Der verschwiegene Klimaskandal: Weltklimarat-Bericht tilgte warmes Mittelalter, damit alles passt
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Es war ein Diagramm, das Weltpolitik machen sollte: Im Jahr 2001 präsentierte der Weltklimarat IPCC Politikern und Entscheidungsträgern auf der ganzen Welt eine Grafik, die nach rund 1000 Jahren vergleichsweise stabiler Temperaturen einen abrupten Temperaturanstieg im Industriezeitalter zeigen sollte. Die Darstellung brach nicht nur mit älteren Lehrbüchern, sondern auch mit früheren Darstellungen des IPCC selbst. Anfang der neunziger Jahre tauchte die mittelalterliche Wärmeperiode in Berichten des Weltklimarats noch auf.
Dass bei der Tilgung der mittelalterlichen Wärmeperiode aus dem zentralen Klima-Diagramm wissenschaftlich unzulässige Methoden zum Einsatz kamen, ist dokumentiert. 2009 wurden durch geleakte E-Mails die internen Diskussionen und Denkweisen jener IPCC-Autoren öffentlich, die das berühmte Hockeyschläger-Diagramm mitentwickelten. Der Skandal ging als „Climategate“ in die Geschichte ein, wenngleich man alles dafür tat, ihn kleinzureden. Warum ist das alles bis heute von enormer Bedeutung? NIUS rekonstruiert die Vorgänge Schritt für Schritt – und greift dabei auf gründliche Recherchen des Biologen und Lehrers Markus Fiedler zurück, die bislang noch nicht das Licht der Öffentlichkeit gefunden haben.
Auftrag des IPCC war nie ergebnisoffen
Um den Weltklimarat IPCC zu verstehen, lohnt sich ein Blick in seine Statuten. Der von den Vereinten Nationen eingerichtete Rat war nie einfach ein freier Zusammenschluss unabhängiger Wissenschaftler. Bereits sein Gründungsauftrag bestand darin, das „risk of human-induced climate change“ – also das „Risiko eines durch den Menschen verursachten Klimawandels“ – auf „wissenschaftlicher Grundlage“ zu untersuchen und aufzubereiten. Man beachte, dass mit dieser Formulierung der menschliche Faktor als dominanter, entscheidender Einfluss auf die Erderwärmung von Anfang an gesetzt war. Der IPCC ging also nie ergebnisoffen an die Thematik heran, sondern mit einer dogmatischen Grundannahme.
Vor diesem Hintergrund entstand jenes Diagramm, das später weltberühmt werden sollte. In seinem 2001 veröffentlichten Dritten Weltklimabericht präsentierte der IPCC eine Grafik, die suggerierte, die Temperaturen seien über nahezu ein Jahrtausend relativ konstant geblieben, bevor sie mit Beginn der Industrialisierung sprunghaft angestiegen seien.

Das im Dritten Weltklimabericht von 2001 veröffentlichte „Hockeyschläger-Diagramm“ erhielt seinen Namen aufgrund der Ähnlichkeit seiner Kurve mit der Form eines Hockeyschlägers.
Auslöschung der mittelalterlichen Wärmeperiode
Das bedeutete einen fundamentalen Bruch mit dem bisherigen Wissensstand – einem Wissensstand, den der IPCC Anfang der neunziger Jahre selbst noch referiert hatte. Damals tauchte die mittelalterliche Wärmeperiode im Bericht des Weltklimarats auf: eine Epoche, die in dem Diagramm sogar wärmer als die Gegenwart dargestellt wurde, bevor dann die Kleine Eiszeit einsetzte.

IPCC-Bericht „Climate Change“, 1990.
Der britische Politiker Lord Christopher Monckton erhob später den Vorwurf, es sei dem IPCC darum gegangen, die mittelalterliche Wärmeperiode „auszulöschen“ („wipe out the Medieval Warm Period“). Aus ideologischer, pädagogischer Sicht ergibt dieser Vorwurf durchaus Sinn: Wenn es bereits im Mittelalter ähnlich warm gewesen sein sollte wie heute, erscheint die gegenwärtige Erwärmung weniger als historisch beispiellose, menschengemachte Eskalation, sondern vielmehr als Teil natürlicher Klimaschwankungen.
„Hide the decline“
Nicht wenige Wissenschaftler und Beobachter zogen deshalb die Augenbrauen hoch. Einer der bekanntesten Kritiker wurde der kanadische Mathematiker Steven McIntyre. Er versuchte, den Hockeyschläger nachzurechnen, scheiterte aber daran, den exakten Graphen zu reproduzieren. Deshalb forderte er die zugrunde liegenden Originaldaten an, die unter anderem von der Climate Research Unit (CRU) der University of East Anglia stammen und in die Bewertungen des Weltklimarats IPCC einfließen. Doch statt wissenschaftlicher Transparenz stieß er nach eigener Darstellung auf Abwehr und Abschottung.
McIntyre gründete schließlich einen Blog, auf dem er seine Recherchen und Erfahrungen mit dem IPCC dokumentierte. Wahrscheinlich war es einer seiner Leser, der später die rund 1000 E-Mails der CRU veröffentlichte.
Im Zentrum der geleakten E-Mails stand die berühmt gewordene Formulierung „hide the decline“. In einer E-Mail schrieb der damalige CRU-Direktor Phil Jones: „Ich habe gerade Mikes Nature-Trick genutzt, indem ich die tatsächlichen Temperaturen bei jeder Serie der letzten 20 Jahre (also ab 1981) und bei Keiths Daten ab 1961 hinzugefügt habe, um den Rückgang zu verbergen.“
Gemeint war eine Temperaturrekonstruktion auf Basis von Baumringdaten, die ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mit den gemessenen Temperaturen übereinstimmte. Die Baumringkurve zeigte einen Rückgang, obwohl die gemessenen Temperaturen anstiegen. Um dieses Problem zu umgehen, wurde die absinkende Kurve ab 1961 abgeschnitten und reale Messdaten an die Rekonstruktion „angefügt“ („spliced“). In der veröffentlichten Grafik wurde dieser Wechsel zwischen Rekonstruktion und Messdaten jedoch nicht klar kenntlich gemacht, obwohl jeder Methodenwechsel – schon weil er statistische Verzerrungen (Artefakte) mit sich bringen kann – dokumentiert werden muss. Noch entscheidender ist hier allerdings, dass man aufgrund der widersprüchlichen Daten („decline“) die Methode selbst hätte problematisieren müssen, statt ihre Ergebnisse dort, wo sie genehm sind, zu integrieren und im gegenteiligen Fall auszublenden.

Aus Baumringen lassen sich Rückschlüsse auf das historische Klima ziehen.
Der Vorgang sorgte international für erheblichen Wirbel. Phil Jones trat zwischenzeitlich sogar vorübergehend als Leiter der Climate Research Unit zurück, bis ihn eine Untersuchungskommission später rehabilitierte. Die Kommission erklärte in ihrem Bericht: „Wir haben keine Beweise für vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten gefunden.“ In der Sache bestätigte sie jedoch die zentrale Kritik der Skeptiker.
Von einer echten Entlastung kann daher keine Rede sein. Hinsichtlich der Vorwürfe rund um den „Trick“ und das „Verbergen des Rückgangs“ kam die Kommission zu dem Schluss, dass die betreffende Grafik „angesichts ihrer späteren ikonischen Bedeutung“ tatsächlich „irreführend“ gewesen sei. Zwar seien weder das Abschneiden von Rekonstruktionen noch das Zusammenfügen unterschiedlicher Datensätze grundsätzlich unzulässig. Beide Vorgehensweisen hätten jedoch offengelegt werden müssen – „idealerweise direkt in der Grafik, zumindest aber eindeutig in Bildunterschrift oder Begleittext“.
Damit bestätigte die Untersuchungskommission den Kernvorwurf der Kritiker: Die Darstellung „war irreführend“. Der Unterschied lag allein in der milderen Bewertung. Während Kritiker von Wissenschaftsbetrug sprachen, wollte die Kommission kein vorsätzliches Fehlverhalten erkennen.

Wissenschaftlich unlauter: Das Hockey-Diagramm wurde von einer Kommission als „irreführend“ kritisiert..
Indes werteten viele Medien vor allem den Zugriff auf die E-Mails selbst als Skandal, nicht aber deren Inhalt. Der Eindruck entstand, das eigentliche Problem bestehe darin, dass jemand das Vertrauen in die Klimaforschung untergraben habe. Als hätten Öffentlichkeit und Wissenschaft keinen Anspruch auf Transparenz bei einem Themenkomplex, der die Energie- und Wirtschaftspolitik ganzer Volkswirtschaften prägt. Mit dem Bericht der Untersuchungskommission galt die Angelegenheit für viele Redaktionen dann auch als erledigt.
„Der Druck besteht, eine schöne, aufgeräumte Geschichte zu präsentieren“
Doch die geleakten E-Mails zeigten weit mehr. Sie dokumentierten nicht nur die später von der Kommission bestätigte Irreführung rund um den Hockeyschläger, sondern auch deren Entstehungsgeschichte. Keith Briffa – jener Forscher, dessen Baumringdaten später im Zentrum der „hide the decline“-Kontroverse standen – beschrieb das zugrunde liegende Problem bereits zwei Jahre vor Veröffentlichung des IPCC-Berichts erstaunlich offen. In einer E-Mail vom 22. September 1999 schrieb er: „Ich weiß, dass der Druck besteht, eine schöne, aufgeräumte Geschichte zu präsentieren und sich auf eine ‚scheinbar beispiellose Erwärmung in tausend Jahren oder mehr in den Proxy-Daten‘ zu beziehen, aber ganz so einfach ist die Situation in Wirklichkeit nicht.“
Weiter erklärte Briffa, dass viele der verfügbaren Baumring-Proxys gerade nicht die moderne Erwärmung abbildeten: „Wir haben nicht viele Proxys, die auf dem neuesten Stand sind, und die, die es sind – zumindest eine beträchtliche Anzahl von Baum-Proxys – zeigen einige unerwartete [daraus errechnete Temperaturänderungen], die nicht der jüngsten Erwärmung entsprechen.“ Und schließlich folgt der entscheidende Satz: „Ich halte es nicht für sinnvoll, dieses Thema in diesem Kapitel zu ignorieren.“
Doch genau das sollte geschehen: Die widersprüchlichen Divergenzen der Baumringdaten wurden im ikonischen Hockeyschläger-Diagramm für politische Entscheidungsträger nicht transparent gemacht. Stattdessen entschied man sich für eine „schöne, aufgeräumte Geschichte“ – mehr noch: für ein Diagramm, das die mittelalterliche Wärmeperiode aus der Klimageschichte tilgte.
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