IPCC-Skandal – der Mann, der dem Klima-Papst widersprach: „Ich glaube, dass die jüngste Erwärmung wohl auch schon vor 1000 Jahren erreicht wurde“
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Von höchster Priorität war beim Weltklimarat IPCC – neben den Studieninhalten – stets die darüber hinaus zu vermittelnde Botschaft. Wer die im Zuge des Climategate-Skandals (2009) veröffentlichten E-Mails liest, stößt immer wieder auf ein auffälliges Wort: „message“. Die Forscher sprechen nicht nur über Vorgehensweisen, Probleme und den Umgang mit externer Kritik, sondern wiederholt auch über die Frage, welche „Botschaft“ ihre Arbeit tragen soll. Und die lautet ganz offenkundig: Es gibt eine extreme Klimaerwärmung, an der ausschließlich der Mensch schuld sei.
Hinsichtlich eben dieser zu vermittelnden „Botschaft“ zeigt sich ein interessanter Konflikt innerhalb des IPCC zwischen den Forschern Keith Briffa und Michael E. Mann. Letzterer war als Chef-Autor zuständig für die immens bedeutsamen Berichts-Zusammenfassungen an die Entscheidungsträger in der Politik. Keith Briffa steuerte seine Klimastudien bei – problematisierte aber intern immer wieder, dass Forschungsdaten durchaus widersprüchlich und zu unsicher seien, um daraus handfeste Fakten zu generieren. Dennoch wurden auch diese Unsicherheiten zu einer glasklaren „Botschaft“ glatt gebügelt. Und so wurde die „mittelalterliche Wärmeperiode“ aus der Klimageschichte getilgt.
NIUS zeichnet diesen Zwist anhand geleakter E-Mails nach, die bislang noch nicht im Licht der Öffentlichkeit standen.
Um diesen Schriftverkehr zu verstehen, muss man zunächst verstehen, was die Paläoklimatologie überhaupt tut.
Das Hockeyschläger-Diagramm begründete die einschlägige Klimapolitik
Weil die moderne Klimaforschung erst seit etwa 150 Jahren über flächendeckende Thermometer-Messungen verfügt, untersuchen Forscher Baumringe, Eisbohrkerne, Sedimente, Korallen und andere sogenannte Proxydaten. Aus diesen indirekten Hinweisen versuchen sie, die Temperaturen vergangener Jahrhunderte zu rekonstruieren.

Der Paläoklimatologe Keith Briffa
Nun ist ein Baumring kein Thermometer. Seine Dicke wird nicht nur von der Temperatur beeinflusst, sondern auch von Niederschlag, Sonneneinstrahlung, dem CO2-Gehalt der Atmosphäre, der wie ein Dünger wirkt, und zahlreichen weiteren Faktoren. Die Paläoklimatologie beansprucht dennoch, aus solchen indirekten Hinweisen historische Temperaturen rekonstruieren zu können.
Warum ist das relevant? Weil auf diesen Rekonstruktionen eines der einflussreichsten Diagramme der jüngeren Wissenschaftsgeschichte beruht: das sogenannte Hockeyschläger-Diagramm. Dieses Diagramm begründet seit 2001 die einschlägige Klimapolitik, die auf der Annahme eines extremen Temperaturanstiegs durch den Menschen und seine CO2-Emissionen beruht.
Berühmt wurde es Anfang der 2000er Jahre durch Arbeiten von Michael E. Mann und Kollegen. Über nahezu tausend Jahre zeigt die Temperaturkurve einen vergleichsweise flachen Verlauf. Erst im 20. Jahrhundert schießt sie plötzlich steil nach oben – wie die Kelle eines Hockeyschlägers.

Der Hockeyschläger im aktuellen, sechsten IPCC-Bericht.
Die Aussage war ebenso einfach wie folgenreich: Über Jahrhunderte habe sich das Klima nur wenig verändert. Erst die Industrialisierung habe eine beispiellose Erwärmung ausgelöst.
„Wir haben Schwierigkeiten damit, die eigentliche Botschaft der Rekonstruktionen angemessen zu vermitteln“
Während nach außen der Eindruck eines weitgehenden wissenschaftlichen Konsenses entstand, ergibt sich nach innen ein deutlich komplizierteres Bild. Besonders eine Figur fällt dabei auf: Keith Briffa. Der inzwischen verstorbene britische Paläoklimatologe gehörte zu den weltweit führenden Spezialisten für Baumringrekonstruktionen. Seine Datensätze flossen direkt in die großen Temperaturrekonstruktionen des IPCC ein.
Gerade deshalb sind seine E-Mails so interessant. Denn wer sie liest, begegnet keinem Klimaskeptiker und auch keinem Außenseiter der Klimaforschung. Im Gegenteil: Briffa gehörte zum innersten Kreis jener Wissenschaftler, die das Fundament des Hockeyschlägers mitaufgebaut haben. Die E-Mails offenbaren jedoch auch keinen Forscher, dem die Botschaft über alles geht. Immer wieder weist Briffa auf methodische Grenzen hin und betont Unsicherheiten.
So schreibt er 2006: „Wir haben Schwierigkeiten damit, die eigentliche Botschaft der Rekonstruktionen angemessen zu vermitteln – nämlich einerseits wissenschaftlich fundiert mit Unsicherheiten umzugehen, andererseits aber den Kern der Information dennoch klar herüberzubringen. Es wäre falsch, Unsicherheiten zu ignorieren; diese jedoch lediglich auf willkürliche Weise (und wie zuvor als bloße Gesamtspanne) darzustellen, birgt die Gefahr, dass die Unsicherheit die historischen Schwankungen des Klimas überdeckt.“ Mit „willkürliche Weise“ und „bloße Gesamtspanne“ meint er, die Unsicherheiten lediglich als statistischen Unsicherheitskorridor anzugeben, der sich um die tatsächliche Temperaturkurve legt.

Die E-Mails sind in Form von txt-Dateien veröffentlicht worden.
In seinen Zeilen spricht kein radikaler Dissident, sondern jemand, der schlicht nicht gewillt ist, wissenschaftliche Unklarheit und Komplexität einer gereinigten politischen Botschaft zu unterordnen – einer „schönen, aufgeräumten Geschichte“, wie er bereits 1999 gegenüber Michael E. Mann schrieb. Die Datenlage sei „komplizierter“. Einzelne Rekonstruktionen widersprächen sich. Die Unsicherheiten seien erheblich.
Temperaturausschläge wurden weggemittelt, Mittelalter-Wärme gelöscht
Sein Kollege Timothy Osborn schien weniger Probleme damit zu haben, über sie hinwegzugehen. In einer E-Mail an Keith Briffa schickt er diesem eine von ihm überarbeitete Temperaturrekonstruktion Keith Briffas. In dessen ursprünglicher Version gab es noch einen Höhepunkt im Mittelalter, nach seiner Überarbeitung war er eingeebnet und damit gelöscht. Osborn schreibt:
„Hier ist die alte Version zum Vergleich … Der einzige nennenswerte Unterschied betrifft die Region URAL/JAMAL, die zuvor um das Jahr 1000 n. Chr. einen höheren Spitzenwert aufwies. Zwar handelte es sich dabei um eine recht deutliche Änderung, doch sobald man diesen Wert mit den beiden anderen Datenreihen mittelt, zeigt die resultierende Gesamtmittelwert-Reihe nur noch minimale Abweichungen.“

Schwankungen wurden eingestandenermaßen weggemittelt.
Der Peak störte offenbar die Botschaft, dass die Extremerwärmung erst im Zeitalter der Industrialisierung begann, und wurde dadurch zum Verschwinden gebracht, indem er mit anderen Datenreihen gemittelt – das heißt „begradigt“ – wurde. Sehr viel später kritisierte Gerd Ganteför, ein wissenschaftlicher Kritiker autoritärer Klimapolitik, diese „Wegmittel“-Methode als unseriös. Er sah sich diese Kurve von außen an und erkannte: Sie konnte nur durch diese unseriöse Methode entstanden sein. Die internen E-Mails bestätigen nun, dass tatsächlich so verfahren wurde.
Keith Briffa grenzte sich von Michael E. Mann in der zentralen Mittelalter-Frage ab
Der wohl größte Dissens zwischen Briffa und Michael E. Mann (intern „Mike“ genannt) betraf die zentrale Frage der vorindustriellen Klimageschichte. In einer E-Mail vom 22. September 1999 schreibt Briffa unmissverständlich:
„Ich glaube, dass die jüngste Erwärmung wohl auch schon vor 1000 Jahren erreicht wurde.“ 1000 n. Chr. befanden wir uns mitten im Mittelalter.

Keith Briffa grenzt sich von Michael E. Mann ab: „Ich glaube, dass die jüngste Erwärmung wohl auch schon vor 1000 Jahren erreicht wurde.“
Noch deutlicher wird Briffa unmittelbar danach: „Ich glaube nicht, dass die globalen mittleren Jahrestemperaturen über Tausende von Jahren hinweg einfach fortlaufend abgekühlt haben [der Hockeyschläger weist eine leicht absinkende Tendenz auf, Anm. d. Red.], wie Mike [sprich: Chef-Autor Michael E. Mann] offenbar annimmt.“ Stattdessen gebe es „starke Hinweise auf erhebliche Klimaschwankungen während des Holozäns“ – des gegenwärtigen Erdzeitalters (ca. 9700 v. Chr. bis heute), das die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation umfasst.
Briffa fügte hinzu: „Abschließend bitte ich um Entschuldigung für dieses doch recht ausschweifende, persönliche Geplänkel“, doch das war eine Untertreibung. Seine Ausführungen stachen mitten ins Herz der kommenden Klimapolitik.
Denn erst durch die Elimination von historischen Wärmephasen erscheint die Erzählung einer beispiellosen und deshalb überwiegend menschengemachten Erderwärmung seit der Industrialierung überhaupt als plausibel.
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