Alles eine Frage der Haltung: Wieso Pilates plötzlich rechts sein soll
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Falls Sie gerade in Ihre Sportpants gestiegen sind und sich die Schnürsenkel Ihrer Turnschuhe zugezogen haben, um zum Pilates zu fahren: STOP! Sie könnten rechtsradikal sein. Warum? Finden Sie es jetzt heraus …
Der Test: Bin ich ein (r)echter Pilates-Fan?
Schauen Sie sich doch mal die Frauen an, die neben Ihnen auf den Reformer-Maschinen turnen. Sind die nicht alle weiß und schlank und vielleicht auch noch hübsch? Zahlen die nicht alle 40 Euro für eine Stunde, um danach einen Ingwer-Smoothie oder einen Matcha-Latte zu schlürfen? Eben!

Reformer-Pilates wird auf einem Schlitten betrieben und soll die Tiefenmuskulatur fördern.
Seien Sie ehrlich zu sich selbst (und uns): Sie machen diesen Sport nur, weil Sie es sich leisten können. Sie sind hetero und wollen Männern gefallen. Sie wollen trainiert, aber nicht zu muskulös wirken. Sie wollen ihn, den schmalen Pilates-Rumpf, die runden Hinterbacken, die straffen Arme. Bingo: Sie üben eine rechte Sportart aus – zumindest, wenn es nach einigen Influencern und der New York Times geht.
Die Pilates Princess: weiß, schlank, wohlhabend
Seit der Pilates-Hype aus den USA (wo er die meistgebuchte Sportart ist) zu uns geschwappt ist, ist YouTube voll mit Trainingsvideos. Models wie Candice Swanepoel und Instagram-Stars wie Caro Daur outen sich als Fans. Die „Pilates Princess“ turnt in Pastell-Outfit im schicken Studio. Sogar Popstar Ed Sheeran gestand nach seiner Transformation für die Men’s Health, er verdanke seinen neuen Astralkörper Pilates. Na, fällt Ihnen was auf? Sie alle sind weiß, schlank, reich. Pilates-Ketten wie Josef P. wachsen immer weiter, auch die Frau von Torwart Manuel Neuer leitet eins der Studios am Tegernsee.
Der Sport, ursprünglich von Boxer Joseph Pilates für Kriegsverletzte entwickelt, hat vor allem in Nordamerika und Europa die Körper von Millionen Frauen (und ein paar Männern) geformt. Aber vielen ist Pilates zu wenig divers: Eine Fitnesstrainerin aus Washington D.C. mit offenbar asiatischen Wurzeln namens Mary Beth Monaco-Vavrik ging soeben mit einem Video viral, in dem sie erklärt, warum Pilates seine Fans nicht etwa in die Nähe ihrer Traumfigur, sondern in die Nähe von Nazis rückt. Die Influencerin klärt auf Instagram auf: „Der Konservatismus bevorzugt kleinere Frauenkörper, deshalb sind Kurven out und Pilates-Arme in, also die definierten, aber nicht muskulösen Arme der Pilates-Girlies.“ Nach wenigen Tagen haben Millionen Menschen den Clip gesehen. Die New York Times macht ein großes Interview, in dem die junge Frau ohne jede wissenschaftliche Expertise erklärt, es gebe einen Zusammenhang zwischen konservativen Regierungen und Pilates bzw. Jogging. Die Frauen in autoritären Regimen sollten offensichtlich nicht zu viel Raum einnehmen.
Macht Pilates nicht fit, sondern rechts?
Aber was, wenn sich hauptsächlich schlanke, wohlhabende Weiße von den sanften, effizienten Übungen angezogen fühlen? Was, wenn er konservative Schönheitsideale und einen elitären Lebensstil feiert? Was, wenn Body Positivity am Ende genau das heißt: ein positives Verhältnis zum eigenen, fitten Körper zu haben? Ist Pilates dann gesichert rechts? Ist es verwerflich, fit und attraktiv sein zu wollen?

Neuerdings ist alles politisch aufgeladen, selbst eine Gymnastikstunde.
Im Erfolgspodcast „Call your Daddy“ klagte eine Reality-Darstellerin kürzlich, ihr Mann habe ihr zu Pilates geraten, damit er sie wieder hot finde. In Machokreisen der Manosphere werden Pilates-Frauen anerkennend als „Ehrenfrauenmaterial“ bewundert. Wer eine von ihnen datet, hat quasi eine Trophäe ergattert. Eine, die sich pflegt und auf sich achtet. Aber auch eine, die nie zu stark wird oder, Gott bewahre, mehr Muskeln entwickelt als er. Denn die Muskeln sollen beim Pilates lang und elegant bleiben. In jedem dritten Video wird damit geworben, dass die Übungen nicht zu „bulky“, also massig, machen.
Alles eine Frage der Haltung
Aber ist das nicht vollkommen legitim? Die New York Post entgegnet: „Vielleicht schwingt nach Jahren des ‚Fett ist gleich fit‘-Diktats durch Medien und Wissenschaft das Pendel einfach wieder zurück zu einem gesunden Menschenverstand. Die Leute wollen einfach nicht wie übergewichtige Schluffis aussehen.“
Das Fitnessstudio wird zum neuen Kampfplatz der Ideologen.
Zurück zu Ihnen, liebe Leserin. Sie sehen bei den Promis täglich, wie effizient dieser Sport ist? Ihnen ist ein straffer Körper jeden Cent wert? Sie möchten sich schön fühlen und haben nichts gegen rasierte Achseln? Dann sollten jetzt alle Alarmglocken bei Ihnen schrillen. Sie haben sich quasi mit der Studio-Anmeldung für ihre Körpermitte und gegen die politische Mitte entschieden. Aber überdehnen Sie die Geduld der Woken nicht. Denn für die gilt: „Rechts ist immer da, wo wir nicht sind.“
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Melanie Grün
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