ARD-Tagesthemen nehmen Evonik-Chef Kullmann ins Klimaverhör, weil er grüne Mythen aufdeckt
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Wer wissen will, wie fließend die Grenzen zwischen Berichterstattung und Propaganda sind und wie plump Information und Klima-Aktivismus ineinander übergehen, der bekam am Dienstagabend in den ARD-Tagesthemen ein Paradebeispiel frei Haus.
Es begann mit dramatischen Bildern vom Hurrikan „Melissa“, der mit Sturmböen von 300 Km/h über die Karibik hinweg zog, Regen, der heftigste Tropensturm der letzten 170 Jahre, „die Angst vor hohen Opfern und Schäden – riesig“, so die Reporterin aus dem Off. Eine Katastrophe, die man keiner Nation wünscht, sagt ein Experte … das durch den Klimawandel erwärmte Ozeanwasser mache schwere Hurrikane wahrscheinlicher. Helfer erwarten für Millionen eine humanitäre Notlage. Soweit so seriös.
Dann ordnet Moderatorin Julia-Niharika Sen die Dinge ein. „Hurrikane sind in der Region zwar nichts Ungewöhnliches, aber dass wir fast jeden Monat irgendwo ein Extremwetterereignis erleben“, das sei „eine Folge der Erderwärmung, betonen Klimaforscher.“ Kurz vor der nächsten UN-Klimakonferenz in Brasilien habe die EU noch immer nicht ihre Klimaziele eingereicht, stattdessen fordert nun der Chef des großen Chemiekonzerns Evonik, ganz Schluss zu machen mit dem Emissionshandel.
Von den Fakten her und für sich betrachtet, stimmt das alles, und doch ist die Erzählung klar: Evonik-Chef Christian Kullmann, der gleich im Interview zu Wort kommt, gehört in der Logik des Aufbaus der Sendung zu den „Klimakillern“, die zumindest indirekt mitverantwortlich sind für Hurrikane, Verwüstung, Tote und Klima-Krise.
Der nächste Beitrag stellt weniger den Interviewgast, sein Chemie-Unternehmen oder die Probleme der Branche vor, sondern zeichnet die Linien der Klimakämpfer nach: Wenn man den Emissionshandel abschaffen will, „dann weicht man das fundamentale Instrument auf für Klimaschutz“, sagt Niklas Höhne, Klimawissenschaftler vom New Climate Institut, im Beitrag. Chemie-Gewerkschafter Michael Vassiliadis plädiert ebenfalls für die Abschaffung der geplanten CO2-Bepreisung, und SPD-Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth, Urgestein der links-grünen Klimapolitik, erklärt: „Wir müssen noch nachlegen.“ „Unverantwortlich“, sagt Klimaforscher Höhne und hat das letzte Wort.

Die Tagesthemen-Erzählung: Evonik-Chef Christian Kullmann, der gleich im Interview zu Wort kommt, gehört in der Logik des Aufbaus der Sendung zu den „Klimakillern“, die zumindest indirekt mitverantwortlich sind für Hurrikane, Verwüstung, Tote und Klima-Krise.
„Wir brauchen eine Radikalreform“
Dann ist Moderatorin Julia-Niharika Sen am Zug, begrüßt Evonik-Chef Christian Kullmann in Essen und tastet sich mit einer raffinierten Frage an das Thema CO2-Preis heran: „Seit Einführung des Emissionshandels ist der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen um 48 Prozent zurückgegangen“, sagt Sen. „Ein beachtlicher Erfolg, oder?“
Kullmann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „Das war eine gute Wegstrecke, die wir zurückgelegt haben, doch jetzt ist es so, dass wir in einer neuen Welt sind, deshalb müssen wir handeln. Und vor diesem Hintergrund ist diese CO2-Gebühr für die Zukunft unserer Industrie, die Zukunft unserer Arbeitsplätze schädlich. Wir brauchen eine Radikalreform.“
Eine naheliegende Frage wäre: Warum ist das so? Doch Sen wechselt von der Rolle als Moderatorin zur Anwältin der Klimapolitik: „Aber ohne die Bepreisung von CO2 wären wir da doch kaum hingekommen“, hält sie dagegen. Kullmann bezweifelt das und verweist auf die Innovationskraft der deutschen Industrie, auf die neuen Technologien, die wesentlich für die CO2-Einsparungen seien, nicht die Strafgebühr.
„Aber“ auch diese Innovationen seien ja unter dem Druck entstanden und unter diesen „marktwirtschaftlichen Anreizen“, widerspricht Sen. „Das ist genau der Punkt“, sagt Kullmann. „Da waren keine marktwirtschaftlichen Anreize. Das war eine Gebühr.“ Man müsse jetzt die europäische Wirtschaft umbauen, müsse investieren, damit man weniger Ressourcen verbrauche. „Wir müssen Geld investieren in Forschung, Geld investieren in neue Technologien. Und dieses Geld, das wir dringend brauchen, jetzt in eine CO2-Gebühr zu stecken, das ist sinnlos! Das ist nicht gut. Das kostet Zukunft. Deshalb müssen wir das eben vermeiden.“

Im Klima-Verhör: Kullmann ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Das ist eine tolle Idee, aber sie funktioniert nicht“
„Aber“, sagt Sen wieder und macht es zum Schlüsselwort des Gesprächs. Nicht Ansichten und Argumentation von Kullmann werden abgefragt, sondern es wird erwidert, gegen gehalten. Die Innovationen seien doch auch ein wichtiger Wettbewerbsvorteil, wendet die Moderatorin ein. „Aber bitte, Frau Sen“, versucht es Kullmann noch einmal ganz kindgerecht. „Wir haben keinen regelbasierten Welthandel mehr.“ Es gebe Wettbewerb zwischen den Nationalstaaten um die attraktivsten Technologien. „Wenn wir sehen, dass unsere Wettbewerber in Asien, in den USA um diese CO2-Gebühr NICHT belastet werden, dann trifft uns das hier in Deutschland besonders hart.“
Es ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen, dass unsere teuren Exportgüter auf dem Weltmarkt weniger konkurrenzfähig sind. Dann fügt er fast schon flehend an: „Warum wollen wir denn unsere tollen Technologien, warum wollen wir denn unsere tollen Fortschritte jetzt aufs Spiel setzen, indem wir unsere Industrie mit dieser CO2-Gebühr zusätzlich belasten?“
Sen ist jetzt voll auf der Gegenspur unterwegs: Genau deshalb solle es doch einen CO2-Zoll geben für Importe aus Ländern, die ohne CO2-Handel produzieren. „Das ist eine tolle Idee, aber sie funktioniert nicht“, sagt Kullmann mit bewundernswerter Geduld. „Sie funktioniert nur dann, wenn alle auf der Welt mitmachen.“ USA, Indien, China machen „überhaupt nicht mit“. Sprich: Sie haben Wettbewerbsvorteile für die Konkurrenz, die bei uns Arbeitsplätze kosten. Eigentlich nicht so schwer zu verstehen. Deshalb keine weiteren Belastungen, Radikalreform, sondern „gleiches Spielfeld“ mit der Konkurrenz.
„Aber Herr Kullmann, diese Lockerungen würden ja all jene Unternehmen bestrafen, die sich seit Jahren darauf eingestellt haben!“ Sen versucht es nochmal. Motto: den angefangenen Unsinn weitermachen. Nein, sagt Kullmann. Wer bessere Produkte mit weniger Energie herstellt, der hat auch jetzt und in Zukunft keinen Nachteil.
„Da hilft eine CO2-Gebühr überhaupt nicht“
„Denn, liebe Frau Sen, das Klima ist ein Weltklima. Das kennt keine Grenzen. Was wir hier in Deutschland nicht investieren, was wir hier in Deutschland abschalten, das wird in anderen Regionen der Welt investiert zu viel, viel schlechteren CO2-Bedingungen.“
„Aber kapitulieren wir so nicht vor dem Klimawandel, weil jeder immer sagt: Das geht nicht, weil die anderen nicht mitmachen?“ Nein, sagt Kullmann. „Wir geben nicht auf. Wir kämpfen für eine bessere Welt.“ Dass auch die ganz normale Marktwirtschaft bessere, sparsamere Produkte hervorbringt, weil Energieverbrauch immer auch ein Kostenfaktor ist, dringt in die Verbots- und Regulierungslogik der Klimafreunde offenbar nicht vor. Er habe zwei Töchter, sagt Kullmann, denen er eine bessere Welt hinterlassen wolle. „Da hilft eine CO2-Gebühr überhaupt nicht. Die schadet, und deshalb muss sie weg. Oder mindestens sehr stark reformiert werden. Dafür werbe ich.“
„Aber“ dann drängt die Zeit. Das Interview haben wir am frühen Abend aufgezeichnet. Uff. Kein Aber.
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Ralf Schuler
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