Falsche Vorwürfe gegen Aiwanger wegen Auschwitz-Flugblatt: Der Super-GAU für die SZ
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Es könnte einer der größten Medienskandale der Bundesrepublik werden – ähnlich wie bei den gefälschten Hitler-Tagebüchern im Stern 1983. Im Mittelpunkt steht die Süddeutsche Zeitung (SZ) und ihr Investigativ-Team sowie die Chefredaktion um Wolfgang Krach und Judith Wittwer.
Was ist passiert? Am Freitagabend hatte die Süddeutsche Zeitung ein Flugblatt veröffentlicht, das Hubert Aiwanger, den Chef der Freien Wähler in Bayern, in der elften Klasse verantwortet haben soll. Das Schriftstück lobt unter der Überschrift „Bundeswettbewerb – Wer ist der größte Vaterlandsverräter?“ unter anderem einen „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ als Preis aus.

Die Süddeutsche Zeitung warf Aiwanger vor, der Verfasser dieses antisemitischen Schreibens zu sein.
Die SZ titelte: „Belastendes Dokument: Aiwanger soll als Schüler antisemitisches Flugblatt verfasst haben“. In dem Text werden anonyme Zeugen zitiert, die Aiwanger belasten. Namentlich wird kein Ankläger genannt. Aiwanger hatte auf SZ-Anfrage über einen Sprecher die Vorwürfe dementiert und rechtliche Schritte im Fall einer Publikation angekündigt.

So titelte die SZ am Samstag
Im Oktober wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt. Aiwanger ist seit 2018 Vize-Regierungschef unter Ministerpräsident Markus Söder. Söder hatte Aiwanger am Samstagvormittag aufgefordert, sich öffentlich zu erklären. Dem kam der Freie Wähler Chef am Nachmittag nach.

Erklärung von Aiwanger
„Ich habe das fragliche Papier nicht verfasst und erachte den Inhalt als ekelhaft und menschenverachtend“, teilte der 52-Jährige in einer schriftlichen Erklärung mit. „Der Verfasser des Papiers ist mir bekannt, er wird sich selbst erklären“, so der stellvertretende Ministerpräsident von Bayern weiter. „Weder damals noch heute war und ist es meine Art, andere Menschen zu verpfeifen“, ergänzte er.
Als Aiwanger sich zu den Vorwürfen äußerte, konterte die Süddeutsche Zeitung mit einem Gutachten. Dies soll beweisen, dass der Flyer mit derselben Schreibmaschine getippt wurde wie Aiwangers Facharbeit im Gymnasium. Als Indiz wird beispielsweise die Schreibweise des Buchstaben „W“ genannt.

Nach dem Aiwanger-Statement veröffentlichte die SZ ein Gutachten, welches die Herkunft des Flyers beweisen sollte.
Doch um 19:21 Uhr am Samstag wendete sich das Blatt durch ein Statement von Helmut Aiwanger in der Passauer Neuen Presse (PNP). Der ältere Bruder von Hubert Aiwanger bekannte sich zu dem Schreiben.
Zur Begründung, warum Helmut Aiwanger diese Hetzschrift formuliert hatte, gab der Niederbayer an, es sei eine Art Protest gewesen. „Ich war damals total wütend, weil ich in der Schule durchgefallen bin und aus meinem Kameradenkreis herausgerissen wurde“, sagte Helmut Aiwanger am Telefon gegenüber der Mediengruppe Bayern. „Damals war ich auch noch minderjährig. Das ist eigentlich alles, was ich dazu sagen kann.“ Die beiden Brüder waren 1987/88 gemeinsam in der elften Jahrgangsstufe des Burkhart-Gymnasiums in Mallersdorf-Pfaffenberg.
Für die vielfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnete SZ ist dieses Geständnis der absolute Super-GAU! Denn: Die Vorwürfe, die sie gegen Aiwanger erhoben hatte – geeignet, um ihn politisch und gesellschaftlich zu ächten – wurden mit einem Mal zunichtegemacht.
Klar ist: Wer eine solche Geschichte veröffentlicht, nimmt die Zerstörung einer Person billigend in Kauf. Der Zeitpunkt kurz vor der Wahl in Bayern spricht eine eindeutige Sprache: Die Süddeutsche Zeitung muss bereits lange vom Flugblatt gewusst haben. Denn vor der Veröffentlichung besorgte sie zahlreiche Unterlagen und das Schreibmaschinengutachten.
Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber des Stern, Andreas Petzold, schrieb auf dem Kurznachrichtendienst X (früher Twitter). „Bin ziemlich sicher, dass die SZ-Chefredaktion den Samstagabend im Krisenmodus verbringt. Jetzt geht es bei der erforderlichen Reaktion der SZ um Tempo, Transparenz, Verantwortlichkeit und Konsequenz.“
Der Journalist Christoph Lemmer vergleicht die Affaire Aiwanger mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern im Stern 1983.
Aus der Politik waren nach dem SZ-Bericht die Rufe nach einem Rücktritt Aiwangers laut geworden. So schrieb Katharina Schulze (Grüne): „Wenn die Vorwürfe sich bewahrheiten, dann muss Markus Söder Hubert Aiwanger entlassen.“
SPD-Politikerin Sawsan Chebli postete: „Als Schüler verfasste Aiwanger ein antisemitisches Flugblatt, das alles überschreitet, was man für möglich gehalten hat.“ Inzwischen ist der Post von ihr gelöscht worden.

Sawsan Chebli postete diesen Beitrag auf der Platform X. Später löschte sie diesen.
Selbst Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) übte sich nicht in Zurückhaltung, sondern stieg in die Vorwürfe mit ein.
Für den Frankfurter Korrespondenten der Financial Times hingegen ist die Sache klar: „Das Statement von Aiwanger ist eine absolute Blamage für die SZ –und ein schönes Beispiel dafür, warum saubere, detaillierte und vor allem hartnäckige Konfrontation so wichtig ist. All dass hätte der SZ vor der Berichterstattung vorliegen müssen.“
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