Der Kampf um TikTok: Habeck geht live und wird mit blauen Herzen geflutet
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Die Brandmauer ist gebrochen!
Nicht zur AfD, sondern zur chinesischen Social-Media-Plattform TikTok. Die politische Linke in Deutschland hat mit einiger Verspätung festgestellt, dass inzwischen 21 Millionen Menschen in Deutschland jeden Monat auf TikTok unterwegs sind und man diesen digitalen Raum in weiten Teilen allein der AfD überlassen hat. Dabei zeigen Studien und Befragungen, dass gerade bei jungen Menschen soziale Medien zur Haupt-Informationsquelle geworden sind.
Deshalb postet inzwischen auch der Bundeskanzler langweilige Videos über den Inhalt seiner Aktentasche (Überraschung: Akten) auf TikTok. Auch bei der FDP wird das Thema fokussiert. Seit Donnerstag ist nun auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), der den sozialen Medien eigentlich mal den Rücken gekehrt hatte, mit von der Partie.
„Ihr werdet mich jetzt hier öfter sehen“, sagte Habeck bei seinem ersten Live-Auftritt auf der Plattform. Habeck zeigte sich gewohnt verwuschelt, im weißen Hemd, mit hochgekrempelten Ärmeln und einem Pullunder. Im Hintergrund hingen beide Deutschland-Trikots – weiß und pink. Auf die Frage, welches ihm besser gefalle, sagte er: „Das Pinke, weil es etwas frecher ist.“

So kündigte Habeck an, dass er nun bei TikTok ist.
Kein Wort zum aktuellen Skandal
Der Wirtschaftsminister sprach über seinen Alltag als Minister, eine drohende Kriegsgefahr für Deutschland und warum er jetzt bei TikTok sei.
Zu den Täuschungs-Vorwürfen gegen sein Ministerium bei der Frage der Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, über die das Magazin Cicero berichtet und dabei aus frei geklagten Dokumenten aus Habecks Ministerium zitiert, äußerte er sich nicht. (NIUS berichtete)
In der Spitze verfolgten etwa 3900 Personen den etwa 30-minütigen Stream. In der Kommentar-Spalte kippte die Stimmung schnell von grüner heiler Welt in heftige Kritik gegen den Minister. Zahlreiche User forderten seinen Rücktritt, andere schrieben, er solle die Plattform wieder verlassen. Der mit Abstand häufigste Kommentar, den TikTok auch als „am häufigsten gesendet“ hervorhob, waren eine Reihe blaue Herzen, die tausendfach versendet wurde.
Der Kampf um TikTok und die junge Zielgruppe
Es ist der Kampf um die Deutungshoheit bei der jungen Zielgruppe. Und die hat aktuell nachweislich die AfD inne. Das zeigt nicht nur die Tatsache, dass die Partei bei Wählern unter 30 Jahren inzwischen die beliebteste Partei ist (22 Prozent), sondern auch die Reichweiten, die AfD-TikToker regelmäßig mit ihren Beiträgen erzielen: nämlich mehr als alle anderen Parteien zusammen.
In der „Trendstudie Jugend Deutschland“ heißt es: „Die meisten Parteien tun sich schwer dabei, ihre Kommunikationskanäle für ein junges Publikum attraktiv und für die mobile Nutzung freundlich zu gestalten. Das gilt vor allem für die beiden größten und mitgliederstärksten Parteien, die etablierten Volksparteien CDU/CSU und SPD.“
Die Autoren der Studie empfehlen den übrigen Parteien gar, „hier nachzuziehen und insbesondere auch ihre Akteure dazu zu ermutigen, sich (mit professioneller Unterstützung) auf diese Kanäle zu trauen“.
Früher gefährlich, heute wichtig im politischen Streit
Dabei galt TikTok bisher als gefährlich, zu groß sei das Risiko, der chinesische Staat könne persönliche Daten abgreifen oder die Plattform gar zur Spionage nutzen.
Deshalb etwa gibt es im Bundeskanzleramt extra spezielle Handys, die nur für den TikTok-Einsatz benutzt werden und auch nur in einem einzigen Raum, damit die möglicherweise lauschenden Chinesen kein Bewegungsprofil des Bundeskanzlers erstellen können. So berichtet es The Pioneer.
Auf internationaler Ebene ist man da deutlich strenger: Ebenso wie in US-Behörden ist die Verwendung der chinesischen App TikTok im EU-Parlament auf Dienstgeräten verboten. Die App des chinesischen ByteDance-Konzerns darf demnach auf Parlaments-eigenen Geräten wie Handys und Tablets „nicht genutzt oder installiert werden“, hieß in einer Mitteilung vor etwa einem Jahr. Bei der Bundeswehr und im gesamten Dienstbereich des Verteidigungsministeriums ist die App bereits seit April 2020 verboten.

Grünen-Chef Omid Nouripour will jetzt auch bei Social Media durchstarten.
Die Übermacht der AfD veranlasst nun immer mehr Politiker, ihre eigenen Mahnungen und Warnungen vor der App über Bord zu werfen und selbst aktiv zu werden – mit mehr oder weniger erfolgreichen und peinlichen Beiträgen.
Grünen-Chef Omid Nouripur etwa übt sich als Karate-Kämpfer, der die AfD zerschlagen will, seine jüngste Bundestags-Kollegin Emilia Fester tanzt regelmäßig durch das Reichstags-Gebäude. FDP-Fraktionschef Christian Dürr hat sich mit 42 Videos stolze 2023 Follower aufgebaut und einen einzigen Achtungserfolg mit 20.000 Aufrufen (ein Ausschnitt aus einer Bundestagsrede) erreicht.
„Reclaim Tiktok“, lautet das Motto. Zu Deutsch: TikTok zurückfordern. Die User werden, wie es sich für eine Demokratie gehört, entscheiden. Diesmal jedoch nicht mit ihrem Kreuzchen, sondern mit ihrer Aufmerksamkeit.
Mehr NIUS: EU-Kommission: Verfahren gegen Online-Plattform TikTok
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Julius Böhm
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