Autismus-Pionierin kritisiert Konzept „Neurodiversität“: „Eine Diagnose ist begehrenswert geworden“
Ein Beitrag von
Emanuela SutterWer in den unendlichen Weiten von Instagram oder TikTok unterwegs ist, stößt unweigerlich auf die Begriffe „Neurodiversität“ oder „Neurodivergenz“. Einige Personen schreiben sich das Adjektiv „neurodivergent“ sogar in ihre Bio, dort, wo andere Nutzer Pronomen wie „she/her“ oder „they/them“ platzieren.
Ängstliche oder hypersensible Menschen denken, sie hätten Autismus
„Neurodiversität“ ist ein Konzept, das dafür plädiert, Autismus, AD(H)S, Tourette-Syndrom oder Legasthenie nicht als Entwicklungsstörungen oder Krankheiten zu verstehen, sondern als natürliche Varianten menschlicher Neurologie. Anhänger dieser These vermitteln, dass Autismus, ADHS und Co. nicht „krank“, sondern „normal“ seien, weil jedes menschliche Gehirn anders sei. Sie weigern sich, die von ihnen als „neurologischen Besonderheiten“ genannten Erkrankungen als Störung zu bezeichnen.
Wieder andere Neurodiversitäts-Anhänger meinen, dass neurologische Erkrankungen wie etwa Autismus ein „Spektrum“ seien. Das bedeutet, dass sie eine große Bandbreite an Ausprägungen und Kombinationen haben können. Ausprägungen reichen von schweren Beeinträchtigungen bis zu vergleichsweise milden Formen. Das Problem dabei: Menschen, die etwa empfindlich, hypersensibel oder ängstlich sind, diagnostizieren sich selbst mit Erkrankungen wie Autismus oder denken, sie bräuchten Therapien.

Auf Instagram geben unzählige Coaches, Berater und Psychologen Information zum Thema Neurodiversität.
Neurowissenschaftlerin Uta Frith: „Wir sind alle neurodivers“
Die „Spektrum“-These existiert seit den 1980er-Jahren und wurde auch von Uta Frith geprägt, die als Pionierin der modernen Autismusforschung gilt. Doch gegenüber der britischen Tageszeitung The Times sagte sie Anfang März folgenden dramatischen Satz: „Ich glaube, das Spektrum-Konzept steht vor seinem Zusammenbruch.“ In der britischen Fachzeitschrift Tes Magazine kritisierte die Neurowissenschaftlerin die Neurodiversitäts-These: „Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“
Die 84-jährige Uta Frith ist keine Unbekannte. Sie ist emeritierte Professorin für kognitive Entwicklung der University College London. Der britische öffentlich-rechtliche Sender BBC nahm Frith 2015 in die Liste „100 Frauen“. Damit kürt die BBC jedes Jahr inspirierende und einflussreiche Frauen.

Die deutsch-britische Forscherin Uta Frith denkt, dass die These des Spektrums nicht mehr zeitgemäß sei.
Im The Times-Interview sagt Frith, dass die These des Spektrums im besten Fall nicht mehr zeitgemäß, im schlimmsten schädlich sei. „Der Begriff des Spektrums ist inzwischen so weit ausgedehnt worden, dass ich fürchte, er hat seine Bedeutung verloren und taugt nicht mehr als medizinische Diagnose“, fährt sie fort.
Die Popkultur trug dazu bei, dass Autismus begehrenswert wurde
Frith, die ursprünglich aus Rheinland-Pfalz stammt, spricht einen weiteren brisanten Punkt an: Autismus-Diagnosen haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Die Zahl der Erkrankten wachse vor allem unter jungen Frauen. Das zeigen Studien aus den USA und aus Schweden. Autismus sei „glorifiziert worden, und eine Diagnose ist in gewisser Weise sogar begehrenswert geworden“, da die Popkultur fiktive Figuren mit autistischen Eigenschaften verherrliche. „Wir sehen nicht, dass Schizophrenie auf die gleiche Weise glorifiziert wird“, sagt die Forscherin.
Ab den 1980er-Jahren entstanden mehrere erfolgreiche Kinostreifen, die autistische Menschen als einzigartig und besonders darstellten. „Rain Man“ etwa handelt von einem fiktiven Autisten, der außergewöhnliche mathematische Fähigkeiten und Gedächtnisleistungen aufweist. In „Temple Grandin“ (2010) geht es um die gleichnamige Wissenschaftlerin und Tieraktivistin, die trotz Autismus Professorin für Tierwissenschaften wurde.

Der Oscar-prämierte Film „Rain Men“ (1988) handelt von zwei ungleichen Brüdern. Raymond (rechts) ist Autist und hochbegabt.
Die Definition von Autismus sei zwar gleichgeblieben, aber die Interpretation habe sich verändert, fährt Frith in der Times fort. Ab den 1980er-Jahren wurden auch Kinder mit der Krankheit diagnostiziert, die ihrer Meinung nach nicht eindeutig in die Kategorie passten.
Soziale Unsicherheit oder Abneigung gegen Lärm werden oft zum Spektrum dazugezählt
Heute schließe das Spektrum auch mildere Symptome ein, die früher eher als individuelle Besonderheiten denn als klinisch relevante Auffälligkeiten eingeordnet wurden – zum Beispiel eine Abneigung gegen Lärm oder soziale Unsicherheit.

In den sozialen Netzwerken gibt es Info-Bilder wie dieses, die angeblich positive Seiten von Autismus beschreiben.
In einem Interview mit der britischen Fachzeitschrift Tes Magazine beschreibt Frith die Gruppe der Jugendlichen und junger Frauen, die die Diagnose Autismus erhalten, so: „Es handelt sich um Menschen ohne intellektuelle Beeinträchtigung, die verbal und nonverbal einwandfrei kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste entwickeln. Sie zeichnen sich möglicherweise vor allem durch eine Art Überempfindlichkeit aus.“
„Heutzutage stellen viele Menschen eine Selbstdiagnose“
Frith spricht eine weitere unbequeme Wahrheit aus: „Heutzutage stellen viele Menschen eine Selbstdiagnose, bevor sie untersucht werden.“
Ob alle Personen mit „neurodivergent“ in ihrer Instagram-Bio tatsächlich eine Autismus-, ADHS-, Tourette-Syndrom- oder Legasthenie-Diagnose haben, lässt sich nicht sagen. Vermutlich gibt es unter ihnen einige, die sich diese Bezeichnung selbst verpasst haben.
Überdiagnostik könne die Forschung verzerren
Sorgen bereiten der Neurowissenschaftlerin Frith die Auswirkungen der inflationären Diagnosen. Überdiagnostik könne die Forschung verzerren, weil sie sehr unterschiedliche Gruppen unter einem Begriff zusammenfasse – obwohl diesen womöglich verschiedene biologische Ursachen und kognitive Störungen zugrunde liegen. „Dadurch werden die Daten, die wir von großen Gruppen erhalten, sehr ungenau.“
Das Spektrum sollte ihrer Ansicht nach daher ganz abgeschafft und durch klarere Unterkategorien ersetzt werden: etwa für frühkindlichen Autismus vom streng klinischen Typ, für Menschen mit Asperger-Syndrom und für Menschen mit Hypersensibilität, sagt die emeritierte Professorin in der Times.
Am Ende des Tes-Magazine-Interviews gibt Frith ehrlich zu: „Ich habe mich lange Zeit sehr von der Idee des Autismus-Spektrums mitreißen lassen, und erst in den letzten zehn Jahren habe ich das Gefühl gehabt, dass die Dinge zu weit gegangen sind, und ganz langsam bin ich zu der Erkenntnis gelangt: ‚Nein, das ist nicht richtig.‘“
Auch bei NIUS: Social Media – zehn Jahre später: Warum wir uns nach 2016 sehnen
Weitere Artikel zum Thema
30, weiblich, traurig – warum sind junge Frauen so verloren?
Sind die Deutschen glücklich? „Allein wenn Du hier Straßenbahn fährst, wirst du dreimal angeschrien“
„La ilaha illallah“, es gibt keinen Gott außer Allah: Tausende Muslime versammeln sich in Kassel zum öffentlichen Fastenbrechen
„Das ist Betrug”: Bürger über die zweckentfremdeten Schulden
Studie bestätigt Minirock-Comeback alle 20 Jahre
Im Norden die AfD, im Süden die Grünen: Wie das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg die Stadt Mannheim teilt
Immer mehr Konsumenten: Crack-Alarm in Berlin
Emanuela Sutter
Autor
Artikel teilen
Kommentare