Debatte um Mehrarbeit: Warum die Forderung von Friedrich Merz nach längeren Arbeitszeiten sinnlos ist
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Kanzler Friedrich Merz (CDU) wird dieser Tage nicht müde, bei jeder Gelegenheit anzumahnen, dass die Deutschen mehr arbeiten müssten. Selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos analysierte Merz: „Wir sehen vor allem eine große Hürde, und das ist die Produktivität“, sagte Merz und verwies dabei auf die Arbeitszeit: „Die Deutschen sind es gewohnt, 200 Stunden weniger zu arbeiten als unsere Schweizer Kollegen.“
Bemerkenswert ist daran nicht allein der politische Stil. Es gehört für gewöhnlich nicht zur Jobbeschreibung eines Regierungschefs, im Ausland oder gar noch auf internationaler Bühne das eigene Land schlechtzureden. Merz mag das als schonungslose Ehrlichkeit rechtfertigen. Sei’s drum.
Produktivität hängt nicht von längerer Arbeitszeit ab
Bemerkenswert ist der Vorgang auch, weil er zumindest in dieser Form ökonomischer Unsinn ist: Die „Produktivität“ beschreibt die Effizienz der Arbeit, indem sie das Verhältnis zwischen dem Produktionsergebnis (Output, z. B. hergestellte Waren) und dem Arbeitseinsatz (Input, zum Beispiel Arbeitsstunden oder Anzahl der Beschäftigten) in einer bestimmten Periode darstellt. Mit anderen Worten: Die Produktivität ist der Quotient aus Ertrag der Arbeit und dem Aufwand an Arbeit, der darin steckt.

Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos.
Wenn man also ineffizient arbeitet, ändert sich die Produktivität nicht, wenn man länger arbeitet. Man stellt dann auf ineffiziente Weise mehr Güter oder Dienstleistungen her, erhöht aber nicht die Produktivität. Um das zu erreichen, müsste man zum Beispiel schneller arbeiten, in der gleichen Zeit also mehr produzieren oder mit weniger Personal den gleichen Output schaffen und insgesamt in der gleichen Zeit mehr Wertschöpfung liefern. Irland beispielsweise ist mit rund 149 US-Dollar pro geleisteter Arbeitsstunde Primus in Produktivität, was vor allem damit zu tun hat, dass viele international operierende Tech-Plattformen dort ihren Europasitz haben und mit wenig Personal viel Umsatz generieren.
Regierung setzt keine Anreize für längere Arbeit
Auch wenn wir zu Gunsten von Friedrich Merz annehmen, dass er sich in Davos nur unpräzise ausgedrückt hat, bleibt die „Roadshow“ für mehr Fleiß und längere Arbeitszeiten der Deutschen aber dennoch weitgehend sinnfrei, weil der Kanzler es selbst in der Hand hätte, am Arbeitsstunden-Rückstand etwas zu ändern. Das tut er aber nicht. Eher im Gegenteil. Beim Arbeitszeitgesetz möchte die Union zwar die Acht-Stunden-Tages-Grenze streichen, will an den vierzig Stunden Arbeit pro Woche aber nichts ändern. Am Abstand zur Schweiz wird sich zumindest hier nichts ändern.
Auch sonst setzt die Koalition des Kanzlers eher gegenteilige Akzente. Beim geplanten Tariftreuegesetz werden Firmen, die nicht an Tarifverträge gebunden sind, verpflichtet, ihren Mitarbeitern die reduzierten Arbeitszeiten und andere Tarif-Regelungen zu gewähren, wenn sie öffentliche Aufträge bekommen wollen. Die Frühverrentung mit 63 schafft die Koalition ebenfalls nicht ab, will allenfalls Anreize für die Weiterarbeit nach dem Renteneintritt setzen, und Steuerfreiheit für Überstundenzuschläge betrifft auch nur sehr wenige Arbeitnehmer in Tarifverträgen und erlässt die Besteuerung auch nur für die „Zuschläge“, nicht für den Stundenlohn der Überstunde.
Arbeitszeitdiskussion ignoriert gesellschaftliche Faktoren
Überhaupt wäre der größte Anreiz für Mehrarbeit die finanzielle Lukrativität. Wo zusätzlicher Arbeitseinsatz aber umgehend durch steigende Abzüge beim Lohn wieder dahinschmilzt, lohnt sich eher Schwarz- als offizielle Erwerbsarbeit. Die Deutschen sind nicht faul, aber sie sind eben auch nicht blöd.
Ob die Fleißpredigten des Kanzlers in den aktuellen Wahlkämpfen helfen, wird sich zeigen. Erfahrungsgemäß fühlen sich die wenigsten Beschäftigten durch solche verallgemeinernden Beschimpfungen angesprochen und machen eher die Rechnung zwischen sich und Empfängern von Sozialtransfers auf. Hintergrund dafür, dass Deutschland bei den Arbeitsstunden eher im Mittelfeld rangiert, ist auch die relativ hohe Teilzeitquote unter anderem von Frauen. Reflexartig wird dagegen die Streichung des Ehegattensplittings gefordert. Die gesellschaftlichen Folgen und Mehrkosten, wenn etwa Kinder erziehende oder Angehörige pflegende Frauen voll ins Berufsleben einsteigen würden, werden bei diesem alten feministischen Ansatz allerdings nicht gesehen.
„Wir sollen mehr arbeiten? Welche Arbeit?“
Wahlkämpfer in Baden-Württemberg quittierten dieser Tage die Philippika des Kanzlers offen mit Spott. „Wir sollen mehr arbeiten? Welche Arbeit?“, sagt ein führendes Mitglied der Mittelstandsunion zu NIUS. Allein in der Metallbranche gingen im vergangenen Jahr 70.000 Arbeitsplätze verloren, die Zahl der Insolvenzen sei auf einem Rekord-Hoch, wobei die stillen Abmeldungen und Aufgaben von Gewerbebetrieben noch gar nicht mitgezählt seien.
Einem Land in Stagnation und einer Absatzkrise im Außenhandel Mehrarbeit zu empfehlen, sei überdies wenig logisch, so ein anderer Mittelständler. Wenn dann auch noch Pläne für eine stärkere Besteuerung von Erbschaften diskutiert werden, gebe man sein Geld doch eher aus, anstatt mehr „zum Schaffe“, wie man in Schwaben sagt.
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Ralf Schuler
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