Manager-Legende Kurt Lauk zum Verbrenner-Aus: „Europa wird aus ideologischen Gründen enormer Schaden zugefügt!“
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Stellen wir uns vor, ein Zeithistoriker beschäftigt sich in 20 Jahren mit der Frage, wie es ab den 2010er Jahren zu einem dramatischen Bedeutungsverlust der Europäischen Union im Konzert der globalen Mächte kommen konnte. Meine These ist: Er wird an einem Datum nicht vorbeikommen: dem 14. Februar 2023.
An diesem Tag gab es im Europäischen Parlament eine folgenreiche Abstimmung: Mit 340 Ja-Stimmen gegen 279 Nein-Stimmen (bei 21 Enthaltungen) votierten die Abgeordneten in Straßburg dafür, dass ab dem Jahr 2035 auf unserem Kontinent kein neues Auto mit Benzin- oder Dieselmotor mehr zugelassen werden darf.

Volkswagen hat den Standort in Zwickau mit rund 9000 Beschäftigten für 1,2 Milliarden Euro zur reinen Fabrik für Elektrofahrzeuge umgebaut.
Die dümmste Entscheidung, die je getroffen wurde
Ich habe es immer und immer wieder gesagt, auch hier bei NIUS, und ich bleibe dabei: Dieses Verbot ist die dümmste Entscheidung, die das EU-Parlament je getroffen hat. Verantwortlich dafür sind nicht allein die Parlamentarier, sondern zuvorderst die EU-Kommission. Sie hat das entsprechende Gesetz eingebracht. Und sie hat dabei mit falschen Daten, falschen Prämissen und falschen Schlussfolgerungen gearbeitet.
Hat sie dies wissentlich getan? Wenn man sich die voran gegangenen Diskussionen um das Verbrenner-Aus vor Augen führt, muss man zu dieser Schlussfolgerung kommen. Denn die Vor- und Nachteile des E-Antriebs lagen auf dem Tisch und waren allen Verantwortlichen bekannt.
Aber erst jetzt scheint der EU-Kommission ein Licht aufzugehen. Laut Medienberichten will man in Brüssel die CO2-Emissionen eines Autos nun doch nicht mehr allein „am Auspuff“ messen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette bei der Produktion in die Berechnungen einfließen lassen. Endlich eine verspätete Kehrtwende!
Zu dieser Wertschöpfungskette gehören bei E-Autos die Gewinnung seltener Erden, insbesondere Lithium, Nickel etc. in neuen Bergwerken und im Erdreich. All dies sind überaus umweltschädliche Tätigkeiten. Sie sind aber notwendig, um leistungsstarke Batterien herstellen zu können. Und sie sind der Grund dafür, dass ein moderner Dieselmotor gegenüber einem batteriebetriebenen Auto bis zu einer Laufleistung von rund 80.000 Kilometer klimapolitisch im Vorteil ist. Aber damit nicht genug. Zusätzlich wird für den laufenden Betrieb der E-Fahrzeuge sehr viel Strom mit Kohlekraftwerken produziert, damit wird der CO2-Effekt der E-Fahrzeuge konterkariert.

Testanlage der Controlled Thermal Resources Ltd. am Imperial Valley, Kalifornien. Aus dem abgepumpten Grundwasser wird Lithium für Batterien gewonnen, die in Elektrofahrzeugen verwendet werden.
Der Gewinner heißt: China
All diese Fakten haben EU-Kommissare, EU-Parlamentarier und auch deutsche Bundesregierungen jahrelang von Experten gehört – und einfach beiseite geschoben. In einem anderen Land hat man sich über diese Ignoranz gleichermaßen gewundert und gefreut: in China. Denn das beschlossene Verbrennerverbot in der EU öffnet die Türen für die vermeintlich umweltfreundliche Batteriezelle, den ich den „chinesischen Antrieb“ nenne. Das „Reich der Mitte“ ist uns Europäern hier hoffnungslos überlegen.
Ein paar Fakten: China hat bei den für den E-Antrieb benötigten Batterien einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Alle links-grünen Träumer, die unsere Volkswirtschaft und damit auch unsere E-Autos in Zukunft vor allem mit Wind- und Solarenergie betreiben wollen, sollten eine zweite Zahl zur Kenntnis nehmen: Bei Windradantrieben hat China einen Weltmarktanteil von 60 Prozent, in der Photovoltaik von mehr als 80 Prozent!

Neue Energie in der chinesischen Landschaft – Windkraft und Photovoltaik im Dorf Haidi, Stadt Lianyungang, Provinz Jiangsu, China.
Mit anderen Worten: Der „Green Deal“ von EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen ist ein Geschenk an chinesische Automobilhersteller. Er fördert vor allem den Technologievorsprung Chinas gegenüber Europa.
Hinzu kommt ein weiteres Problem, vor dem die Bürokraten in Brüssel ganz offenbar die Augen verschlossen haben: Europäische Hersteller sind schlichtweg nicht in der Lage, batteriebetriebene Fahrzeuge mit einer angemessenen Reichweite zu einem Preis herzustellen, den eine Durchschnittsfamilie bezahlen kann. Chinesische Hersteller können das immer besser. Denn sie haben den direkten Zugriff auf die nötigen Rohstoffe. Zusätzlich verfügen sie über Tausende Ingenieure in Forschung und Entwicklung, die in der Entwicklung der Batterietechnik hervorragend ausgebildet sind.
Fatale Folgen und erste Vorboten des Wohlstandsverlusts
Im Ergebnis haben sie schon heute im eigenen Land bei E-Autos im Preissegment unter 66.000 Euro einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent. Die damit entstandenen Größenvorteile in der Produktion werden sie nutzen, um ihre E-Fahrzeuge im großen Stil auf den europäischen Markt zu bringen. Die Angriffswelle gegen VW, Renault & Co läuft bereits. Kann uns das kaltlassen? Natürlich nicht! Die Entlassungen bei den großen Zulieferern Bosch, Continental und Schaeffler sind erste Vorboten dieser fatalen Entwicklung. Selbst wenn es uns gelingt, ausreichend eigene Fabriken zur Produktion von Batteriezellen in Europa aufzubauen – die Chinesen werden uns in dieser Technologie preislich permanent unterbieten können. Sie haben bei Weitem größere Skaleneffekte.

BYD Dolphin E-Auto aus China, ausgestellt auf der VOLT Messe in Augsburg am 2. Februar 2024.
Was also tun?
Die Wahrheit ist: Es gibt nach dem fatalen Verbot der EU kein vollständiges Zurück mehr zum modernen, hocheffizienten und sauberen Diesel. Allerdings kann und muss das Verbrennerverbot um viele Jahre nach hinten geschoben werden. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Der CEO von Bosch, Stefan Hartung, hat kürzlich gesagt: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass innerhalb der nächsten 16 Jahre eine vollständige Umstellung auf den E-Antrieb möglich ist.
Alle seriösen Branchenexperten sagen hinter vorgehaltener Hand: Wenn wir in der EU in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts, also zwischen 2035 und 2040, einen Anteil bei E-Autos von 50 Prozent haben, dann sind wir richtig gut. Meine Prognose ist: Wir werden mindestens 30 Jahre brauchen, um unsere Neuwagen voll auf Elektro umzustellen.
Die EU muss die Übergangszeit hin zum E-Antrieb entsprechend ausdehnen – und den Herstellern und Zulieferern in dieser Phase maximale Flexibilität bei der Technologie ermöglichen und Wettbewerb zwischen allen Technologien zulassen.
Ferner müssen wir auch über die EU hinausschauen. Die meisten Länder im Mittleren Osten, in Afrika, in Lateinamerika und in Asien werden auch auf Sicht von Jahrzehnten nicht die nötige Infrastruktur haben, um flächendeckend E-Autos mit Strom versorgen zu können. Das heißt: Hier wird es dauerhaft eine große Nachfrage nach Autos mit Hybridmotoren geben – also einem Mix aus Batterieantrieb und Verbrenner. Wollen wir chinesischen Herstellern auch diese Märkte überlassen? Sie stehen bereits in den Startlöchern, um diese Nachfrage zu bedienen, indem sie in der EU nun Zulieferer günstig aufkaufen, die auf moderne Dieseltechnologie spezialisiert sind. Der Einstieg in diese Unternehmen ist aufgrund des Verbrenner-Verbots vergleichsweise günstig geworden.
Das Verbrennerverbot ab 2035 muss gestoppt werden!
Das Segment der Hybridantriebe wächst in China derzeit rasant. Sie werden diese Technologie weltweit durchsetzen wollen und bereiten damit die nächste Welle der Markteroberung vor. Europäische Hersteller laufen Gefahr, dann auch in den Ländern wie Asien, Afrika, Lateinamerika etc. nicht mehr zum Zuge zu kommen: wieso sollen diese Länder Produkte von uns kaufen, die wir im eigenen Land verboten haben? Die EU-Kommission hat aus ideologischen Gründen Europa einen langfristigen enormen Schaden zugefügt. Diese Entwicklung ist nichts anderes als ein Skandal, den die Bürokraten in Brüssel zu verantworten haben! Niemand, der daran mitgewirkt hat, sollte wiedergewählt werden.
Wir dürfen dem nicht länger tatenlos zusehen! Das Verbrennerverbot ab 2035 muss jetzt gestoppt werden. Wir müssen endlich zurückkehren zu einer Politik der Technologieoffenheit, die auf marktwirtschaftlichen Prinzipien basiert. Jeder weitere Monat, den die Politik nicht handelt, wird Wohlstand und Arbeitsplätze kosten, den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden und unsere Abhängigkeit von China und anderen Diktaturen erhöhen.
Prof. Dr. Kurt J. Lauk war Vorstandsmitglied in mehreren Energieunternehmen, unter anderem bei der VEBA (heute E.ON). Er war Vorstandsmitglied bei Daimler und bei Audi.
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