Klartext statt Klamauk: „Restore Britain“ zeigt, woran Deutschlands Parteigründungen rechts der Mitte scheitern
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Eric SteinbergIn Großbritannien hat sich am Wochenende eine neue Partei formiert. „Restore Britain“ heißt das Projekt des ehemaligen Reform-UK-Politikers Rupert Lowe, das in den sozialen Netzwerken bereits große Aufmerksamkeit bekommt. Vergleicht man die Neugründung mit konservativ-liberalen deutschen Parteiprojekten, ist schnell feststellbar: Auf der Insel ist man nicht ohne Grund erfolgreicher.
Als „Restore Britain“ am Samstag auf allen Internetkanälen gestartet wurde, verbreitete sich die Nachricht und die Inhalte der Partei vermutlich fast so schnell wie der Tod von Lady Di. In Form eines siebenminütigen Videos machte Parteigründer Lowe klar, worum es ihm geht: Das Ende von Massenmigration und den Erhalt britischer Kultur und Wertvorstellungen. Das Ziel: „Restore Britain wird nicht nur die Massenmigration stoppen, wir werden sie umkehren“, so der Politiker, der 2024 für die konservative Partei Reform UK ins Parlament gewählt wurde, nach internen Streitigkeiten jedoch aus der Partei austrat. „Wenn Sie in diesem Land ohne unsere Erlaubnis sind, werden Sie entfernt“, ist der Plan des Politikers.
Lowe macht im Clip den Anschein, als wolle er endlich Klartext reden: „Ich werde Ihnen keine tröstenden Lügen über den Zustand unseres Landes erzählen.“ Dem Volk wolle er nur die Wahrheit unterbreiten, und zu der gehöre auch: „Was notwendig ist, wird unglaublich schmerzhaft sein, aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit werden die Wähler eine echte Alternative haben, die wahrheitsgemäß ist.“
Trotz der harten Botschaften wirkt Lowe in dem Video tiefenentspannt. Keine hektischen Gesten, kein Gepöbel. Mit Gummistiefeln, Cordhose und britischer Regenjacke ausgestattet, macht er den Eindruck eines Landesvaters, der das Land und seine Sorgen versteht. Selbst der Ort der Videoaufnahme ist durchdacht: „Ich habe mich entschieden, heute von der Farm aus zu Ihnen zu sprechen, weil Orte wie dieser das darstellen, worum es im richtigen Britannien geht.“ Ihm gehe es um „harte Arbeit, Verantwortung, Anstrengung, Pflicht, Verwalterschaft“.
Das Wochenende war noch nicht vorüber, da konnte die Partei bereits 50.000 neue Mitglieder vermelden. Allein auf Lowes X-Account hat das Vorstellungsvideo bereits 35 Millionen Aufrufe. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich?
Niemals! Werteunion, Bündnis Deutschland, Die Blaue Partei, Liberal-Konservative Reformer, Team Freiheit: Die Liste der deutschen Parteigründungen rechts der Mitte hat sich nach der Geburt der AfD 2013 in den vergangenen Jahren immer weiter verlängert. Durchbrechenden Erfolg hatte davon bisher jedoch keine. Die Liberal-Konservativen Reformer haben sich zwischenzeitlich umbenannt in Wir Bürger, Die Blaue Partei gibt es mittlerweile nicht einmal mehr. Was macht der in Oxford geborene Lowe also schon jetzt besser als seine deutschen Kollegen?
Vergleicht man die Versuche hierzulande mit der Insel-Neugründung, fällt ziemlich schnell auf: Es mangelt nicht nur an der Umsetzung, sondern auch an den Inhalten. Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig.
Die Basis dafür wird oft bereits in der inhaltlichen Ausrichtung gelegt. Denn: Hier kupfert man gerne ab, jedoch ohne die dafür nötige Konsequenz. Nachdem in Argentinien Präsident Javier Milei an die Macht kam, schwappte etwa die vom Minimalstaat träumende „Afuera“-Bewegung für kurze Zeit nach Deutschland. Hierzulande inszenierte sich beispielsweise Markus Krall in seiner Rolle für das Bündnis Deutschland als deutscher Javier Milei. Doch statt den Staat zu beschneiden, beschnitt Krall mit seinem Kettensägen-Auftreten lediglich die Authentizität seiner eigenen Partei. Einem vermeintlichen Libertären, der gerne den Staatsabbau vorantreiben möchte, gleichzeitig aber immer wieder mit Lob für Putins autoritäres Russland daherkommt, nimmt man die Afuera-Erzählung nur wenig ab.

Das Bild als Milei-Kopie postete Krall selbst auf seinem X-Account.
Dass halb geklaut auch nur halb so gut bedeutet, hätte eigentlich auch das Team Freiheit erkennen können – wenn auch ohne inhaltliche Widersprüche. Auch dort spielte das Thema Staatsabbau eine große Rolle, nach außen wollte man sich mutig geben. Auf einem Sticker der Partei war etwa zu lesen: „Sex ist geil. Aber hast du schon mal ne Behörde abgeschafft?“ Während Milei in seinem damaligen Wahlkampf öffentlichkeitswirksam davon sprach, eine Behörde nach der anderen tilgen zu wollen, konnte man sich beim Team Freiheit scheinbar nur auf eine einigen. Das ist leider nicht rebellisch, sondern mutlos.

Der Aufkleber des Team Freiheit: immerhin mit Kettensäge.
Lowe ist im Gegensatz dazu furchtlos. Er unterbreitet seine politischen Forderungen ohne Schnörkel und die Angst vor der Ächtung anderer: „Millions“ müssten abgeschoben werden, so der Politiker. Hierzulande waren die Neugründungen bis auf die WerteUnion nicht einmal bereit, mit der einzigen rechten Alternative zusammenzuarbeiten, die sich außerhalb der etablierten Parteien gebildet hat. Zu denen wollte man sich offiziell nicht mehr zählen, blieb aber, auch bedingt durch lange Parteikarrieren und ausbleibende eigene Akzente, doch immer noch ein Teil davon. Politische Akteure, die in den vergangenen Jahren das ein ums andere Mal die Partei wechselten, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Beim Wähler kann man damit meist kein großes Überraschungsmoment erzeugen, noch seltener langfristige Unterstützung gewinnen.
Das frische, freche, manchmal auch gefährliche: In deutschen Neugründungen und ihrer Aufmachung ist es nicht wiederzufinden. Dafür wissen andere, wie das genaue Gegenteil funktioniert – unauffällig, angepasst, einfallslos. Das Bündnis Deutschland etwa wirbt auf seinem Instagram-Kanal mit KI-Inhalten. Dass auf künstliche Intelligenz zurückgegriffen wird, ist dabei nicht das Problem, sondern die Art der Verwendung. Die 2022 gegründete Zwergpartei nutzt sie nämlich, indem sie politische Forderungen von einer KI-Figur vortragen lässt – nur wenig authentisch. Eine Bindung zum Wähler wird so sicher nicht erzeugt, im Gegenteil.
Zugemüllt wird der Kanal außerdem von inhaltslosen Videos wie dem jüngsten Valentinstags-Gruß. Darin heißt es von KI vertont: „Liebe heißt, nicht nur an Valentinstag an Bündnis Deutschland zu denken“. Zeitgleich dazu ploppen Herzchen auf, unten eingeblendet ist das Parteilogo zu sehen.
Authentisch ist das in keinem Fall, die Logofrage führt jedoch schon zum nächsten Start-Fettnäpfchen, in das die Neugründungen gerne stapfen. Nicht selten wirken die Designs, als wären sie bereits im Jahr 2005 von einem Rentner mit Paint erstellt worden. Mit dem Zusatz jedoch, dass die Aufmachung auch damals schon nicht modern wirkte. Die Liberal-Konservativen Reformer sind hier ebenso als Negativbeispiel zu nennen, wie auch das Bündnis Deutschland. Erste gaben sich mit Serifenschrift und einer passenden Botschaft im Namen wenigstens noch einen konservativen Anstrich, beim Bündnis Deutschland fehlt sogar letzteres.

An Kreativität und inhaltlicher Verankerung nur schwer zu übertrumpfen: das Logo des Bündnis Deutschland.
Das Team Freiheit hat sich in dieser Frage mehr Mühe gegeben. Wenn es jedoch darum geht, sich als langfristig ernstzunehmenden Akteur in der Parteienlandschaft zu etablieren, hat man sich ebenfalls einen Startfehler geleistet.
In einem kurzweiligen Küchentisch-Video mit ihrem Mann Markus Pretzell, ebenfalls ein ehemaliger AfD-Politiker, wollte sie ihr neues Projekt ankündigen. Weil Petry natürlich darum weiß, dass der eine oder andere sie für ihre Wechselhaftigkeit in Sachen Parteimitgliedschaft kritisiert, versuchte sie sich an einem humoristischen Ansatz. In dem Video fragt Pretzell seine Frau: „Wie oft haben wir das jetzt schon besprochen? Keine Partei mehr“. Petry entgegnet am Ende mit einem kleinlauten „Tschuldigung“.
Über sich selbst lachen zu können, ist äußerst sympathisch, ein energiereicher Aufschlag wäre zu Beginn aber wohl sinnvoller gewesen, denn: Das Video wirkt, als wäre das Team Freiheit aus der Taufe gehoben worden, um Petry eine neue Beschäftigungstherapie zuzusichern. Ihre Mission formuliert sie selbstverständlich in nachfolgenden Beiträgen, im Kopf bleibt jedoch der Aufschlag. Die Thematisierung alter gescheiterter Projekte, das „schon wieder“, erweckt außerdem den Eindruck, als seien auch die Aussichten des Team Freiheit nicht sonderlich erfolgversprechend.
Das ist nicht selbstbewusst und erst recht nicht cool. Zwar nicht so peinlich wie die Imitation aktueller TikTok-Trends in Form von peinlichen Tanzvideos, aber doch nah dran. Um so etwas wie Coolness zu schaffen, braucht es statt Beliebigkeit ein durchdachtes Konzept. Man muss nicht jung sein, Jugendsprache oder hippe Musik verwenden. Lowe wirkt in dem Video, als glaube er tatsächlich, wovon er spreche. Vor allem darauf kommt es an.
Dass einige auch über eine Dekade nach der Gründung noch immer nicht verstanden haben, dass Inhalt und Aufmachung sich decken sollten, zeigt auch die AfD. Den Beweis lieferte Alice Weidel am vergangenen Wochenende in Pforzheim, als sie zu elektronischer Musik ans Rednerpult tanzte; wirkte sie dabei nicht lockerer als Friedrich Merz beim hüftsteifen Disco-Fox mit seiner Frau Charlotte. Auf das Personal sind die Inhalte nicht abgestimmt. Dabei geht es auch anders: Als Theresa May vor einigen Jahren zu ABBAs „Dancing Queen“ auf die Bühne tanzte, wurde zwar auch gelacht, jedoch nicht über die ehemalige Premierministerin, sondern mit ihr. Sie wirkte sympathisch, nicht deplatziert.
May wurde im Anschluss für ihren Auftritt gefeiert, bei Lowe schießt die Zustimmung aktuell sowieso in die Höhe. Die junge Generation sorgt derweil bereits dafür, dass aus dem Material neue virale Videos entstehen, die auf TikTok oder X geteilt werden. Er wird dabei nicht belächelt, sondern weiter erhöht, in einen positiven Zusammenhang mit den Errungenschaften der britischen Geschichte gestellt. Der Tenor: Mit Lowe fährt der Weg zurück in eine goldene Zukunft. Die Verbreitung seiner Inhalte ist zum Selbstläufer geworden.
Nicht zuletzt fehlt es oftmals an prominenten Persönlichkeiten, die einer Partei den zusätzlichen Push geben könnten. Auf der Insel mehren sich bereits die Gerüchte, auch die Top-Gear-Legende und Nationalikone Jeremy Clarkson könnte sich „Restore Britain“ anschließen. In den vergangenen Monaten hielt er sich nicht damit zurück, die Labour-Regierung hart zu kritisieren. Deutsche Top-Promis, die neue Projekte stützen, gibt es nicht.

Clarkson mit einer britischen Flagge: Er wird als Kandidat der neuen Partei gehandelt.
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