Zwischen Dystopie und Romantik: Die Paris Fashion Week geht zu Ende
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Sara DouedariWenn die Paris Fashion Week am Dienstag zu Ende geht, bleibt eine Saison in Erinnerung, die stärker als viele zuvor von Gegensätzen geprägt war. Auf den Laufstegen prallten zwei sehr unterschiedliche Visionen der Gegenwart aufeinander: auf der einen Seite düstere Inszenierungen, die tradtitionelle Körperbilder provozieren. Auf der anderen Seite überraschte der Runway mit der Rückkehr von Romantik, Farbe und emotionaler Leichtigkeit.
Es wirkt fast wie eine Erzählung aus einem Hollywoodstreifen oder Videospiel: Gut gegen Böse, Dunkelheit gegen Licht. Die Runways wurden zur Bühne eines visuellen Konflikts, in dem dystopische Körperbilder auf zarte, fast nostalgische Modefantasien trafen. Die Frage ist nur: Wie viel Provokation braucht Mode wirklich – und was bleibt davon übrig, wenn sie auf den Laufstegen milliardenschwerer Luxuslabels stattfindet?

Romantische Looks von Dior auf dem Runway der Paris Fashion Week
Die Mode für Herbst/Winter 2026 erzählt eine Geschichte über die Stimmung unserer Zeit
Zu den meistdiskutierten Shows dieser Saison gehörte zweifellos die Präsentation des Avantgarde-Labels Matières Fécales. Bereits der Name des Labels, der aus dem Französischen übersetzt „fäkale Materien“ bedeutet, spielt mit bewusster Provokation und dem Kontrast zwischen Luxus und gesellschaftlichem Tabu. Gegründet 2025 von Hannah Rose Dalton und Steven Raj Bhaskaran, zeigte das kanadische Designerduo im historischen Palais Brongniart seine dritte Show und sorgte für einen der radikalsten Momente der Fashion Week.
Bekannt wurde das Label einem größeren Publikum unter anderem durch Lady Gaga, die im vergangenen Jahr bei einem öffentlichen Auftritt einen spektakulären Look des Modehauses trug.

Lady Gaga in Matières Fécales
Die Herbst/Winter-Kollektion mit dem Titel „The One Percent“ nahm die globale Vermögensungleichheit ins Visier. Inspiriert von Studien der Oxfam, laut denen das reichste Prozent der Weltbevölkerung fast die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzt, entwickelte das Designerduo eine theatrale Inszenierung über Reichtum und Dekadenz.


Die Show war wie ein Bühnenstück aufgebaut und in drei Akte gegliedert. Zunächst erschien eine dekadente Bourgeoisie-Familie in opulenten Silhouetten: Perlenketten, maßgeschneiderte Mäntel, lange Handschuhe. Doch hinter dem Luxus zeigte sich der Zerfall: Banknoten wurden zu Fetisch-Accessoires, Lederhandschuhe waren mit blutroten Flecken versehen.
Im finalen Akt richtete sich der Blick in die Zukunft. Zwei Visionen standen sich gegenüber: der technologische Traum von ewiger Jugend und die souveräne Akzeptanz des Alterns.
Und genau hier beginnt auch eine kritische Frage, die viele Beobachter dieser Fashion Week stellten: Wie radikal kann eine Anti-Establishment-Geste sein, wenn sie auf einem der exklusivsten Modekalender der Welt stattfindet? In den 1970er-Jahren beispielsweise waren Provokationen bei Vivienne Westwood Teil einer echten Punk-Rebellion. Auf heutigen Luxus-Runways wirkt die Irritation dagegen beinahe krankhaft inszeniert.


Body Horror, Satanismus und die Ästhetik des Schocks
Noch stärker als die Kleidung sorgten die Beauty-Looks der Show für Aufmerksamkeit. Bekannt für seine radikalen Interpretationen von Körperbildern, verwandelte Matières Fécales den Runway in ein dystopisches Beauty-Labor. Dabei tauchten auch visuelle Codes auf, die an okkulte Symbolik und satanische Ästhetik erinnern: Überdimensionale Augen, schwarze Kontaktlinsen, rasierte Köpfe und groteske Prothesen machten aus den Models fast außerirdische Figuren. Einige trugen Masken aus Dollarscheinen, andere wirkten mit blasser Haut, rot umrandeten Augen und chirurgisch wirkenden Details wie Figuren aus einem futuristischen Operationssaal.


Die groteske Übertreibung verweist auf eine Realität, in der kosmetische Eingriffe, permanente Selbstoptimierung und digital perfektionierte Körperbilder längst Teil eines globalen Luxusmarktes geworden sind.
Die andere Seite der Saison und der Hunger nach Romantik
Parallel zu diesen düsteren Inszenierungen zeigte sich ein überraschend gegensätzlicher Trend: Mode wird endlich wieder romantisch. Nach Jahren, in denen Power-Dressing, Minimalismus und dunkle Farbpaletten dominierten, kehren zarte Stoffe, Pastelltöne und florale Details zurück. Rüschen, weiche Silhouetten und fließende Materialien bestimmen zunehmend das Bild.


Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei Chloé, wo Kreativdirektorin Chemena Kamali eine neue, sanfte Form der Weiblichkeit entwirft. Weitschwingende Kleider, fließende Seide und zarte Farben wirken wie eine warme Antwort auf die Härte des aktuellen Zeitgeistes. Auch bei Dior und Simone Rocha entfaltet sich diese romantische Bildsprache: Schleifen, Blumenapplikationen und Rüschen lassen die Looks beinahe träumerisch erscheinen – als würden sie von einer Welt erzählen, in der Schönheit, Gefühl und Hoffnung wieder Raum bekommen.
Solche Momente sind in der Modegeschichte kein Zufall. Nach Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche kehren Designer immer wieder zu weicheren Silhouetten und romantischen Bildern zurück. Man denke an Christian Diors „New Look“ von 1947, der nach den Entbehrungen des Krieges mit schwingenden Röcken und femininen Linien eine neue Sehnsucht nach Schönheit formulierte.

Es ist, als würde die Rückkehr dieser Mode eine Gegenbewegung formulieren: Während ein Teil der Runways mit dystopischen Visionen arbeitet, erzählt der andere von einem Hunger nach Romantik und Schönheit.

Selbst in der Popkultur lässt sich diese Sehnsucht beobachten. Die Neuverfilmung von Wuthering Heights mit Margot Robbie greift opulente, gefühlvolle Bildwelten auf. Auf roten Teppichen erscheinen Stars wie Zoë Kravitz oder Sabrina Carpenter zunehmend in zarten, rüschenreichen Looks. Selbst die Männermode öffnet sich dieser Bildsprache. Bei Simone Rocha trugen männliche Models Blumen am Revers.

Sabrina Carpenter bei der 68. Grammy-Verleihung am 1. Februar 2026 in Los Angeles
Eine Saison voller Gefühle
Die Paris Fashion Week Herbst/Winter 2026 zeigt eindrucksvoll, wie stark Mode aktuell zwischen Rebellion und Romantik pendelt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser Saison: In einer Welt voller Krisen, Unsicherheiten und radikaler Veränderungen ist Mode ein Spiegel unserer Zeit – mal verstörend, mal tröstend.
Wenn Mode derzeit zwischen Schock und Eskapismus schwankt, erzählt sie letztlich von einem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Gefühl in einer zunehmend rationalisierten Welt. Provokation kann uns wachrütteln. Doch am Ende suchen Menschen immer wieder nach Schönheit, Nähe und Liebe.
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