Ärger um Bundestagsreise ins Thomas-Mann-Haus: Kein Zutritt für AfD-Abgeordnete!
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Bei einer Reise des Bundestags-Kulturausschusses steht auch ein Besuch des Thomas-Mann-Hauses in Los Angeles auf dem Plan. Doch die Kulturinstitution, die durch deutsches Steuergeld finanziert wird, verwehrt einem AfD-Bundestagsabgeordneten den Zutritt. Das woke Akademikermilieu will lieber unter sich bleiben.
Eigentlich sollte es ein gemütlicher Ausflug werden: Seit geraumer Zeit plant der Unterausschuss des Bundestages für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (UAKBP) eine Reise nach Mexiko und an die Westküste der USA. Auf dem Programm steht dabei auch ein Besuch des Thomas-Mann-Hauses in Kalifornien, das vom Auswärtigen Amt in Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird. Hier lebte der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann von 1942 bis 1952. Heute dient der Ort als Kulturinstitution und Begegnungsstätte.
Am vergangenen Wochenende hob der Flieger in Richtung Westen ab. Mit an Bord waren jedoch nicht alle elf Mitglieder des Ausschusses. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Moosdorf fehlte. Warum?
Als am 19. Februar der Unterausschuss ein letztes Mal vor der Reise tagte, gab Michelle Müntefering (SPD), die Vorsitzende des Unterausschusses, mit betretener Miene bekannt: Der Besuch des Thomas-Mann-Hauses sei gestrichen. Der Grund: Das Thomas-Mann-Haus verwehre dem AfD-Abgeordneten Moosdorf den Zutritt. Bei den Abgeordneten herrschte zunächst betretenes Schweigen. Nur CDU-Politikerin Monika Grütters soll kleinlaut bekundet haben, dass dieser Schritt nun doch wirklich zu weit gehe. Moosdorf jedenfalls trat von der Reise zurück. Er wolle nicht, dass der Rest des Ausschusses seinetwegen auf den Besuch des Hauses verzichten müsse, erklärt er gegenüber NIUS.

Die Mitglieder des Kultur-Unterausschusses.
Wie kam es zu der Einlasssperre?
Der 59-jährige Matthias Moosdorf ist von Beruf Cellist sowie ehemaliges Mitglied des Leipziger Streichquartetts und des Leipziger Kammerorchesters. Vor seiner Abgeordnetentätigkeit gab er sogar ein Konzert im Thomas-Mann-Haus in den USA, was die Geschichte rund um das Kulturetablissement besonders absurd macht. 2021 zog Moosdorf mit 25,6 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis Zwickau als Direktkandidat in den Bundestag ein. Warum also wird einem Mann, der selbst aus der Kulturszene stammt, und der ein demokratisch gewählter Bundestagsabgeordneter ist, der Zutritt zu einer kulturellen Begegnungsstätte verwehrt, die zudem noch durch Steuergeld finanziert wird?
Das ehemalige Wohnhaus von Thomas Mann wird gemeinsam mit der in der Nähe befindlichen Kulturresidenz Villa Aurora von einem in Berlin ansässigen Verein verwaltet. Dieser versteht sich „als unabhängiger und parteipolitisch ungebundener Mittler“ zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA. Im Kuratorium des Vereins sitzen auch Vertreter des Auswärtiges Amtes und von Staatsministerin Claudia Roth.
NIUS fragte nach, wie es zu der Einlasssperre kam: „Der Vorstand von Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. hat beschlossen, keine AfD-Mitglieder in den Residenzhäusern in Los Angeles zu empfangen“, bestätigt ein Sprecher. „Die Geschichte und die Mission der Villa Aurora und des Thomas Mann Hauses verbieten es, Menschen Zutritt zu gewähren, die Mitglieder völkischer, nationalistischer und demokratiefeindlicher Organisationen sind. Dazu zählt die Partei Alternative für Deutschland, die vom Verfassungsschutz bundesweit als rechtsextremistischer Verdachtsfall und in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextrem klassifiziert wird.“
Die Entscheidung habe der Vorstand jedoch „nicht leichtfertig“ getroffen, heißt es. „Der Verein Villa Aurora & Thomas Mann House ist bereit dazu, sich einem Gespräch mit Vertretern und Vertreterinnen des gesamten politischen Spektrums zu stellen. Das ist Teil seines demokratischen Selbstverständnisses.“
NIUS fragte auch bei Michelle Müntefering nach: Wie bewertet die SPD-Vorsitzende des Unterausschusses das Vorgehen des Thomas-Mann-Hauses, gerade mit Blick auf die Finanzierung der Einrichtung durch Steuergeld? Ist diese Ausgrenzung förderlich für den politischen Diskurs? Eine Antwort blieb aus.

Exil: Thomas Mann sitzt an seinem Schreibtisch in Los Angeles.
„Unheilvolle Fußstapfen“
AfD-Politiker Moosdorf hingegen versteht die Welt nicht mehr. „Es ist untragbar, wenn vom Bund zum großen Teil finanzierte Vereine in undemokratischer und jede gesellschaftliche Fairness mit Füßen tretender Weise politische Ausgrenzung betreiben“, beschwert er sich. „Es gibt keine Abgeordneten erster oder zweiter Klasse. Es gibt nur vom Volk gewählte Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Die verantwortlichen Kulturmanager, wie schon bei der Berlinale, wissen offenbar nicht, in wessen unheilvolle Fußstapfen sie mit ihrem Verhalten treten. Es ist umso lächerlicher, weil ich in diesen Häusern schon konzertiert habe. Damals wurden wir von den Nachfahren vieler Emigranten mit viel Aufmerksamkeit bedacht, zum Beispiel von Ronald Schönberg, dem Enkel des jüdischen Komponisten Arnold Schönberg. Unsere Gesellschaft ist krank, ihr selbstherrlicher Übermoralismus nimmt immer totalitärere Züge an.“
Schon der Spiegel berichtete über den Genossenfilz
Noch interessanter wird die Ausladung, wenn man die jüngere Geschichte des Thomas-Mann-Hauses betrachtet: Ursprünglich sollte das Gebäude Anfang der 2010er Jahre abgerissen werden. Doch die Bundesrepublik Deutschland rettete die Villa am Westrand von Los Angeles und kaufte das Haus im November 2016, um es zu einer Künstlerresidenz umzufunktionieren. Laut Angaben der Immobilienfirma zahlte der deutsche Staat dafür 13 Millionen Dollar. Für weitere fünf Millionen Dollar wurde das Gebäude saniert. Die finanziellen Kosten tragen seitdem das Auswärtige Amt und das Kanzleramt. Im Kanzleramt ist mittlerweile Claudia Roth (Grüne) dafür zuständig, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Schon 2018 berichtete der Spiegel über einen Genossenfilz rund um das Thomas-Mann-Haus. Es stelle sich die Frage, ob das Projekt ein Beispiel dafür werden könne, „welches Eigenleben politische Netzwerke entwickeln können“, hieß es im Bericht. Im Fokus stand damals Dr. Markus Klimmer, ein ehemaliger Partner von McKinsey und früherer Wirtschaftsberater des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Noch heute ist Klimmer der Vorsitzende der „Organisation Villa Aurora & Thomas Mann House e.V.“. Klimmer stellte damals eine persönliche Bekannte als Architektin ein, die für die Renovierung des Hauses zuständig war und die die Umbauten plante. Auch sie hatte Verbindungen zu Steinmeier. Ihr Ehemann war einst dessen Büroleiter, als Steinmeier Chef des Kanzleramtes war. Steinmeier eröffnete das Haus 2018 nach umfassender Renovierung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet das Thomas-Mann-Haus. Das ehemalige Wohnhaus von Thomas Mann wurde vom Auswärtigen Amt 2016 erworben und saniert.
Neben dem Bundeshaushalt finanzieren auch zahlreiche private Spender die Künstlerdomäne in Kalifornien. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ist als Förderer gelistet, genau wie die Berthold Leibinger Stiftung. So können zahlreiche Stipendien und Fellowships ausgestellt werden, vorrangig für linke Aktivisten, die vor Ort in Ruhe und ohne finanzielle Sorgen arbeiten wollen.
Auch die postkoloniale Fraktion geht im Haus ein und aus
Aktuelle Fellows im sonnigen Los Angeles sind etwa Susanne Baer, Genderprofessorin und bis 2023 Verfassungsrichterin in Karlsruhe, der Pianist Igor Levit, der Zeit-Journalist Georg Diez oder die Autorin Ciani-Sophia Hoeder, die sich als Fellow des Thomas-Mann-Hauses mit „ökologischem Rassismus“ auseinandersetzt. Auf der Internetseite heißt es: „Sie untersucht, inwieweit man BIPoC Urban Farming als Praxis des Widerstands gegen White Supremacy interpretieren kann. Ist dies ein Mittel und Werkzeug, um die Demokratie zu verbessern, unterrepräsentierte Gemeinschaften zu stärken und die Umwelt zu schützen?“
Auch die postkoloniale Fraktion geht vor Ort ein und aus: Kürzlich zugegen als Fellow war auch der Autor Mohamed Amjahid, der durch Bücher wie „Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein“, bekanntgewurde und der auf X die Meinung vertrat: „Für ‚Deutschland hat eine eklige, weiße Mehrheitsgesellschaft‘ muss sich meines Erachtens niemand entschuldigen.“ Auch Alice Hasters, die in zahlreichen Büchern gegen die „weiße Mehrheitsgesellschaft“ polemisierte, durfte 2023 zwei Monate vor Ort verbringen.

Konservative Stimmen finden sich in der vom Steuerzahler mitfinanzierten Kulturinstitution in Los Angeles dagegen nicht. Das linke Kulturmilieu bleibt lieber unter sich.
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