Deutsche Marine: Vom „Platz an der Sonne“ in den Schatten Trumps
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Chris BeckerZwischen Ostsee, NATO-Verpflichtungen und möglichen Einsätzen im Nahen Osten zeigt sich: Deutschlands Seestreitkräfte müssen sich neu erfinden – und stoßen dabei an strukturelle und politische Grenzen. Viele der Probleme, an denen die deutschen Seestreitkräfte zu kauen haben, sind hausgemacht. Quo vadis, deutsche Marine?
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs versuchte sich die Kriegsmarine gewissermaßen mit einer Umkehrung dieser Logik. Die Wehrmacht sollte den Kontinent und seine Ressourcen kontrollieren und durch deren Ausbeutung belagerungsfest machen. Unterseeboote sollten die britischen Inseln von der Versorgung aus Übersee abschneiden und so London in einem zähen Prozess zur Anerkennung der deutschen Hegemonie zwingen.
Mit Gründung der Bundesmarine im Kalten Krieg waren derart globale Ambitionen passé. Nun sicherten die Amerikaner, der neue große Bruder in Washington, die Seewege. Internationale Verrechtlichung und Freihandel ermöglichten der deutschen Industrie den Zugang zu Ressourcen und Märkten, insbesondere in der neuen Europäischen (Wirtschafts-)Gemeinschaft, und die Marine konnte sich auf den Nahbereich konzentrieren: die Ostsee. Dort würde sie vorrangig gegen die Volksmarine der DDR kämpfen, Warschauer-Pakt-Truppen von der Landung an den Küsten abhalten, Minen räumen und legen. Die DDR-Marine verfolgte in etwa dieselbe Doktrin, gespiegelt natürlich. Übrigens kam diese bis 1990 ganz ohne eine Sektsteuer aus, wollte aber – auch eine wahre Anekdote – einmal das ZDF-Traumschiff kaufen, um darauf Waffen nach Afrika zu schmuggeln.

Der Kreuzer „Stuttgart“ der Kaiserlichen Marine (1918)
In der Berliner Republik hätte es das gewesen sein können: Schaulaufen bei der Kieler Woche, hin und wieder ein Skandal um die Gorch Fock vielleicht. Dann trat im Jahr 2010 Bundespräsident Horst Köhler zurück, nachdem er für folgende Worte heftig kritisiert wurde: „Meine Einschätzung ist aber, (...) dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.“
Solche Sätze klingen heute selbstverständlich.

Die „Gorch Fock“ in Stralsund
Von seichten Gewässern zur stürmischen See
Für die Bundesmarine begann mit den Jahren nach 2010 aber ein brutales Hin und Her, ein marterndes Pendel zwischen völlig verschiedenen Anforderungen. Das kann, bei aller berechtigten Kritik an der Ödnis der Bundeswehr- und Rüstungsbürokratie, keine Seestreitmacht bewältigen. Insbesondere bei der Marine gelten völlig andere Rüstungszyklen: Beschaffungen sind teuer, Bauzeiten sind lang, einmal getroffene Entscheidungen müssen sich über Dekaden bewähren. Selbst ruhmreiche Werften spucken Fregatten nicht gerade im Minutentakt aus, und wer ein Schiff konstruiert, orientiert sich dabei an einem bestimmten Szenario.
Bis zum Jahre 2022 war die gängigste Einsatzart die der Operation im multinationalen Verband. Bei Missionen wie UNIFIL vor der libanesischen Küste, die bald zu Ende geht, oder auch bei humanitären oder Anti-Piraterie-Einsätzen reichte eine geringe Bewaffnung aus. Kriegsschiffe dienten eher als schwimmendes Kommando- und Lagezentrum, dienten als Basis für Beobachtung oder – das Höchste der Gefühle – Boarding-Teams, die von Piraten in Geiselhaft genommene Handelsmatrosen befreiten. Die Aussetzung der Wehrpflicht traf insbesondere die deutsche Marine hart, da das Seefahrertum naturgemäß keine berauschende Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht. Auf die selten dämliche Anwendung der EU-Arbeitszeitrichtlinie für Kriegsschiffe (!) versuchte die Marine, mit Personalrotationen ganzer Crews zu reagieren. Inmitten von wucherndem Bürokratismus und ständig knappen Mitteln – bei Auslandseinsätzen und Wehrhaushalt lag der Fokus konsequent woanders – hatten sich die deutschen Seefahrer die Situation einigermaßen machbar zurechtgelegt.
Dann kam der Ukraine-Krieg.

Die Fregatte „Sachsen-Anhalt“ nahm an der UNIFIL-Mission teil.
Mit dem Ukraine-Krieg muss sich die Marine völlig neu erfinden
Kommando zurück! Belege den Befehl! Politiker achteraus! Mit dem erneuten Fokus auf die NATO-Ostflanke muss die Marine und die Marinerüstung sich innerhalb weniger Jahre völlig neu erfinden. Wieder gilt es, die Ostsee gegen die Russen zu schützen. Die alte Doktrin aus den 1980ern aus der Schublade zu nehmen, reicht dabei nicht. Drohnen, Unterseekabel und Pipelines, Minen, elektronische Kampfführung („Cyberangriffe“) und hybride Maßnahmen haben auch aus Marine-Sicht eine völlig neue Bedeutung erklommen, alles ist viel moderner, schneller geworden. Trotzdem bleibt das Meer mit all seinen Anforderungen an Schiffe und Besatzung dasselbe. Selbst wenn die Marine ihr überambitioniertes „Zielbild 2030“ erreichen sollte, und sie wird es absehbar nicht: Für den Spagat, den sie schon auf der strategischen Ebene leisten soll, ist sie hinten und vorne nicht ausgerüstet, und ganz einfach viel zu klein.
Im Frühjahr 2026 treffen die deutschen Seestreitkräfte nun auf die aktuelle Situation. Der von US-Präsident Trump leichtfertig begonnene Iran-Krieg, von vielen in Deutschland anfänglich und missverständlich als mit Gewissheit eingeleiteter Regime-Change gegen die Mullahs beklatscht, kommt nun bei den deutschen Matrosen an. Über ihnen und ihren Admiralen schwebt nun eine Art Pseudo-Bündnisfall wie ein Damoklesschwert. Es ist gut möglich, dass der US-Präsident seine europäischen Partner zwingen will, die Folgen der Auseinandersetzung mit dem Iran mitzutragen. Konkret heißt das, die Suppe auszulöffeln und sich mit militärischen Einheiten an der Sicherung der Hormuzstraße zu beteiligen. Mit dem strategischen Nuklear- und konventionellen Militärschutzschirm, den die USA über Europa aufgespannt haben, hat Trump in einer besonders heiklen Phase des Ukraine-Krieges einen gewaltigen Hebel, die europäische Gefolgschaft zu erpressen.
Segeln im Windschatten Trumps
Dazu gesellen sich die nackten Tatsachen: Zwar war dieser Iran-Krieg eindeutig nicht im deutschen Interesse, freie Seewege sind es allerdings durchaus. Die iranischen Vergeltungsschläge gegen die Golfstaaten bringen zudem verheerende Instabilität mit sich. Zudem zeichnet sich ab, dass Verbündete – wie beispielsweise Frankreich – sich wenigstens an der Luftverteidigung der Scheichs und Emirs beteiligen wollen. Dass es tatsächlich zu einer ernsthaften deutschen Beteiligung kommen wird, ist zwar eher unwahrscheinlich. Boris Pistorius schloss eine solche Beteiligung am heutigen Mittag noch einmal wortwörtlich aus. Das dürfte aber weniger an den langen Planungs- und Verlegezeiten der Marine liegen, auch nicht an rein politischen Bedenken, sondern mehr daran, dass Deutschland gar nicht über geeignete Mittel verfügt, die es in die Region senden könnte. Auf die Art der Kriegsführung im persischen Golf sind die Marineschiffe schlichtweg nicht eingestellt, ihnen fehlt es an Technik, Waffen und Munition. Und doch unterstreicht es die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein einer einstigen Seemacht. Einst wollte sie einen Platz an der Sonne sichern, nun agiert sie im Schatten Trumps.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei der Pressekonferenz am Montagmittag in Berlin.
Viele der Probleme, an denen die deutschen Seestreitkräfte zu kauen haben, sind hausgemacht. Die Marine muss ganz einfach größer werden, wenn sie unabhängig von den USA die Ostsee oder weltweite Handelswege – neunzig Prozent der deutschen Waren werden über das Wasser exportiert – schützen will. Sie braucht Schiffe für jede Art des Einsatzes, sodass sie sich flexibler an Szenarien anpassen kann. Und sie braucht junge Männer, die Freude an der Seefahrt sowie finanzielle Vorteile von selbiger haben.
Das Abendland verliert sich in seinen Auflösungserscheinungen
Die ungute Praxis, dass Marinerüstungsaufträge durch mächtige Bundestagsabgeordnete nach der Logik der Arbeitsplatzsicherung im heimischen Wahlkreis vergeben werden, nicht etwa zwingend nach der militärischen Bedarfsplanung, ist ein spezifisch deutscher Hemmschuh. Langfristig muss sie durch ein Machtwort des Verteidigungsministers gebrochen werden. Kurzfristig hilft nur ein Ankurbeln sämtlicher Werften in vielen Wahlkreisen, um bei der maritimen Souveränität Deutschlands einen Schritt weiterzukommen.
Doch nicht alle der Einschränkungen, die die Deutschen plagen, sind spezifische nationale Probleme. Großbritannien beispielsweise – das Land, dessen Flottengröße der Kaiser einst erreichen wollte – ringt mit ähnlichen Schwierigkeiten. So vermeldete die Admiralität kürzlich, dass Schiffe nicht einsatzbereit seien, weil in den Werften nicht mehr am Wochenende, sondern nur noch „nine to five“ gearbeitet würde. Eine Admiralität übrigens, die inzwischen über mehr Admirale als Schiffe verfügt. Bürokratie, Umweltauflagen, ein Überbau an Führungskräften ohne soldatischen Unterbau, geopolitischer Analphabetismus in der politischen Elite und die ziel- und folgenlose Verschwendung von Finanzmitteln: Das Abendland verliert sich in seinen eigenen Auflösungserscheinungen. Es ist viel verlangt, für die Bewahrung von Selbstverleugnung, Trägheit und Blindheit die Gefahren der Seefahrt auf sich zu nehmen.
Und, wo ist sie nun, die kaiserliche Flotte? Versenkt wurde sie, die von damals, allerdings nicht von den Versailler Siegermächten, sondern von der Kriegsmarine selbst. Admiral Ludwig von Reuter gab 1919 den Befehl dazu, damit die schönen Schiffe nicht dem Feind in die Hände fielen. Für diese Rettung der nationalen Ehre wurde ihm später eine hohe Auszeichnung verliehen. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Millionen öffentlicher Gelder buchstäblich in den Sand gesetzt wurden. Es war jedoch das erste Mal, dass ein Verantwortlicher dafür geehrt wurde.
Vielleicht sollten wir diese Marine-Tradition einmal überdenken. Andererseits könnte das Angedenken Reuters auch die Goldrandlösung für Merz, Pistorius und Wadephul sein. Liegt die Flotte erst einmal auf dem Meeresgrund, kann Trump fordern, was er will.
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Chris Becker
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