Jan Josef Liefers’ Corona-Abrechnung bei Hotel Matze: „Diese Gefolgschaft, das war das, was mich so aufgeregt hat”
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Im Überblick:
- Der bekannte Schauspieler Jan Josef Liefers („Tatort“-Kommissar Boerne) positionierte sich früh kritisch zur Corona-Politik und initiierte 2021 die satirische Aktion #allesdichtmachen.
- Im Podcast „Hotel Matze“ kritisiert er fünf Jahre nach Covid die propagandaartige Einheitsberichterstattung, die Politisierung der Pandemie und die Maßnahmen-Hysterie – besonders der Freiheitsverlust wurde im Osten stark empfunden.
- Liefers berichtet von massivem Shitstorm und Cancel-Versuchen – er fordert fünf Jahre später eine echte Aufarbeitung und betont die zentrale Bedeutung von Freiheit.
In der Schauspielriege Deutschlands haben sich nur wenige durch Talent UND Rückgrat so hervorgetan wie Jan Josef Liefers. Vergangene Woche war der 61-Jährige zu Gast im Podcast „Hotel Matze“ von Mathias Hielscher.
Und hier stellen sich zwei Fragen. Erstens: Hört sich irgendjemand von unseren Kollegen irgendeinen Podcast wirklich komplett an – oder werden einfach Zitate herausgelöst, die Klicks versprechen und die linksgrüne Journaille nicht verärgern? Zweitens: Wieso haben die meisten Medien Gaga-News mit null Nachrichtenwert aus diesem wirklich spannenden, fast vierstündigen Gespräch zitiert? Da geht es um Narzissmus und Ketamin, dabei geht es um so viel mehr. Es geht um Freiheit. Dazu Liefers:
„Für mich spielt die Freiheit eine Riesenrolle. Und gleichzeitig steht man manchmal auch ganz schön im kalten Wind mit seiner Freiheit.“

Jan Josef Liefers feiert als „Tatort“-Kultfigur einen Quotenerfolg nach dem anderen.
Corona – der Elefant im gesellschaftlichen Raum
Lange Zeit sprechen Hielscher und Liefers über Freiheit, und es wird immer klarer: Was dieses gut geführte Gespräch wirklich ist: die überfällige Corona-Aufarbeitung, die ganz Deutschland noch vor sich herschiebt.
„Wir waren ja wirklich in Deutschland mit ganz vorne dabei. Also wir sind ja die ganz späten Aussteiger aus der Pandemie. Und dahinter steckte dann schon sowas, was man auch nur noch mit propagandaartigem Dauerfeuer halbwegs legitimieren konnte.“
Endlich redet ein deutscher Prominenter ungeschönt von der Zeit ab März 2020. Und damit spricht er vielen aus der Seele: Trotz Ukraine, Iran und Timmy sind die Jahre nicht vergessen, in denen die Weichen für eine neue, schwierige Epoche gestellt wurden. Dazu Liefers:
„Was mich gewundert hat, ist, dass auf einmal so ein Orchester entstand, dass die veröffentlichte Meinung wie ein Orchester dasselbe Stück spielte und nach Propaganda roch und nicht nach Erkenntnis.“
Liefers, 1964 als Sohn einer Künstlerfamilie in der DDR geboren, wurde im Osten sozialisiert: Er wuchs in Dresden auf, wurde nach einer Lehre als Tischler am Staatstheater Schauspieler. Heute gehört er zu Deutschlands TV-Elite, auch dank seiner Rolle als Münsteraner „Tatort“-Kultfigur Karl-Friedrich Boerne, die regelmäßig Rekord-Quoten holt. Doch es ist offenbar eine tiefverwurzelte Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen ins Privatleben, die ihn mit Millionen Ostdeutschen (spätestens seit den Corona-Lockdowns) verbindet.
„Ich habe nicht verstanden, dass die Pandemie damals in einem solchen Tempo politisiert wurde, auch von Medien. Auf einmal hieß es: Söder in München fordert doppelte Masken mit Tackern um den Mund rum. Also dieses Maßnahmen-Bingo, was da stattfand.“
Viele Ostdeutsche reiben sich verwundert die Augen über das, was da in den Corona-Jahren entgleiste, was dreieinhalb Jahrzehnte nach der Wende täglich passiert: Im Jahr 2026 ist es ganz und gar undenkbar, dass jemand sein Recht auf eine eigene Meinung auch wirklich ausübt.
„Ich glaube, das ist der große Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen, dass sie sagen: ‚Moment mal, das lasse ich mir jetzt nicht wieder wegnehmen. Wie, ich darf nicht entscheiden, wo ich hinfahre, ich darf nicht mehr mit meinem Freund auf der Bank sitzen. Seid Ihr irre? Was ist das?‘“
#allesdichtmachen und die mediale Kernschmelze
Als Reaktion auf strenge Restriktionen folgt im Frühjahr 2021 eine Kampagne, die Geschichte schreibt: Als Liefers – zusammen mit knapp 50 weiteren Kulturschaffenden – an der von Regisseur Dietrich Brüggemann ins Leben gerufenen Aktion #allesdichtmachen teilnimmt, gibt es einen Shitstorm. Nicht nur fordern Social-Media-Empörte, man möge seine Krimis boykottieren. Es geht noch viel weiter, so Liefers:
„Da wurden ganze Rechercheteams beschäftigt damit rauszukriegen, ob wir nicht eine langjährige, tiefe Verbindung ins rechte Milieu haben und solchen Schwachsinn. Also, da war richtig was los auf journalistischer Ebene.“

Bei #allesdichtmachen sagte der Schauspieler ironisch: „Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln Sie nicht!“
Auch weite Teile der Öffentlichkeit finden es unerhört, dass jemand die teils drakonischen Maßnahmen kritisch sieht – und das auch noch satirisch äußert.
„Interessant ist, was im Hintergrund ablief: Also diese Dinger waren veröffentlicht, und ich kriegte sofort in den ersten Sekunden danach einen Anruf von einem Kumpel (…), der inzwischen bei Correctiv mitarbeitet. Und der sagt mir am Telefon: ‚Was um Gottes willen ist das, das musst du sofort zurücknehmen. Du musst das sofort runternehmen, du musst sofort eine Erklärung abgeben!‘“
Jan Josef Liefers steht damals vor der Wahl: zurückrudern oder auf ewig gesellschaftlich und beruflich geächtet werden?
„Das ist Cancel Culture! Das war letztlich die Idee, man könne an der Justiz vorbei eine Art zweites Standgericht einberufen, nach dem überzeugte Kohorten Andersdenkende einfach auslöschen können, indem sie sie einschüchtern oder versuchen, in ein Licht zu setzen, sodass sich niemand mehr traut, die mit der Kneifzange anzufassen.“

Jan Josef Liefers sagt im Jahr 2021, eine Impfpflicht dürfe nicht „von Dritten durch Hintertüren erzwungen werden“.
Für angezählte Promis gibt’s nur die Flucht nach vorn
Liefers muss sich öffentlich in Talkshows erklären. Er macht ein Praktikum auf einer Covid-Intensivstation und räumt dann ein, wie wichtig Medikamente und Impfungen seien. Er sei gleichwohl gegen eine allgemeine Impfpflicht. Das ist der glitschige Parkettboden, auf dem Promis neuerdings schlingern: zwischen einer aufgeregten Öffentlichkeit, einer mächtigen Industrie, regierungsnahen Medien – und dem eigenen Gewissen. Die medialen Täter kann Liefers auch heute noch genau benennen. Es ist damals der SPIEGEL, aber nicht nur der …:
„Der Tagesspiegel hier in Berlin auf jeden Fall. Den Tagesspiegel habe ich sowieso in dieser Zeit nicht mehr wiedererkannt. Das war meine Lieblingszeitung, bis ich sie abbestellt habe, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Diese Meinungsdichte und absolute Intoleranz in dieser Zeit! Es ist Corona! Schnauze halten! Also, diese Gefolgschaft, das war das, was mich so aufgeregt hat.“
Liefers hätte in „Hotel Matze“ über Unverfängliches sprechen können: über seinen Schlaf-Podcast „Somnoversum“, seine Ehe mit Kollegin Anna Loos, die vier Kinder, seine Leidenschaften Musik und Radfahren – oder über sein Engagement für Präventionsmedizin. Doch er entscheidet sich für Aufarbeitung. Man kann nur hoffen, dass viele Kollegen seinem Beispiel folgen.
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Melanie Grün
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