Einsatz kommen. Natürlich: Varta ist ein Hightech-Konzern, der in moderne Technologien investieren muss – aber nicht mit kurzfristigem Fremdkapital.
Die Vorstände des Varta-Konzerns haben eine der ältesten Regeln der Unternehmensfinanzierung missachtet, die da lautet: Langfristige Investitionen in das Anlagevermögen sind mit Eigenkapital oder langfristigen Krediten zu finanzieren. Aber nicht mit Schuldscheindarlehen, deren variabler Zins ein halbes Prozent über der Kapitalmarktrendite liegt und zwischen 2020 und 2023 von minus 0,51 Prozent auf 2,43 Prozent kletterte. Oder gar mit jährlich umzuschlagenden Kontokorrentlinien, wo der Zins auch bei einem Großkonzern zwischen fünf und sechs Prozent liegt. Die Varta-Vorstände, möglicherweise aber auch die beteiligten Konsortialbanken, haben 2020 und 2021 offenbar angenommen, die Nullzinspolitik der EZB werde immer anhalten und Kredite dauerhaft billig bleiben. Das war der erste große Fehler, der Varta an den Rand des Abgrunds gebracht hat.

Der zweite war der, dass man mit dem Kunden Apple alles auf eine Karte gesetzt hat. Varta fertigte jahrelang exklusiv die Knopfzellen für die Airpod-Ohrhörer von Apple und ist offenbar davon ausgegangen, dass das immer so bleiben würde. Und dann hat Apple sich einen Zweitlieferanten in Asien gesucht und bei Varta waren die gerade vergrößerten Produktionskapazitäten plötzlich nur noch zur Hälfte ausgelastet und die Preise am Sinken.
Weiß man jetzt noch, dass Varta mit seinen umsatzstärksten Segmenten Consumer Batteries und den Hörgerätebatterien wenig Geld verdient, mit den Lithium-Ionen-Knopfbatterien massiv Geld verliert und die Heimspeicherlösungen die Erwartungen enttäuscht haben – dann haben wir den richtigen Mix für ein veritables Desaster. Dann ist klar, dass der Konzern bei (leicht) sinkendem Umsatz und steigenden Kosten die enorme Schuldenlast nicht dauerhaft tragen kann.
Kommen wir nun zur dritten Frage – zur Schuldfrage.
Sie hätten nicht alles auf den Kunden Apple setzen sollen
Die Frage, wer an einer Pleite oder wenigstens der Fast-Pleite eines Unternehmen schuld ist, wird in der deutschen Wirtschaftspresse kaum gestellt, weil sie harte und unangenehme Antworten erforderte. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Bei einer börsennotierten AG wie Varta sind die Schuldigen grundsätzlich die Vorstände, weil sie auf höchster Ebene die Geschäfte des Unternehmens steuern und verantworten. Bei börsennotierten Großunternehmen ist aber immer auch der Aufsichtsrat in der Verantwortung, denn ihm obliegt es, die Geschäfte und insbesondere die Jahresabschlüsse des Unternehmens, die auch einen Lagebericht mit Risikoabschätzung enthalten (müssen), auf Richtigkeit und Plausibilität zu überprüfen und gegebenenfalls gegenzusteuern. Das dürfte bei Varta so nicht geschehen sein.
Aber die Hauptschuldigen bleiben die Vorstände. Sie hätten in einem Segment nicht alles auf den Kunden Apple setzen und nicht allein für den die Kapazitäten teuer ausweiten sollen. Und all das hätten sie nie und nimmer mit kurzfristigen Krediten finanzieren dürfen, die mittelbar am Leitzins der EZB hängen.
Schuld sind aber auch, und das muß einmal klar gesagt werden, all jene Politiker, die sich andauernd in die Wirtschaft einmischen und dabei gerne ökologisch-grüne Zielvorgaben ausrufen wie etwa CDU-Mann Peter Altmaier, der 2020 Varta eine Zusage über 300 Millionen Euro an EU-Fördermitteln persönlich überbrachte. Mittel, von denen VARTA inzwischen 137 Millionen Euro abgerufen hat. Das sind Steuergelder, die als verloren anzusehen sind.
Letzte Frage:
Und wie geht es weiter?
Im Moment ist die Lage bei Varta denkbar schlecht: Das Unternehmen ist aus dem SDAX geflogen und die Aktie, die genau vor drei Jahren noch bei 165 Euro rangierte, wird im Moment bei knapp über zwei Euro gehandelt.

Ein neuer CEO will das Unternehmen nun im Rahmen des Stabilisierungs- und Restrukturierungsgesetzes (StaRUG) sanieren. Das StaRUG ist ein neues (2021) und hierzulande noch kaum erprobtes Verfahren, das Unternehmen und Gläubigern die Chance geben soll, eine einvernehmliche Lösung zur Überwindung der Schwierigkeiten zu finden. Dazu sollen die Gläubiger (Banken, Versicherungsunternehmen Investmentfonds) dem Unternehmer einen Teil der Schulden erlassen, aber nur, wenn das Kapital auf null gesetzt wird, was bedeutet: Sämtliche Aktien werden wertlos und VARTA von der Börse genommen. Das StaRUG-Verfahren setzt die vage Hoffnung auf Sanierung über die verbrieften Rechte von Aktionären, die dadurch enteignet werden, was an und für sich schon einen Skandal darstellt.
Selbst wenn es Gläubigern, Banken und Investoren, die Rede ist auch von Porsche, gelingen sollte, frisches Eigenkapital einzuschießen oder neue Kreditlinien zu eröffnen, ist die Zukunft des schwer angeschlagenen Konzerns keineswegs gesichert. Das liegt auch an der schlechten Kommunikation der Varta AG: Die letzten Zahlen stammen aus dem November 2023, der Jahresabschluss 2023 ist seit Monaten überfällig. Das weckt schlimme Erinnerungen an Wirecard und den Möbelkonzern Steinhoff, zwei frühere Börsenstars, die monatelang ebenfalls keine Zahlen mehr veröffentlichten. Bis zum dicken Ende.
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Markus Brandstetter
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