„Geht überhaupt nicht“, „gehört sich nicht“: Warum ertragen es die Mächtigen nicht mehr, dass man über sie lacht?
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Obwohl sie mit jeder Menge „Dummtüch“ (Olaf Scholz) Anlässe zuhauf liefern, finden die Regierenden es unstatthaft, wenn sie dafür Hohn und Spott ernten – oder auch nur spontanes Gelächter. Sie verbitten sich das Lachen von „unten“ als respektlos. Wer die Machthaber nicht ernst nimmt, soll keinen Anstand besitzen, Lachen ist jetzt „rechts“ und damit illegitim.
Das Gelächter setzte mit Verzögerung ein. Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales sowie SPD-Chefin, hatte eben gesagt, dass aus Steuermitteln Finanziertes die Beitragszahler nicht belastet, und die Arbeitgeber brauchten zwei Sekunden, um den Stuss zu realisieren. Dann wurde herzlich gelacht. Bas reagierte verstört: „Ja, das mag für Sie lustig klingen … Das ist nicht … das ist überhaupt nicht lustig!“
Vor den Jusos sagte sie dann, sie sei beim Deutschen Arbeitgebertag ausgelacht worden. Das ganze Ereignis sei ein „Schlüsselerlebnis“ für sie gewesen und man müsse nun gemeinsam „den Kampf aufnehmen“. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch beließ es bei einer (durchaus gewagten) Ermahnung: „Ich glaube, wir sind uns alle hier einig, dass das Auslachen einer Ministerin an dieser Stelle überhaupt nicht geht.“ Und der SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer, antwortete in der Talkshow von Markus Lanz auf dessen Frage „War das Gelächter berechtigt?“ mit „Nein. Und zwar einfach auch, weil es sich nicht gehört.“

„Das ist überhaupt nicht lustig!“ Bärbel Bas reagiert angefasst auf Gelächter.
Von Kobold bis Gehacktesbrötchen: „Dummtüch“ zuhauf
Das kann man mit Fug und Recht anders sehen – nicht nur, weil es, wie Lanz richtig anmerkte, kein hämisches, höhnisches Gelächter war, sondern eine spontane Reaktion, und zwar auf eine peinlich dumme Aussage. Die ganz ähnlich übrigens schon Robert Habeck getätigt hatte: Die EEG-Umlage, hatte er gesagt, „zahlen wir als Staat und nicht die Bürgerinnen und Bürger.“
Warum sollte es „überhaupt nicht gehen“, eine unfreiwillig komische Aussage mit Lachen zu quittieren, warum „gehört es sich nicht“? Seit inkompetente Politiker in verstärktem Maße „Dummtüch“ (Olaf Scholz) von sich geben, den man früher so nicht gehört hat – erinnert sei hier an Annalena Baerbocks „Kobold“, ihre „Tierpanzer“ und das Grundlasthuhn oder Katrin Göring-Eckardts „Atomkraft verstopft die Netze“ –, fragt man sich ja eher, warum in solchen Momenten nicht ganze Heiterkeitsstürme im Saal ausbrechen.
Ein Habeck stellt sich brasilianischen Ureinwohnern als „so was wie ein Häuptling“ vor, Cem Özdemir verwechselt im Interview Gigawatt mit Gigabyte und Mario Voigt maßregelt Björn Höcke allen Ernstes, es heiße „Gehacktesbrötchen“ und nicht „Mettbrötchen“ – und da soll man sich nicht scheckig lachen?
Die Dünnhäutigkeit der Mächtigen
Die Bürger tun es, vor allem in den sozialen Netzwerken, wo sie allerlei Memes teilen, mit denen sie sich über, nun ja: lachhafte Politiker-Sprüche lustig machen. Und wie reagieren diese? Mit einer Flut von Anzeigen gegen die Urheber, selbst ein harmloses „Schwachkopf“-Meme gilt Politikern inzwischen als aus Hass und Hetze geborene schwere Beleidigung, die dem Geschmähten die Ausübung seiner Dienstpflichten unmöglich macht.
Vorbei die Zeiten, in denen ein Hofnarr sogar den König zum Narren halten durfte, solange er nicht zu sehr übertrieb, um am Ende des Tages den Kopf auf den Schultern zu behalten. Ein Triboulet (1479–1536), der unter den Königen Ludwig XII. und Franz I. diente, konnte seinen Monarchen auf listig-humoristische Weise aufs Korn nehmen, was weniger witzig verpackt als Majestätsbeleidigung sanktioniert worden wäre.

Woody Allen als Hofnarr – heutige Politiker sind oft (unfreiwillig) komischer.
Seit die Regierenden sich aber nicht mehr als vom Volk ins Parlament entsandte Vertreter verstehen, sondern als Erzieher, die den Bürgern erstmal erklären müssen, was Demokratie ist, wähnen sie sich in einer Position, die sie gegen Spott immun machen soll, weshalb sie sich den §188 StGB schufen. Sie sammeln nicht souverän die Witze, die über sie gemacht werden, sondern die Witzerzähler. Wir waren schon mal weiter. Spätestens mit der Französischen Revolution wurde eigentlich die Idee, dass Spott strafbar sei, gleich mit beseitigt.
Nicht lustig: „johlende AfD-Abgeordnete“
In Demokratien wurde Satire zum Grundrecht, ein Ventil für das Volk, um die Obrigkeit zu kitzeln, ohne dass diese gleich nach der Justiz ruft – man denke an die Karikaturen von Honoré Daumier im 19. Jahrhundert, die französische Politiker als birnenförmige, verfressene Idioten darstellten. Jetzt hatten wir mit Olaf Scholz einen „Respekt“-Bundeskanzler und zahlreiche Minister, vor allem grüner Provenienz, die im Akkord Beleidigungsklagen schreiben ließen. Und die aktuellen sind aus ähnlich dünnem Holz geschnitzt.
In Deutschland galt lange das Prinzip: Politiker müssen mehr aushalten als der Durchschnittsbürger. Heute stimmen sie das große Mimimi an, wenn man sich ihnen satirisch nähert. Was „Anstand“ ist und was nicht, das wollen sie selbst definieren. So wie sie die „Grenzen des Sagbaren“ festzulegen trachten, soll nun wohl auch das Gelächter eingehegt werden.
Einen bemerkenswerten Versuch, das Lachen als „rechts“ zu framen, startete im Mai dieses Jahres die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in ihrer Sonntagsausgabe. Justus Bender fragte „Was gibt es hier zu lachen?“ und spekulierte länglich über „johlende AfD-Abgeordnete“. Im Bundestag, so Bender, lachten AfD-Abgeordnete viel öfter als Parlamentarier der anderen Fraktionen. Mitnichten sei das jedoch sympathisch, denn:
„Die Stenographen hören genau hin, wie ein Lachen gemeint ist. Sie unterscheiden zwischen Lachen und Heiterkeit. Heiterkeit ist nach amtlicher Definition, wenn jemand wirklich fröhlich war, wegen eines Witzes zum Beispiel, und dann wiehert oder kichert. Lachen ist, wenn jemand johlt oder feixt, weil er jemanden lächerlich findet, grotesk oder unwürdig. Heiterkeit ist also nett, Lachen ein bisschen böse.“
Aber „Bernd Höcke" ist saukomisch!
Aber natürlich nur dann, wenn es Linke trifft, die sich selbst allwöchentlich über den lahmen „Bernd Höcke“-Running-Gag in der heute-show beömmeln, oder über Donald Trumps Frisur. Alice Weidel mit Hitlerbärtchen – auch urkomisch! Während Hohn und Spott über eine nun wirklich indiskutabel grottige Politik der Regierung „rechts“, also böse sind, weshalb Humorlosigkeit, Verkniffenheit und wildes Gekeife von links dem grimmigen Spott der AfD natürlich vorzuziehen ist.

Alice Weidel und Tino Chrupalla: Wenn die AfD lacht, ist das „ein bisschen böse“, meint die FAZ.
In seinem Artikel behauptet Bender: „Früher waren Linke diejenigen, die gesellschaftliche Gebote missachteten und verhöhnten und für eine Befreiung eintraten. Ihr Lachen galt den Spießern und ihrer kümmerlichen Moral. Heute ist es andersherum. Die Rechten lachen über die Moral. Sie bieten die Befreiung aus dem Korsett der Tugendhaftigkeit. Jeder Witz geht, jedes Verhalten ist in Ordnung.“
Aber: Lachen die Rechten wirklich zynisch über die Moral – oder über die Moralisten? Über Wasserprediger, die sich selbst Wein genehmigen? Hier kommt wieder Bärbel Bas ins Spiel, die über Manager „in bequemen Sesseln“ ablästerte, einige auch „in Maßanzügen“. Nur dass diese ihren Luxus selbst zahlen, während Frau Bas den Steuerzahler mit 1000 Euro monatlich für ihr kaum wahrnehmbares Styling aufkommen ließ.
Legitimer Hohn und Spott werden kriminalisiert
Zu dieser Privilegierten-Kaste gehören aber auch andere Politiker, die, wie Annalena Baerbock, auch schon mal für eine Kurzstrecke trotz Nachtflugverbots (ein Herzensanliegen ihrer eigenen Partei) den Jet nahm, oder Intendanten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks wie die ehemalige rbb-Chefin Patricia Schlesinger, die auf ihren Sendern 24/7 Verzicht zugunsten des Klimas predigen lassen, aber sich selbst in Massagesesseln und -sitzen im protzigen Dienstwagen fläzen.
Und über solche Meldungen sollen wir nicht wenigstens bitter auflachen können? Auch Justus Benders These, der AfD-Humor sei „ein bewusstes Mittel zur Radikalisierung“, klingt rechtschaffen lächerlich. „Wer mitlacht, hat seine Normen ein Stück verschoben, kann aber, wenn er kritisiert wird, schnell sagen: War doch nur ein Scherz.“ Dazu bemüht Bender den guten alten Sigmund Freud, der vom „tendenziösen Witz“ sprach, welcher vom FAZ-Mann so erklärt wird: „Der braucht drei Zutaten, erstens: dass man eine Aggression gegen jemanden hat. Zweitens: dass es einem gesellschaftlich verboten ist, diese Aggression zu äußern. Drittens: dass man ein Publikum sucht, das man zum Komplizen machen kann.“
Geht ein Witz auf Kosten des politischen Establishments, ist er also „Opfer einer Aggression“, wer ins Lachen einstimmt, ein „Komplize“. Und schon ist legitimer Hohn und Spott kriminalisiert. Da freut sich der anständige Politiker einmal mehr über die Begleitmedien, die, anders als zu Zeiten etwa Helmut Kohls, mit Spott über die Mächtigen schon länger sehr sparsam umgehen.
Es ist auch zum Heulen
Sehr richtig hat aber der Journalist Hasnain Kazim in der Debatte um Bärbel Bas festgestellt: „Niemand hat das Recht, nicht ausgelacht zu werden.“ Manche finden sogar, dass wir in Zeiten leben, in denen Lachen über unfähiges Regierungspersonal erste Bürgerpflicht sein sollte. Warum schwiegen Moderator und Publikum, wenn Karl Lauterbach, in der Corona-Zeit Gesundheitsminister, einen irrsinnigen Satz nach dem anderen ins Talk-Studio emittierte? Wir alle hätten Verständnis gehabt, wenn sie vor Lachen und sich den Bauch haltend vom Stuhl gefallen wären, schließlich taten wir es auch.

Karl Lauterbach kann von „Feinstaub im Gehirn“ schwadronieren, ohne dass das Pubilkum sich krumm und bucklig lacht.
Die Alternative zum Lachen – das immerhin ein Mittel ist, mit dem absurden Polit-Zirkus umzugehen – wäre außerdem nur bitterliches Weinen über hanebüchene Aussagen von Menschen, die schlicht keine Qualifikationen für Posten mitbringen, in denen sie Entscheidungen treffen dürfen, die unser aller Leben beeinflussen. Das ist nämlich eher tragikomisch bis erschütternd.
Dumm ist der, der Dummes tut, hat die Mutter von Forrest Gump gesagt. Wer sich dafür eine amüsierte Reaktion einfängt, hat sich das selbst zuzuschreiben, es gibt keinen Grund, warum Politiker hier eine Sonderstellung beanspruchen dürften. Im Gegenteil sollten sie froh sein, wenn nur gelacht wird, statt dass die Menschen, die von ihnen zum Narren gehalten werden, eines Tages mit Fackeln und Mistgabeln vor ihren Büros auftauchen.
Jeder Witz wird zur narzisstischen Kränkung
Dennoch halten sich die neofeudalistischen Herrscher für unantastbar. Da sie sich in grotesker Verkennung ihrer Aufgaben selbst für den Staat halten, halten sie Hohn, der über sie ausgegossen wird, für staatsfeindliche Hetze. „Wer den Staat verhöhnt [sic!], hat die frühere Justizministerin Nancy Faeser wörtlich so gesagt, „der muss es mit einem starken Staat zu tun bekommen“. Ein neuer Paragraf im Strafgesetzbuch, etwa des Inhalts „Wer inkompetente Ministerinnen oder Minister belächelt, auslacht oder verhöhnt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter drei Monaten bestraft“, wurde zwar noch nicht geschaffen, aber das kann ja noch kommen.

Rief im Fall von „Verhöhnung“ nach dem starken Staat: Nancy Faeser.
Spott über „die da oben“ wurde, so schlau waren diese dann doch, in Maßen zugelassen, etwa im Karnevalstreiben. War die Aufmüpfigkeit auf diese Weise kanalisiert und zeitlich befristet, mussten sie dann nicht um ihre Macht fürchten. Vielleicht wussten sie auch, dass stark wirkt, wer über sich selbst lachen kann. Und kleinkariert, wer dazu unfähig ist. Da das aktuelle Polit-Personal, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kein Format hat, haben wir es mit einer selbstgerechten Kaste zu tun, die Angst hat, dass Witze und Gelächter ihre Inkompetenz bloßstellen könnten und der Souverän, den sie als Mündel ansehen, sie trotz ihres Ranges nicht ernstnimmt. So wird jeder Witz zur narzisstischen Kränkung.
„Empty suit“ (wörtlich „leerer Anzug“) nennt man solche Menschen im Englischen, aber es darf auch gern mal ein Hosenanzug sein – oder Rollkragenpulli mit rotem Blazer drüber. Und, ja: Auch das ist schon hochkomisch, wenn eine so gekleidete Person über Herren in ordentlichen Anzügen ablästert. Aber lachen Sie lieber im Keller, wenn Sie keinen Ärger bekommen wollen, Sie wissen ja: Lachen ist rechts. Unanständig. Und geht überhaupt nicht.
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Claudio Casula
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