Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate seit 1946 - warum nur?
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Es gibt Geschichten, die erklären sich durch Zahlen. Wie zum Beispiel diese scheinbar auch: Noch nie gab es in Deutschland so wenige Geburten wie in diesem Jahr. Noch nie seit 1946. Und Geburten oder Geburtenrate heißt übersetzt: Kinder.
Die Zahl der Sterbefälle überstieg 2025 mit rund 1,01 Millionen die Zahl der Geburten um 352.000 – dies sei das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit, teilt das Statistische Bundesamt mit.
Nun gibt es für dieses Phänomen viele Erklärungen. Die Statistiker haben welche: Soziologen, Historiker, Gynäkologen, Wissenschaftler verschiedener Arten.

Ein Storch aus Holz mit einem Tuch im Schnabel, steht vor dem Haus einer Familie, die ein Baby bekommen haben.
Selbstverwirklichung contra Kinderkriegen
Ich habe mich, das tut man als Journalist, durch etliche Zahlenkolonnen, Fallbeispiele, wissenschaftliche demographische Abhandlungen, medizinisch-psychologische Ausarbeitungen durchgewühlt. Darin wurde von geburtenschwachen und geburtenstarken Jahrgängen gesprochen; vom Pillenknick, von europäischen Phänomenen; vom neuen Hedonismus, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, der den Wunsch, Kinder zu kriegen, zurückgedrängt hat.
Was mich bewegt, ist die Vergleichszahl. Wäre es irgendein Jahr in den 60ern, 70ern, den 80ern – geschenkt. Irgendwann war irgendwas eben besser, stärker, größer, kleiner, auffälliger als heute. So ist das, so war es, so wird es immer sein.
Aber 1946! Millionen Männer waren im Krieg geblieben, Zehntausende in Gefangenschaft oder verschollen. Es gab nicht genug Männer für eine stattliche Geburtenrate.
Dann kamen die ersten schwierigen Aufbaujahre, mit ihnen Hunger und Kälte. Menschen lebten in Ruinen, viele erfroren. Millionen Deutsche aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien hausten in Notunterkünften („Nissenhütten“) im Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Wer eine Decke über dem Kopf hatte, gehörte zu den Glücklicheren. Wer mit Lucky Strike zahlen konnte, war ganz oben.
Trotz schwerer Zeit – der Wunsch nach neuem Leben
Und in diesen tristen Jahren nach dem Krieg – vom Wirtschaftswunder war noch keine Rede – wuchs der Wunsch, das Verlangen heran, Kind und Kinder zu bekommen. Es wurde natürlich gefragt: Wie kann ich meine Kinder denn ernähren? Wir haben doch selber nicht genug. Und dennoch: Aus dieser Trümmerwelt erwuchs ein Wunsch, der stärker war als jede Angst vor der ungewissen Zukunft. Der Wunsch nach neuem Leben.
1947 zum Beispiel. Der Winter war so kalt, dass viele Menschen erfroren, weil es kein Holz zum Heizen gab. Von Kohle ganz zu schweigen. Es war - alles in allem - ein fürchterliches Jahr. Der Krieg vorbei, die Not aber groß, die Zukunft vollkommen ungewiss. Doch, was für ein Wunder – 1947 wurde zu einem besonders geburtsstarken Jahr. Übersetzt: Es erblickten besonders viele Kinder die Welt, von der niemand wusste, wohin sie treiben würde.
Geburtenstark heißt auch Zuversicht, Vertrauen in die Zukunft
Und heute? Verglichen mit den ersten Nachkriegsjahren geht es den Deutschen gut, sehr gut. Materiell bestimmt. Und weniger Kinder liegen im europäischen Trend. Sofern man beim Kinderkriegen von einem Trend sprechen kann, finde ich diesen oft benutzten Ausdruck dafür fürchterlich.

Eine Mutter stillt ihr Baby zu Hause.
Nun zur Hauptfrage, die in der Überschrift steht: Warum nur haben wir die niedrigste Geburtenrate seit 1946?
Jeder Fall ist anders, selbstverständlich. Und jeder darf und soll entscheiden, ob er eine Familie gründen will. Niemand kann den oder die Gründe nennen, dass die Zahlen so sind wie sie sind.
Versuch einer Erklärung. Hängt es womöglich damit zusammen, dass dieses Land sich verändert hat? Dass viele Dinge nicht mehr so sind, wie sie (zum Beispiel in meiner Kindheit in den 50er Jahren) einst waren? Ich meine nicht ein nostalgisches „früher war alles besser“-Gefühl. Ich meine - und da kann man nur mutmaßen – das Gefühl, dass dies nicht mehr ein Land ist, in dem es sich lohnt, ein Kind großzuziehen. Ein Land, von dem man nicht das Gefühl hat, es würde sich zum Besseren entwickeln.
Das wäre traurig. Aber auch traurig kann wahr sein. Traurig wahr.
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