„Fettes Bankkonto”, „dicke Schmuckkassette”, „Oldtimer-Sammlung verkaufen”: Warum spricht die CDU wie die Sozialisten?
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Er ist wieder da. Nicht der Unhold mit dem Bärtchen, sondern der leistungslos zu Wohlstand gekommene Millionär, der dekadent-verschwenderische Emporkömmling reicher Eltern, der nichtsnutzig im Überfluss unverdienten Geldes schwimmt und von der solidarischen Gemeinschaft endlich mal hart rangenommen werden muss. Dass die SPD in der Debatte über die Reform der Erbschaftssteuer die Reichen und „Superreichen“ als Zerrbilder des Kapitalismus wiederentdeckt, verwundert freilich weniger, als die Abschöpf-Rhetorik ausgerechnet der Union.
Beispiel Unionsfraktionsvize Mathias Middelberg (CDU) bei „Markus Lanz“: „Wer Multimillionär ist und an seinem Unternehmen gut verdient hat, der soll ordentlich zahlen. Und wenn er eine Oldtimer-Sammlung hat und da irgendwie 30 Oldtimer stehen hat, dann muss er mindestens ein Drittel dieser Oldtimer verkaufen im Zweifel, wenn er dann vererbt. Oder seine Erben müssen das machen. Das ist völlig in Ordnung und die Leute sollen auch ordentlich zur Kasse gebeten werden.“
Geradezu liebevoll wird hier das Bild vom irgendwie anstößigen, unsympathischen Parvenü ausgemalt, von den unnützen Fettaugen auf der gesellschaftlichen Suppe, denen die Gemeinschaft der Fleißigen mit schwer verhohlener Schadenfreude das Finanzamt auf den Hals hetzt. Und weil das kein einmaliger Versuch der Anbiederung an den SPD-Koalitionspartner und kein ausnahmsweiser Wurf nach der Speckseite der Neidgesellschaft war, legte Middelberg anschließend im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF gleich nochmal nach:
„Also wenn Sie ein fettes Bankkonto haben oder eine dicke Schmuckkassette, dann soll die auch ordentlich versteuert werden – da haben wir auch gar keine Meinungsdifferenz. Und das ist auch bisher der Fall. Das kann bis zu 50 Prozent Erbschaftssteuer jetzt schon geben.“

Mathias Middelberg (CDU)
Kampf dem wohlstandsverwahrlosten Golfspieler
„Fettes Bankkonto“, „dicke Schmuckkassette“, „Oldtimer-Sammlung“ – wenn Bürgerliche Linken gefallen wollen, klingt das schon mal wie Linken-Ikone Heidi Reichinnek, mit der sich Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) im September bei „Maybrit Illner“ (ZDF) schon einig war, „dass die Vermögensverteilung, dass die so nicht in Ordnung ist“. Lassen wir mal beiseite, dass die CDU allein im Jahr 2025 aus diesem anrüchigen Milieu rund 6,6 Millionen Euro an (zum Teil steuerlich abzugsfähigen) Großspenden oberhalb von 35.000 Euro (laut Bundestagsliste) erhielt und dies nicht für anstößig hielt, so ist doch bemerkenswert, wie engagiert und metaphernreich die Bürgerlichen hier im roten Sumpf zu fischen suchen, der im Zweifel gegen sie auf die Straße geht.
Wer als Finanzpolitiker wie Middelberg die bestehende Erbschaftssteuer rechtfertigen will oder muss, kann das selbstverständlich tun. Die Frage liegt allerdings nahe, ob das zwingend in einer Tonlage konfiszierender Kommunarden geschehen muss, als ob der wohlstandsverwahrloste Golfspieler und Yachtbesitzer ein ernst zu nehmendes Massenphänomen der sozialen Marktwirtschaft sei. Historisch diskreditierte Wortwahl und ideologische Ideenwelten werden nicht besser, wenn sie von Bürgerlichen nachgenutzt werden. Wer dem ohnehin albernen und abgewetzten Vorwurf sozialer Kälte vorbauen will, muss sich deshalb nicht gleich auf das intellektuelle Niveau indoktrinierter Billigheimer begeben, bei denen für die Union nichts zu gewinnen ist.
Wohlstand, auch vererbter, hat immer auch mit individuellen Lebensleistungen zu tun und wird in vielen Fällen deutlich effizienter zugunsten des Allgemeinwohls eingesetzt, als es durch die zwangsweise Einspeisung in die öffentlichen Haushalte der Fall ist. Die alte Innenstadt von Potsdam wäre ohne das millionenschwere Engagement von Günther Jauch über weite Teile dem Verfall preisgegeben, SAP-Gründer Hasso Plattner spendierte der Brandenburger Landeshauptstadt einen ganzen Campus und eine beachtliche Kunstsammlung, und der deutsche Spitzen- und Breitensport könnte ohne private Sponsoren vielerorts dichtmachen.

„Fettes Bankkonto“, „dicke Schmuckkassette“, „Oldtimer-Sammlung“ – wenn Bürgerliche Linken gefallen wollen, klingt das schon mal wie Linken-Ikone Heidi Reichinnek.
Vom tragischen Kern politischer Plagiate
Gerade von der Union darf man erwarten, dass sie sich nicht klebrig bei denen anbiedert, die Gleichmacherei und Sozialismus als Markenzeichen führen, sondern ihre in Umfragen mehr und mehr bedrohte Existenzberechtigung durch umfassende gesellschaftspolitische Klugheit und Verzicht auf Revoluzzer-Versatzstücke unter Beweis stellen.
Der tragische Kern hinter solchen antikapitalistischen Attitüden ist, dass auch die Union längst keinen Selbstvergewisserungskern mehr hat, der die Partei als weltanschaulichen Gravitationskern zusammenhält. Geradezu leichtfertig und fahrlässig hat man von linken Anti-Rechts-Kämpfern die Nazifizierung der AfD als Gesamtpartei übernommen, um kurzfristig markige Distanzierung zu signalisieren. Klug wäre es gewesen, frühzeitig die fatale Sackgasse zu erkennen, in die man sich begibt, wenn man größere Wählergruppen komplett ins demokratische Abseits stellt. Man hätte den politischen Konkurrenten zur Rechten auch attackieren können, ohne den schärfsten und lebenslang stigmatisierenden Vorwurf zur Abwehr der Lucke-Petry-Weidel-Partei zu wählen.
Ganz gleich, ob Nazis oder Reiche, wer „konservativ“ mit „klüger“ übersetzt, macht sich solche populistischen Plattheiten nicht zu eigen, sondern weiß, dass die freiheitliche und marktwirtschaftliche Ordnung auch aus maßvoller und moderierter Ungleichheit lebt, die Anreiz ist und Belohnung für Leistung. Middelberg und die Union wissen, dass die wohlhabendsten zehn Prozent der Bevölkerung rund 55 Prozent der Steuern zahlen, und müssen sich nicht wundern, wenndie Bedienung antikapitalistischer Stereotype darin mündet, dass sie (siehe Berlin) plötzlich gemeinsam mit der SPD ein Enteignungsgesetz beschließen, den Mietmarkt deckeln oder bei Quoten und pauschalem Mindestlohn unter Druck geraten, der das Tarifgefüge ruiniert.
Markt und politischer Wettbewerb leben und funktionieren durch Konkurrenz, Unterscheidbarkeit und Klugheit. Politische Plagiate braucht kein Mensch.
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Ralf Schuler
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