Orbit statt Oberammergau: CSU-Klausur für die „Niere aus dem All“
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Jetzt sind sie ganz übergeschnappt, werden sich arglose Zeitgenossen denken, wenn sie sich das Wissenschaftskapitel im Beschluss-Papier (liegt NIUS vor) der CSU-Landesgruppe für die traditionelle Jahresauftaktklausur im oberbayerischen Kloster Seeon durchlesen. Dort wird die „Niere aus dem All“ gefordert und darauf verzichtet, wenigstens zu erklären, dass keine Spenderorgane gemeint sind, sondern der charakteristische Kühlergrill bei BMW.
„Niere aus dem All bauen“, heißt es dort: „Die nächste industrielle Revolution findet im Orbit statt. Wir wollen, dass die erste ‚Niere made in space‘ aus Deutschland heraus entwickelt wird. Dazu wollen wir Grenzen des Machbaren ins All verlagern, denn Space Manufacturing ermöglicht Innovationen, an denen die Erdschwerkraft bisher scheitert.“

Seit Jahrzehnten das Erkennungsmerkmal von BMW: der Kühlergrill in Nieren-Optik.
Die von vielen belächelte „Himmelsstürmerei“ der Christsozialen hat eine lange Tradition, gehört heute zum festen Folklorebestand der Weißblauen und geht mindestens auf Urvater Franz Josef Strauß zurück, der den Freistaat vom Agrarland zum Hightech- und Industrie-Standort umbaute. Edmund Stoibers „Laptop und Lederhose“ passt ebenso in diese Reihe wie das Raumfahrtprogramm „Bavaria1“ von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), das vor Jahren als „Söderchens Mondfahrt“ verspottet wurde, inzwischen aber etliche Start-ups nach Bayern gezogen hat.

CSU-Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber mit seiner Frau Karin
Träumen im Orbit, während die Wirtschaft ächzt
Bei allem Verständnis für Wissenschaft als Zukunftsinvestition und die Botschaft „Forschung schafft Wohlstand“, mutet es doch immer wieder etwas – nun ja – weltfremd an, im All produzieren zu wollen, während die deutsche Wirtschaft auf der Erde in der Krise steckt. Da mag die Begründung noch so plausibel klingen: „Durch die Schwerelosigkeit sind besondere Fertigungsprozesse möglich, Gewebestrukturen und Blutgefäße können zum Beispiel durch 3D-Druck im All stabiler gedruckt werden. Auch Organstrukturen behalten ihre Form und Zellen können sich besser und schneller entwickeln – so wollen wir den Bedarf an Spenderorganen wie Herzen und Lebern senken und die Transplantationsmedizin revolutionieren. Das All als lebensfeindliche Umgebung kann so zum Treiber für lebensrettende Entwicklungen werden. Dazu brauchen wir mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie mehr Raumstationen mit Laboren. Die Raumfahrt ist deshalb ein zentraler Bestandteil der Hightech Agenda Deutschland. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Teil unserer ambitionierten und weitsichtigen Weltraumstrategie.“
Deutschland soll Hightech-Standort werden
Der CSU geht es dabei um ein ganzes Bündel von Botschaften: Tradition von Oktoberfest bis Schuhplattler UND Spitzentechnologie, Gegengewicht zur Technik- und Innovationsfeindlichkeit der Grünen, Forschungsinvestitionen statt Umverteilung à la SPD, und natürlich soll auch ganz handfest um die Ansiedelung von Zukunftstechnologie geworben werden.

Alljährlich grübeln im Kloster Seeon die wichtigsten CSU-Politiker über die Ausrichtung der Partei
Dazu haben die Forschungsfreunde der CSU-Landesgruppe unter Alexander Hoffmann programmatisch nicht minder ambitioniert nach den Sternen gegriffen als ihre Fachkollegen bei Finanzen oder Verteidigung. BAföG („Chancen Booster“) soll es auch für Handwerksberufe geben, Forschungsbürokratie soll drastisch reduziert werden, autonomes Fahren im ländlichen Raum gefördert und die medizinische Forschung für „postinfektiöse Erkrankungen“ massiv gestärkt werden. Gründungen mit neuen Technologien sollen leichter werden und Deutschland zum Hightech-Standort machen.
Und wenn dann noch geklärt wird, welche Kfz-Zulassungsstelle für die „Niere aus dem All“ zuständig ist, kann es auch gleich losgehen …
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Ralf Schuler
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