Warum Friedrich Merz in den eigenen Reihen als „Quassel-Kanzler“ gefürchtet ist
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Gerade erst hat Kanzler Friedrich Merz (CDU) den großen Tag der Entscheidungen („Den großen Tag wird es nicht geben“), den seine eigene Regierung als Ausweis der Handlungsfähigkeit ausgegeben hatte, wieder eingesammelt. Auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow wiederholte er sein Mantra, die Deutschen müssten sich den „Reflex des Schlechtredens“ abgewöhnen, hätten noch großartige Zeiten vor sich, und mit der AfD falle Deutschland in die Zeit „vor Adenauer“ zurück.
Ganz gleich, ob es um das rituelle Absingen der „Kein schöner Land“-Melodien geht, um die Rente als „Basisabsicherung“, um die zu wenigen Arbeitsstunden der Deutschen, um Gastarbeiter, die das Wirtschaftswunder angeblich geschaffen haben, um Zurechtweisungen an eine krebskranke Fragestellerin oder die naseweise Belehrung der Trump-Administration aus einer Schule im Sauerland heraus: Kaum eine Rede von Friedrich Merz vergeht, ohne dass Schaden im In- oder Ausland angerichtet wird oder sich der Kanzler in Widersprüche verwickelt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seiner Rede auf dem DGB-Bundeskongress
Friedrich Merz, der Quassel-Kanzler!
Beim Besuch der SPD-Fraktion im Bundestag verbat sich Merz „rote Linien“, die er selbst noch zwei Wochen vorher bei „Caren Miosga“ (ARD) mit Blick auf Steuererhöhungen gezogen hatte. Immer wieder beschwört er die Zahl der Konsumenten in Europa als vermeintlichen Ausweis wirtschaftlicher Stärke, obwohl die entscheidende Kennziffer eigentlich die Kaufkraft sein müsste, nicht die bloße Zahl der Käufer. Sonst wäre Indien eine wirtschaftliche Weltmacht. Merz beschwört die Freundschaft zu Israel und setzt wenig später als erster Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte die Waffenlieferungen an Israel aus.
Mitsprechen können seine Zuhörer auch das Beschwören der schwierigen Weltlage, die angebliche Rettung der NATO und den Hinweis, dass Historiker dereinst erst wirklich ermessen können werden, welche „disruptiven“ Veränderungen in diesen Tagen die Weltordnung „tektonisch verschieben“. Spricht man mit führenden Unionsleuten, so verdrehen die oft schon die Augen, wenn man Kanzler-Reden erwähnt. „Was hat er denn jetzt schon wieder erzählt?“
Fakt ist, dass Merz deutlich mehr öffentliche Auftritte absolviert als seine Amtsvorgänger und dabei regelmäßig das Wort ergreift. Kanzlerin a.D. Angela Merkel (CDU) dosierte in Absprache mit ihrer Kommunikationschef Eva Christiansen ihre Termine und ging erkennbar sparsam mit Ansprachen um. Merkel hielt durchschnittlich 6,6 Reden pro Monat, wenn man ihre Amtszeit (193 Monate) auswertet. Olaf Scholz (SPD) hielt in seinen 41 Monaten rund 9,2 Ansprachen pro Monat, Merz bringt es in den ersten 13 Monaten bereits im Schnitt auf ca. 12,4 Reden.
In der CDU wird immer häufiger die Frage gestellt, wer die Auftritte eigentlich vorbereite und ob der Regierungssprecher Stefan Kornelius der richtige Ratgeber für die Kanzler-Termine ist. Der frühere Politikchef der Süddeutschen Zeitung Kornelius arbeitet allerdings unter erschwerten Bedingungen, weil Merz allgemein als beratungsresistent gilt und sich selbst viel auf seine rhetorischen Fähigkeiten zugutehält. Allgemein aufgemerkt wurde unlängst, als der Kanzler bei der Festveranstaltung für den achtzigsten Jahrestag des Neheim-Hüstener CDU-Programms mit einem Teleprompter seinen Festvortrag hielt. Ganz offensichtlich werde jetzt versucht, dem Redefluss engere Leitplanken zu geben, meinten Sprecher-Kollegen.

Stefan Kornelius, Regierungssprecher
Besonders heikel wird es für die Sprach-Strategen des Adenauer-Hauses und die Kommunikationsabteilung im Kanzleramt, wenn Merz nach der eigentlichen Rede seiner Vorliebe für einen kurzen Frage-und-Antwort-Plausch nachgibt. Lassen sich im Redetext noch grobe Leitlinien ziehen, so läuft das Gespräch danach allzu oft aus dem Ruder, weil Merz entweder seinen Emotionen folgt oder „aus einer vertikalen Pose“ seine Überlegenheit zu verströmen sucht. Eine freundliche Umschreibung für eine herablassende Herrenreiter-Attitüde, die sich etwa beim Parteitag der NRW-CDU Bahn brach, als er der SPD auf den Weg gab, wenn sie noch lerne „wirtschaftsfreundlich und migrationskritisch“ zu werden, könne man auch besser zusammenarbeiten. Er wolle es der SPD aber nicht zu leicht machen. Das klang, als spreche ein Studienrat über die Hausaufgaben seiner minder begabten Kinder.
Längst werden in der Union Stimmen vernehmbar, die vorschlagen, die Zahl der Kanzler-Auftritte zu reduzieren. Merz selbst halte jedoch wenig davon, sondern betrachte seine Auftritte als Ausweis von Basisnähe und Breitenkommunikation. Eines hat er auf diese Weise jedenfalls erreicht: Jede Kanzlerrede wird mit großer Medien-Aufmerksamkeit verfolgt. Auf der Jagd nach dem nächsten Lapsus.
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Ralf Schuler
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