Single-Kult statt Valentinstag: Warum Beziehungen in sozialen Medien schlechtgeredet werden
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Am 14. Februar ist wieder Valentinstag. Rosen, Pralinen und Abendessen zu zweit prägen das Bild rund um den Tag der Liebe. Für einen Moment scheint die Welt nur aus Paaren zu bestehen.
Rund ein Fünftel der deutschen Bevölkerung lebt allerdings allein. Statistisch betrachtet gehört das Alleinsein also schon längst zum Alltag. Allein wohnen, allein einkaufen, allein einschlafen – all das scheint normal, vielleicht sogar zeitgemäß.
Und trotzdem fühlt sich das Single-Dasein selten an wie ein endgültiger Zustand. Die meisten Singles definieren diese Zeit nicht als Lebensziel, sondern als Phase zwischen zwei Kapiteln. Denn so sehr wir unsere Autonomie schätzen, bleibt da dieses leise Bedürfnis nach Nähe, das sich immer wieder meldet.
Vom Beziehungsdruck zum Single-Ideal
Wann also kam diese Kehrtwende hin zum Ideal des selbstbestimmten Single-Daseins? Es ist noch gar nicht so lange her, da galt eine Beziehung fast als Pflichtprogramm. Wer mit dreißig noch Single war, musste sich erklären. Wer allein zum Familienfest erschien, bekam besorgte Blicke. Märchen, Filme und Serien erzählten uns früh vom Happy End zu zweit.
Dass viele sich von diesem Druck befreien wollten, ist nachvollziehbar. Niemand sollte aus Angst vor Einsamkeit in einer Beziehung bleiben, die klein macht oder verletzt. Gleichzeitig entstanden neue Beziehungsmodelle, neue Formen von Familie und Zusammenleben. Immer häufiger wird das Single-Sein nicht als Übergang beschrieben, sondern ist vielmehr ein gesellschaftliches Statement. Auf sich allein gestellt zu sein gilt als Beweis von Stärke. Während wir den alten Zwang also abgeschüttelt haben, ist leise ein neues Ideal entstanden, das sich fast genauso dogmatisch anfühlt – nur in die andere Richtung.
Dump him, swipe und nächster bitte
Gerade jungen Frauen wird suggeriert, das Single-Sein stehe dafür, sich nie wieder mit weniger zufrieden zu geben. Doch was genau ist „weniger“? Oft sind damit nicht Grenzüberschreitungen gemeint, sondern ganz normale menschliche Schwächen.
Vor allem auf Social Media entsteht der Eindruck, als sei Unabhängigkeit nicht nur ein Recht, sondern beinahe eine Pflicht. Jede normale Auseinandersetzung, die eine Liebesbeziehung zwangsläufig mit sich bringt, wird schnell als „toxisch“ abgestempelt. Konflikte werden pathologisiert, statt anzuerkennen, dass Beziehungen immer Arbeit bedeuten. Schließlich treffen hier zwei unterschiedliche Menschen mit eigenen Werten, Gedanken, Gefühlen und Lebensentwürfen aufeinander.
Warum wirkt jemand, der den anderen braucht, plötzlich bedürftig? Warum gilt jemand, der bleibt, obwohl es schwierig wird, fast schon als naiv?
Ein Blick auf Plattformen wie Instagram zeigt, wie stark diese Erzählung inzwischen verbreitet ist. Accounts und Videoformate, darunter auch das Funk-Format „Mädelsabende“, sprechen offen über Dating, Enttäuschungen und Selbstwert, sammeln Hunderttausende junge Follower und verstehen sich als „geschützten Raum“, in dem man ehrlich über Beziehungen reden kann. Das hat sicherlich viel Gutes: Tabus fallen, Frauen ermutigen sich gegenseitig, Männern Grenzen zu setzen und schlechte Erfahrungen nicht zu romantisieren.
Nur kippt der Ton dabei manchmal fast unmerklich: Aus „Du musst dich nicht schlecht behandeln lassen“ wird schnell „Du brauchst eigentlich niemanden“. Aus „Hab Standards“ wird „Geh lieber sofort“. Aus Selbstachtung wird eine Haltung permanenter Abwehr.
Man scrollt durch Reels und Kommentare und spürt, wie sich eine neue Coolness breitmacht. Trennungen werden gefeiert, als hätte man eine Prüfung bestanden. „Dump him“ steht auf Shirts, als sei es ein Sieg, einen Mann zu „entsorgen“. Eine Beziehung aufzubauen wirkt plötzlich wie ein Risiko, das man nur eingehen sollte, wenn alles reibungslos funktioniert und der andere perfekt ins eigene Leben passt. So etwas gibt es schlichtweg nicht.
Während Creators und Coaches sich mit solchen Botschaften eine goldene Nase verdienen, entfernen sich viele Follower immer weiter von dem, was sie sich eigentlich wünschen: eine gesunde Beziehung, die nach ganz individuellen Bedingungen funktioniert. Diskurs scheint kaum noch erwünscht. Dabei gehören Kritik, Aushalten, Abwarten und Empathie zum Kern jeder zwischenmenschlichen Verbindung. „Dump him“ klingt fast schon verführerisch. Der nächste Typ wartet ja schon auf Hinge.
Wer jemals länger mit einem Menschen zusammen war, weiß, dass eine Beziehung nicht aus Checklisten besteht. Zwei Leben stoßen aufeinander, mit Macken, Gewohnheiten, guten, aber eben auch schlechten Tagen. Man lernt, sich auszuhalten, weil genau das zur Liebe gehört. Man bleibt, obwohl es einfacher wäre zu gehen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Wertschätzung dem anderen gegenüber.
Wenn jede Form von Kompromiss jedoch schon als Selbstverrat gilt, bleibt am Ende vor allem eines übrig: Einsamkeit.
Und Einsamkeit lässt sich mittlerweile gut verkaufen, weil sie zur Unabhängigkeit deklariert wurde. Sie fügt sich nahtlos in den Zeitgeist der Selbstoptimierung ein: Wir tracken unseren Körper, planen den Kalender durch und managen unsere Emotionen wie Projekte. Für alles gibt es die passende App und den perfekten Instagram-Spruch. Und doch fühlen sich immer mehr Menschen allein.
Studien sprechen Klartext
Psychologische Studien zeigen seit Jahren, dass stabile Beziehungen einen messbaren Einfluss auf unser Wohlbefinden haben, auf unser Stresslevel, auf die kardiovaskuläre Gesundheit und sogar auf die Lebenserwartung. Die bekannte Harvard Study of Adult Development, die Menschen seit über acht Jahrzehnten begleitet, kommt immer wieder zum gleichen Schluss: Nicht Status oder Vermögen entscheiden über ein gutes Leben, sondern die Qualität unserer Beziehungen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Sozialpsychologin Julianne Holt-Lunstad, deren Meta-Analyse aus Hunderten von Studien zeigt, dass enge soziale Bindungen die Lebenserwartung deutlich erhöhen. Isolation dagegen wirkt wie ein schleichender Risikofaktor. Auch die Weltgesundheitsorganisation warnt inzwischen ausdrücklich vor den gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit.
Trotzdem sprechen wir über Beziehungen, als wären sie ein austauschbares Add-on.
Nähe ist normal, menschlich, gesund
Vielleicht liegt das eigentliche Problem also nicht darin, dass mehr Menschen allein leben. Vielleicht liegt es darin, wie wir darüber sprechen. Als müsse man sich entscheiden zwischen Selbstwert und Zweisamkeit. Dabei ist das Bedürfnis nach Liebe weder ein Defizit noch etwas Rückständiges. Es ist kein Scheitern an der eigenen Unabhängigkeit, wenn man abends lieber neben jemandem einschläft als allein. Es ist schlicht menschlich.
Vielleicht brauchen wir deshalb gerade keine neuen Parolen, weder „Du musst jemanden finden“ noch „Du brauchst niemanden“. Vielleicht reicht ein ehrlicherer Satz: Wir wollen lieben. Und wir dürfen das auch.
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