Ist Tolerieren schon „Zusammenarbeit“ mit der AfD? CDU-Vizegeneralsekretärin Christina Stumpp gerät in Erklärungsnot
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Wie tief der Eiertanz der Union im Umgang mit der AfD inzwischen die Reflexe sogar der Parteispitze in Mitleidenschaft zieht, hat dieser Tage die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp bei den Kollegen von Politico unfreiwillig zu Protokoll gegeben. Im Podcast mit Gordon Repinski ist eine durchaus bezeichnende Momentaufnahme, eine mentale Miniatur der verwirrten Gedanken und Gefühle entstanden.
Anfangs hält Stumpp als versierte Parteisoldatin trittsicher Kurs: „Wir machen CDU pur. Wir kümmern uns um die Sorgen und Nöte der Leute im Land …“, sagt sie. Und was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft wird und für die Union ohne Linkspartei nichts mehr geht, will Repinski wissen.
„Sie wollen mich in eine bestimmte Ecke drängen“
Stumpp stabil: „Wir kämpfen bis zum Wahltag für CDU pur und dass wir stärkste Kraft werden.“ Aber was genau bedeutet „Zusammenarbeit“, wird sie gefragt: „Ich bleibe dabei: Wir haben eine klare Haltung, keine Absprachen, keine Koalition …“
Frage: „Ist Tolerieren Zusammenarbeit?“
Stumpp: „Nein.“
„Tolerieren wäre ok?“
Stumpp: „Nein. Das habe ich nicht gesagt. Sie wollen mich in eine bestimmte Ecke drängen. Das mache ich nicht mit, sage ich Ihnen …“
Frage: „Ich will es nur verstehen.“
Dann fasst Stumpp wieder festen Fuß und kann das Standardprogramm abrufen: „Durch pragmatische, gute Regierungsarbeit die Probleme im Land lösen …“ Dann kommen alle Themen von innerer Sicherheit bis Wirtschaftsaufschwung.

Der Diskurs rund um die Brandmauer spaltet die Union.
Straucheln im Fettnäpfchen-Dickicht
Was in diesem banalen Dialog zum Vorschein kommt, ist ein Augenblick des hilflosen Feen-Tanzes zwischen den dicht gestellten Fettnäpfen der verquasten AfD-Strategie: Niemals, nie und mit niemandem von der AfD ist der zentrale Glaubenssatz, den auch Stumpp verinnerlicht hat. Doch dann kommt Verunsicherung auf, ob die gemeinsamen Abstimmungen mit der AfD Anfang des Jahres im Bundestag damit nicht nachträglich delegitimiert werden.
Also ist „Tolerieren“ für einen unaufmerksamen Augenblick für Stumpp keine „Zusammenarbeit“, also zulässig. Obwohl nicht ganz klar ist, wer wen toleriert: Die Union die AfD oder umgekehrt. Außerdem hat die tapfere Vize-Generalin noch im Ohr, dass auf kommunaler Ebene pragmatische Lösungen mit Hilfe der AfD auch nach den Worten von Kanzler und CDU-Chef Merz möglich sein müssen.
Also doch nicht „niemals, nie“. Stumpp strauchelt für einen Augenblick. Man kann es ihr im Grunde nicht übelnehmen, schließlich kriegen ganz offensichtlich selbst Profis den AfD-Kurs nicht auf eine Linie zwischen „Nie“, außer manchmal, aber nicht auf Bundesebene, und dann auch nur im Wahlkampf nach Anschlägen …
Klassischer Anfängerfehler
Das hätte man so stehen lassen können, ohne, dass es groß aufgefallen wäre: ein unglückliches „Nein“ an der falschen Stelle. Das versendet sich, würden die TV-Leute sagen. Doch Stumpp macht als Profi einen klassischen Anfängerfehler. Sie versucht, ihre Worte zurückzuholen.
Kurz nach dem Interview ruft ein Sprecher aus dem Adenauer-Haus bei Politico an, später Stumpp selbst. Es sei „ein Missverständnis“ gewesen. In der Redaktion hören sie die Passage wieder und wieder: Die Frage war eindeutig. Die Antwort ist es auch. Gesagt ist gesagt, und natürlich berichten die Kollegen auch genüsslich über die Versuche der Rückholung. Wenig später macht Stumpp die Sache dann selbst öffentlich. Sie habe die Frage falsch verstanden, schreibt sie auf X. Wer es bis jetzt nicht mitbekommen hat, dass da etwas angebrannt sein könnte, der weiß es jetzt.
„Ein Sturm im Fingerhut“, wie Henryk M. Broder es nennen würde, der erst dadurch zum Vorgang wird, dass er ein Schlaglicht wirft auf die blankliegenden Nerven im Konrad-Adenauer-Haus. Und was gilt nun wirklich? „Die Worte des Vorsitzenden stehen für sich“, lautet eine Standard-Floskel versierter Pressesprecher. Damit kann man nichts falsch machen.
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Ralf Schuler
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